Liebe : Riekeschen , mach ' fort , daß die Bagag ' hinauskommt ! Ihr Trampelthiere ! Laßt doch erst die Kinder vor ! Vom Lärm des Bettlervolks und der Straße wurde die Rede der guten Lammwirthin übertäubt . Wagen kamen und gingen , Omnibus rollten , die Glockenzüge , die den Hausknechten schellten , wurden gezogen und jetzt bekam auch die Lachlust ein Schauspiel durch ein komisches Intermezzo . Zwei Italiener begrüßten sich , wie es schien , nach jahrelanger Trennung ... Der eine kam eben mit dem Omnibus , der andere empfing den Aussteigenden unter der Hausthür . Neben letzterm standen zwei jüngere , die auf ihren Häuptern Breter mit Gipsfiguren hielten und in dem Augenblick , als die beiden ältern die Zeichen der höchsten Freude austauschten , das Gleichgewicht verloren . Eine mit Strahlenkronen geschmückte Madonna fiel und zerbrach . Der ältere in grauem Kittel und Manchesterbeinkleidern , unser Napoleone , hatte jetzt mindestens fünf Dinge zu gleicher Zeit zu erledigen ... Einmal seinen aus London kommenden Bruder zu begrüßen , Marco Biancchi , einen scharfblickenden , schon graubehaarten Italienerkopf , dann ihm seine Söhne vorzustellen , dann wieder diesen ihre Unachtsamkeit vorzuhalten , nun wieder auf ein Fenster im fünften Stock zu zeigen , wo ein weiblicher Kopf herausschaute , ohne Zweifel Porzia , und dann doch wieder staunend auf die große Bagage seines Bruders Marco zu zeigen , die nun abgeladen wurde , und bei alledem auch noch die Umstehenden zum Kaufen zu ermuntern ! E questo possibile ! rief er . Dopo quindici anni rivedersi encora ! ... Asino , dove ai gli occhi ! ... Questo e mio figlio ! Il mio segundo ! Questo il terzo ! La sopra mia figlia ... Fa attenzione , asino ! Di non dimenticare , quello che tu ai sopra la testa ! ... Fratello ! Caro fratello ! ... Ma tu mi sembre un cavaliere ! Cielo ! Quel gran baulo ! Attenzione cocchieri ! ... Buon albergo ! Proprio et buon mercato ! ... Figuri kauf ! Alles das ging bunt durcheinander . Bei allen diesen Vorgängen sitzt auf der dritten oder vierten Stufe der Treppe des Hotels Pater Sebastus und verzehrt mit Gabel und Messer , die ihm zur besondern Auszeichnung die Wirthin dargereicht , sein Gemüse und sein Fleisch ... Er thut es sonst so hell umschauend , heute aber wie ein völlig Abwesender ... Erbebend schon von der Begegnung mit dem Rittmeister und Landrath von Enckefuß , dem dritten in dem unheimlichen Bunde von damals , als man sich das Wort gegeben zu haben schien , einen Mann wie den Kronsyndikus , Sprossen der alten Sachsenherzoge , nicht die Folgen einer Uebereilung erleiden zu lassen - war sein Auge , irrend auf der mit Zetteln beklebten Wand , zu der er sich abgewendet , - auf Serlo ' s Weib und seine Kinder gefallen ... Wenn man sonst von ihm sagte : Da ist ein Mönch , der sich wie die Heiligen in Dornen wälzen könnte ! so hätte man es heute wol glauben mögen . Das Reden der Wirthin , das Durcheinander der Bettler , die Begrüßungen und die Ankunft der Italiener hörte er nicht ... Mechanisch verzehrte er seine karge Mahlzeit ... Schon war er mit ihr zu Ende , saß ermüdet , versunken und starr vor sich niederblickend , die leere Schüssel in der Hand , dicht an die Mauer gedrückt , um niemanden auf der lebhaften Passage der Treppe zu stören ... Da kommt eine schon bejahrte , aber stattlich aufgeputzte Dame mit zwei leicht und behend die Stufen hinaufhüpfenden halbwüchsigen Mädchen ... Plötzlich hielt die Frau inne , betrachtete ihn und redete ihn mit dem Gruße an : Aber , Herr Doctor ! Sind Sie es denn wirklich ? Ja , kennen Sie mich denn nicht mehr , Herr Doctor Klingsohr ? Der Bruder Sebastus springt auf , stellt seine Schüssel zur Seite , betrachtet Madame Serlo-Leonhardi und Serlo ' s herangewachsene Kinder wie ein Irrsinniger , den jemand auf seine frühere Vernunft anredet und der sich darauf von ihm wie taub abwendet , während doch ein gewisser trauriger Blick der Befremdung auszudrücken scheint , daß ihm eine Ahnung nicht ganz fern läge von dem , was der Anredende meinen möchte und was er einst wirklich gewesen sein könnte ... Er sieht die erhitzt aus der zu ihrer abendlichen Vorstellung abgehaltenen Probe Zurückgekommenen mit zusammengedrückten Augen wie zweifelnd und in Furcht an und geht von dannen , ohne ein einziges Wort gesprochen zu haben . Wer die Scene beobachtete und der in Erstaunen und in den lauten Ausruf ihrer Ueberraschung ausbrechenden Schauspielerin den vollen Glauben schenkte , daß dieser Mönch ein ehemaliger Bekannter von ihr , ein Doctor Klingsohr wäre , konnte in der That hinzufügen : Jetzt aber ist es ein Heiliger ! Denn Pater Sebastus war vor ihr zurückgewichen , wie vor einer Bewohnerin einer ihm völlig fremden Welt ; er hatte ihrer Annäherung sich entzogen , wie einer Unreinen ... Der Schein der völligen Entfremdung von seiner Vergangenheit hob und verklärte ihn fast . Dennoch schoß er an den Häusern dahin wie ein Besinnungsloser ... Erst , als ihm jener Dämon , der im menschlichen Innern hockt und der selbst unserm tiefsten Schmerze höhnende Geberden machen kann , sagte : Siehst ja aus , als gehörtest du auch zum Mummenschanz ! merkte er auf sich ... In dem kleinen Schatten der Mittagssonne sah er sich wie einen verhutzelten Gnomen durch die schattenlosen Gassen schreiten , in einer ihm wie jetzt erst auffallenden Kutte , barhaupt , barfuß ... Das ist deine Angst , mit Komödianten verwechselt zu werden , daß du so entliefst ! sagten ihm jene innern Stimmen , die er schon sonst » Ironieen des Satan « genannt hatte und schon damals , noch ehe er an den Satan glaubte ... Irrend wankte er dahin ... Kindern hätte er sich anschmiegen mögen mit einem : Nehmt mich mit ! ... In