, ohne sie tief zu verletzen , und wenn Ernestine erfuhr , daß Gretchen Braut sei , dann verschmähte sie sicher jede Hilfe und jeden Dienst , um ihr bräutliches Glück nicht zu beeinträchtigen . Das stolze Wesen ertrug ja den Gedanken nicht , irgend Jemandem zur Last zu fallen . Weil Gretchen dies von Anfang an gefühlt , hatte sie darauf bestanden , daß man Ernestinen ihre Brautschaft verberge und nun — sollte sie selbst es verraten ? Nein ! Gretchen gewann es über sich , zu schweigen . „ Ich will Dir meinen Plan mitteilen , “ begann Ernestine . „ Den Gedanken , nach Amerika zu gehen , habe ich natürlich aufgegeben . Ich könnte ohne männliche Hilfe der Aufgabe , die mir dort gestellt ist , nimmer genügen — ich brächte es auch nicht mehr über mein Herz , die Heimat und Alles , was mir lieb , um des kalten Ruhmes willen zu verlassen ! — Ich will als Lehrerin der Naturwissenschaften in ein Institut zu kommen suchen , oder wenn mir das wider Erwarten nicht gelingt , als Erzieherin in ein Privathaus . Ich sehe aber ein , daß ich noch in Allem , was man von einer Frau in solch abhängiger Stellung verlangt , zu ungeschickt bin . Ich kann keine weibliche Arbeit , ich wäre nicht im Stande , mir nur ein Kleid auszubessern , geschweige denn einen mir anvertrauten Zögling zu dergleichen anzuhalten . Ich verstehe keine Kunst , ich weiß nichts von Allem , was man im Leben braucht , — und das , was ich weiß , braucht man im Leben nicht ! So viel ist mir schon klar geworden , seit ich unter Menschen komme . Du , Gretchen , bist meine einzige Hoffnung — Du sollst mich das Alles lehren , denn Du bist ja Meisterin in den Dingen , die ein Weib kennen muß . Ich will fort von hier , fort aus der Gegend , denn wenn ich Möllners Augen nicht entrückt werde , ist weder für ihn noch für mich Friede . Er würde immer glauben , mich meinem Elend entreißen zu sollen , es wäre ein fortwährender Kampf . Da dachte ich nun , wenn wir Beide zusammen in irgend eine kleine Stadt zögen , so weit von hier , als meine Mittel es erlauben , und Du mir ein paar Monate Deines jungen , hoffnungsvollen Daseins widmetest , bis ich so weit wäre , daß ich in einen — Dienst treten könnte , “ sie sprach das Wort mit Überwindung . „ Wäre das wohl von mir zu viel verlangt ? Dir , Gretchen , steht die Welt offen , Jeder nimmt Dich mit Freuden auf , wenn Du aus der Verborgenheit wieder unter die Menschen zurückkehrst . Möllners Haus ist Dir eine sichere Heimat , wo Du auf Händen getragen wirst — willst Du das Alles mir für eine Zeit lang opfern ? “ „ Mit tausend Freuden , “ sagte Gretchen . „ Aber teuerste Ernestine — haben wir die Mittel , diesen Plan auszuführen ? Alles , was ich besitze , sind drei Goldstückchen , die fand ich in der Tasche des Kleides , das mir meine Mutter anzog . Siehst Du , da sind sie , ich trage sie immer bei mir . Die Mutter hatte darauf geschrieben : „ für das Nötigste . “ — Ich hatte Dir einmal eine Freude machen wollen , denn das ist und bleibt für mich immer das „ Nötigste . “ Dies , liebe Ernestine , ist mein ganzer Reichtum — er gehört Dir , aber weit werden wir nicht damit kommen . “ „ Du treue Schwester ! “ rief Ernestine , „ ich danke Dir . Wir sind nicht so arm , wie Du denkst . Es ist Möllners umsichtiger Fürsorge gelungen , meine Einrichtung vor den Übergriffen der Gläubiger Deines Vaters zu schützen . Ihr Verkauf trägt uns immerhin ein kleines Kapital , womit wir reichen werden , bis ich eine Stelle gefunden . “ „ Ja , — es kommt darauf an — wie lange das dauert , “ meinte Gretchen bedenklich . „ Nun , ich denke , doch höchstens einige Monate . “ Gretchen erschrak , aber sie verbarg es und sagte ergeben : „ So wollen wir wenigstens einen Ort wählen , wo ich etwas verdienen kann , sonst könnten wir eines Tages Hunger leiden . “ „ Wie Du willst , Gretchen , “ erwiderte Ernestine , „ wohin Du willst . Rate , beschließe — ich gebe mich blind in Deine Hände , — nur führe mich fort von hier , ohne daß ein Auge uns sieht und eine Hand uns zurückhält ! “ „ So soll es Niemand wissen ? Ich darf es Niemandem sagen ? “ „ Gretchen , glaubst Du , man würde uns reisen lassen , wenn man unsere Absicht erriete ? Wenn Du Dich nicht stark genug fühlst zu schweigen , so bekenne mir ’ s offen , denn dann gehe ich allein und ohne Dein Wissen . “ „ O nein , Ernestine — ich lasse Dich nicht allein in die weite Welt ziehen . Gewiß nicht . Was wären alle meine Vorsätze und Schwüre , wenn ich nicht einmal die erste , die leichteste Probe bestünde ? Aber es gibt noch einen Menschen , Ernestine , gegen den ich Pflichten des Gehorsams habe , es ist mein — Vormund ! Ich bin nicht mündig wie Du , Ernestine , kann nicht tun und lassen , was ich will . Ihn muß ich fragen , ob ich mit Dir gehen darf und für ihn bürge ich Dir . Er muß mir im Voraus versprechen , daß er nicht verrät , was ich ihm anvertrauen werde , und dieser Mann hält , was er verspricht ! “ Ernestine überlegte einen Augenblick . „ Gut denn , ich sehe ein , daß Du das nicht umgehen kannst .