sündigen Natur zu den Dingen der Erde zu besiegen ; das lehrt uns jeder unbefangene Blick , den wir in uns selbst werfen . Er sollte triumphieren , aber ach ! er wird von ihr erstickt , wenn die Gnade ihm nicht zu Hilfe kommt und ihn in Tugend verwandelt , indem sie ihn zur Richtung des Willens auf das Gute , auf Gott , macht . Hinter der starren , rauhen Rinde eines Baumes steigt ein wunderbarer Lebenstrieb auf und ab , der ihn mit überraschender Schönheit , mit Laub , Blüten und Früchten schmückt . So steht die himmlische Pflanze des übernatürlichen Menschen hinter der groben Rinde der gefallenen Natur , und Christus muß kommen und den übernatürlichen Menschen in seinem Blut baden , mit seinem Fleisch nähren , mit seinem Licht erleuchten , mit seinem Geist heiligen , so daß dieser nicht mehr von der groben Rinde sich überwuchern läßt , sondern in Blüten des Lichtes und Früchten der Gnade ausbricht . Das Leben Christi in uns ist der neue Mensch ; der zweite Mensch - wie der Apostel Paulus mit großartigem Ausdruck sagt . Der erste Mensch ist der gefallene Stammvater , der die Menschheit mit sich abwärts reißt und ihr Repräsentant ist . Der zweite Mensch ist der Erlöser , der die Menschheit in die Gnadenordnung einführt und sich zu ihrem Stellvertreter macht . « » Nun weiß ich , was mit Lelio vorgegangen ist ! « rief Judith . » Die Gnade hat die sündige Natur überwunden und deren Übermacht von dem himmlischen Menschen hinweggenommen , der in ihr schmachtend gefangen lag . Christus ist in geheimnisvoller Weise in ihn eingegangen und lebt geheimnisvoll in ihm fort . Lelio ist ein Christusträger geworden , ein Christ geworden ! .... denn Christ und übernatürlicher Mensch ist ja eins und dasselbe - wenn ich Sie recht verstehe , Signor ? « » Ganz recht , Signora , « entgegnete Hyazinth , » und all unser Elend rührt daher , daß die Christen das Christentum als etwas äußerliches betrachten und ihre Verpflichtung vergessen , so zu leben , wie es sich für Christusträger - um Ihren Ausdruck zu brauchen - geziemt . Sich zur Ebenbildlichkeit Gottes in der praktischen Nachfolge Jesu auszuleben : das soll das Charakteristische , das Wesentliche des Christen sein ; dazu empfängt er die Gnade durch die heiligen Sakramente , die wie unsichtbare Kanäle durch die übernatürliche Welt laufen und seiner Seele das Blut Jesu zuführen , worin sie den Quell und die Kräftigung ihres Lebens findet . So verstanden es die ersten Christen alle . Sie waren bekehrte Heiden und Juden . Sie waren aufs tiefste von der Überzeugung durchdrungen , daß ihre Bekehrung zum Christentum keine andere Folge haben dürfe , als die : sich nach dem Beispiel ihres Erlösers ganz und ohne Rückhalt Gott hinzugeben . Sie betrachteten den Christen als einen himmlischen Menschen , der wie ein wandernder Fremdling auf Erden weilt ; dem es zwar gestattet ist , sich Hütten zu bauen und sich darin niederzulassen mit denen , die Gott ihm ans Herz gelegt hat und die er die Seinen nennt - der aber bereit sein soll , von den Ansiedelungen seines Glückes zu scheiden , wenn der Wille Gottes es verlangt , oder wenn höhere Fügungen es gebieten ; als einen himmlischen Menschen , der zwar zu seiner heilsamen Demütigung und täglichen Prüfung mit seiner sündigen Natur und deren Trieben und Begierden verbunden bleibt , aber nicht mehr auf sie hören und noch weniger ihnen folgen darf ; der sich hingegen ganz den Anregungen der Gnade hingibt , ganz sich leiten läßt vom Geist Gottes , ganz sein Leben gestaltet , seine Ansichten bildet , sein Urteil bestimmt , seinen Maßstab der Dinge führt nach übernatürlichen Grundsätzen , welche die christliche Glaubenslehre ihm darbietet . Für die ersten Christen war die Taufe eine ewige Scheidung zwischen ihnen und Welt und Teufel , eine unbedingte Aufopferung an Gott und Verzichtung auf ihr Ich , ein unwiderrufliches Bündnis mit dem übernatürlichen Leben , das ebenso unwiderruflich die Abwendung von der Sünde in sich schloß ; eine Liebesvereinigung mit Christus . So gingen sie aus der Taufe hervor , und in dieser Reinheit des Gewissens und der Absicht suchten sie sich zu erhalten durch großen Eifer zum Gebet , zum Empfang der Sakramente , zum Anhören der Auslegung des Evangeliums , zur pünktlichen Ausübung aller christlichen Tugenden . Kam dann der Tod , gleichviel in welcher Gestalt - ob in den Martern der Verfolgung , ob in dem bekannten Kleide von Alter und Krankheit - so schieden diese , den Genüssen der Welt und den Leidenschaften des Herzens abgetöteten Menschen freudig von einer Erde , die ihnen nichts gewesen war , als eine Schranke , welche sie von dem Gegenstande ihrer einzigen Liebe - von Gott trennte . « » Und dies Geschlecht ist ausgestorben ? « fragte Judith traurig . » Nein , Signora , « entgegnete Hyazinth , » das stirbt nicht aus ! das Blut Jesu hat nicht seine reinigende und heiligende Kraft verloren . Nur kamen damals seine Wirkungen in gedrängter Fülle in dem , verhältnismäßig zur Jetztwelt , kleinen Häuflein der Christen und bei den Bekehrten zum Vorschein , die mit vollem Bewußtsein das Christentum als die höchste , die göttlichste Gabe empfingen ; während jetzt , wo es über die ganze Erde ausgebreitet und durch beweinenswerte Irrlehren vielfach gefälscht ist , der Weltgeist sich auch vielfach hinein gedrängt und die Menschen stumpf gemacht hat für das eigentliche innerste Wesen des Christentums . Aber Gott Dank ! es fehlt auch nicht an Seelen , denen es sich in seiner himmlischen Schönheit erschließt und die mit dem Apostel Paulus verlangen , sich selbst abzusterben , um in Gott wieder aufzuleben . « » Dies Verlangen also ist eine unerläßliche Bedingung , Signor , um nicht dem Namen - sondern dem Wesen nach ein guter Christ zu sein ? « » Eine unerläßliche , um den