waren , tadelte die liebende , zärtliche Emilie ernstlich über solche Selbstanklagen und behauptete , daß ihre Liebe für Evremont weit erfreulicher sein würde , wenn sie sich durch dieselbe bestimmen ließe , auf ihre Schönheit und Gesundheit zu achten , und alle vom Himmel verliehenen Fähigkeiten auszubilden , damit , wenn er nach unendlichen Mühseligkeiten endlich zurückkehrte , sie ihm jugendlich froh , mit ihrem schönen Kinde an der Hand , entgegen eilen könnte , und ihn durch neu erworbene Kenntnisse und durch erhöhte Ausbildung früherer Fähigkeiten auf ' s Angenehmste zu überraschen vermöchte . Die Gräfin war wenigstens zum Theil derselben Meinung und sagte oft : Ich fühle , daß wir besser thun würden , uns für Evremont zu erhalten , als daß wir uns aus Gram um ihn zerstören , der ihm nicht helfen kann , und der ihm , wenn wir daran untergehen , bei seiner Wiederkehr neuen Jammer bereitet . Aber ich bin zu schwach geworden , ich kann nicht mehr ausüben , was ich als vernünftig erkenne , meine Seele hat die Jugendkraft verloren . Der General Clairmont konnte oft lange den kleinen Adalbert auf den Knieen schaukeln und ihm von seinem braven Vater erzählen . Das früh entwickelte Kind ergötzte ihn durch unschuldige Fragen , die mehr Geist verriethen , als sonst bei Kindern von so zartem Alter gewöhnlich ist . Ob wohl mein Napoleon auch so klug sein wird ! rief dann der General . Mir schien es immer , als ob der kleine Eugen des armen Bertrand mehr Geist verriethe , als mein eigener Sohn . Tage und Wochen waren entschwunden , und der General , dessen Wunden beinahe geheilt waren , fühlte sich täglich einheimischer in der Familie seines Freundes . Ja , er würde heiter geworden sein , wenn Frankreichs Geschick nicht den Frieden seiner Seele getrübt hätte ; aber Frankreich war in Gefahr , seinen Ruhm verdunkelt zu sehen , den Ruhm , wofür das Blut so vieler Tausende geflossen war . Bei dem Gedanken daran kehrte ein finsterer Mißmuth in sein Herz zurück , und als mit dem Beginne des neuen Jahres die Verbündeten über den Rhein schritten und den Krieg auf Frankreichs Boden führten , da gränzte seine Stimmung an Verzweiflung , und ob er gleich hoffte , daß jeder Franzose fühlen würde wie er , und daß jeder Bewohner des schönen Landes den geliebten Boden bis auf den letzten Blutstropfen vertheidigen würde , so machte ihn doch seine eigene Ohnmacht trostlos , und er fand es schmachvoll , aus der Ferne zusehen zu müssen und nicht um die theuersten Güter mitkämpfen zu dürfen . Dabei bildete er sich ein , die Freude über die für Frankreich unglücklichen Ereignisse auf der Stirn des Grafen zu lesen , und so zog er sich heimlich grollend zurück und war beinah immer in seinen Zimmern allein . Da auf diese Weise der Zweck , weßhalb man zerstreuende Unterhaltungen veranlaßt hatte , nicht mehr erfüllt wurde , so behauptete die herzzernagende Sorge wieder ihr Recht und schien jede Hoffnung erdrücken zu wollen . So ängstlich preßte sie Aller Herzen zusammen , so trübe und schwer lastete sie auf jedem Sinn , und das Jahr achtzehnhundert und vierzehn begann sehr düster für die trauernde Familie . XII Es war ein heiterer Wintertag in der ersten Hälfte des Januars . Die Familie des Grafen war ohne den General , der in seinem Zimmer einsam mit dem Schicksale grollte , im Saale beim Frühstück versammelt . Der Graf sprach von den Fortschritten der Verbündeten in Frankreich und las einen Brief seines Vetters , des Grafen Robert , vor , den dieser Gelegenheit gefunden hatte dem Oheim zu senden , und aus dem sich ergab , daß die Stimmung in Frankreich gar nicht so allgemein für den Kaiser wäre , wie es der Gereral auf ' s Hitzigste zu versichern pflegte . Diese friedliche Unterhaltung wurde unterbrochen , indem Jemand mit Heftigkeit die nach dem Vorzimmer führende Thür aufriß . Die Schwäche des Alters hatte den Haushofmeister vermocht , darauf Verzicht zu leisten , seine Herrschaft beim Frühstück zu bedienen , denn er mußte länger ruhen , als es sich mit diesem Geschäft vereinigen ließ . Nichts konnte ihn aber dahin bringen , daß er nicht die wenigen Ueberreste seiner silberweißen Haare jeden Abend in Papilloten gelegt , und am andern Morgen gehörig frisirt und gepudert hätte , um alsdann im stattlichsten Anzuge gegen Mittag vor der Gräfin zu erscheinen , ihre Befehle zu vernehmen . Wie sehr mußten also alle Anwesenden erstaunen , als sie Dübois erblickten , der mit einem ihm fremden Ungestüm die Thüre aufriß und dessen Anblick bewies , daß er das Werk , sein würdiges Haupt mit einer anständigen Frisur zu schmücken , erst halb vollendet habe , denn nur die rechte Seite war in gewohnter Ordnung ; über dem linken Ohre aber flatterten noch die Papilloten , die seine wenigen Haare gefesselt hielten . Auch trug er noch seinen Morgenrock und erschien in gelben Pantoffeln . Das Ungewöhnliche dieses Anblicks wurde noch durch die unnatürlich funkelnden Augen des Greises und die tiefe Röthe seiner Wangen erhöht . Erschrocken waren alle Anwesenden aufgestanden , und der Graf trat dem alten Manne besorgt entgegen , der nicht sprechen konnte und um dessen Lippen ein ängstigendes Lächeln schwebte . Endlich keuchte er mühsam hervor : Nachrichten , Nachrichten von unserm Grafen ! Wo ? durch Wen ? tönte es von allen Lippen , und Alle umringten den Greis , der auf die Thür deutete . Der Graf stürmte nach dem Vorzimmer und führte gleich darauf einen jungen Husarenoffizier in russischer Uniform in den Saal . Lebt er ? Ist er gesund ? Nicht verstümmelt ? Haben Sie ihn gesehen ? so tönten die Fragen , ihn betäubend , rund um den jungen Mann . Ich habe , sagte er endlich , für Sie , Herr Graf , Briefe von Herrn Evremont . Vom Grafen Evremont , verbesserte Dübois laut , der