schon zweimal erwähnte Johannes , daß in den nächsten Tagen seine und seiner Mutter Übersiedlung in die Stadt geschehen müsse , da seine Vorlesungen wieder beginnen . Du hast es gehört , wie sie es als selbstverständlich betrachten , daß wir Beide sie begleiten . Ich habe bis jetzt immer ausweichend geantwortet , aber nun muß es sich endlich entscheiden , was ich tun soll . Gretchen , Du hast mir seither so oft gesagt , daß Dein Seelenfrieden davon abhänge , mich zu unterstützen , so lange ich Deiner bedürfe . “ Sie sah das Mädchen prüfend an : „ Wenn ich Dich nun beim Wort nähme ? “ „ So würde ich es halten , denn ich habe es nicht nur Dir , ich habe es dem lieben Gott gegeben , “ sagte Gretchen . „ Sprich , Ernestine , was kann ich für Dich tun ? “ „ Das Größte ! “ rief Ernestine . „ Du kannst mich davor bewahren , Almosen empfangen zu müssen ! “ „ Wie das ? “ „ Gretchen , kannst Du Dir denken , was es für mich wäre , noch mehr Wohltaten in Anspruch nehmen zu sollen von Menschen , denen ich so gerne ebenbürtig vergelten , die ich überströmen möchte mit tausendfachem Lohn für Alles , was sie an mir getan ? O , ich weiß es nicht , ob Du diesen Stolz kennst , ob Du mich verstehen wirst , wenn ich Dir sage — lieber will ich mir mit meiner Hände Arbeit mein Brot verdienen , als das Gnadenbrot essen bei Menschen , über die ich mich einst so hochmütig erhoben — die ohnehin schon mehr glühende Kohlen auf mein Haupt gesammelt , als ich ertragen kann . Du schüttelst den Kopf ? Dein Vater , Gretchen , würde mich verstehen , die Worte , die er mir am letzten Abend über diesen Punkt gesagt , sind unvertilgbar in mein Gedächtnis eingeprägt . “ „ Verzeih , Ernestine , — es steht mir nicht zu , meinen Vater bei Dir noch tiefer herabzusetzen , aber da kann ich nicht schweigen ! Ich habe die traurige Überzeugung , daß mein Vater Dich niemals gut beraten hat . Glaube mir — auch darin hatte er Unrecht . Er kannte Möllner nicht , er hatte keine Ahnung von einer so tiefen , treuen Liebe , wie die Möllners für Dich . Willst Du dem Mann , der so viel für Dich getan , willst Du ihn zum Dank unglücklich machen ? Und das geschieht , wenn Du Dich weigerst , mit ihm zu gehen . Nein , Ernestine , das verstehe ich freilich nicht , daß man aus lauter Stolz einem Menschen das Herz brechen kann ! “ Ernestine schwieg einige Minuten , dann sagte sie : „ Gretchen , Du bist ein Kind — ich kann Dir nicht erklären , daß es Begriffe von Ehre gibt , denen das ganze Lebensglück zum Opfer fallen muß , wenn die Verhältnisse es erfordern . Du weißt es vielleicht nicht , daß mir Möllner seine Hand angeboten und daß ich sie ausschlug , da ich noch reich und unabhängig war , weil ich die Bedingungen nicht erfüllen mochte , die er mir gestellt . Sein Benehmen nach jenem Vorfalle gab mir keine Versicherung , daß er mich noch liebe , auch zu den Opfern , die er mir jetzt gebracht , ist ein so großer Mensch wie er fähig , — selbst wo er statt Liebe nur Mitleid empfindet . Wenn er mich aber auch liebte — könnte ein Herz Wert für ihn haben , auf dem der Verdacht ruht , daß es sich ihm nicht aus freier Wahl , sondern im Drang der Notwendigkeit hingegeben ? Nein , Gretchen ! Auf einem Boden , den solcher Argwohn unterwühlt , läßt sich kein festes Glück erbauen . Jetzt ist der Augenblick nicht , wo ich meine Weigerung , seine Gattin zu werden , widerrufen dürfte , jetzt nicht ! — Eine Demütigung in diesem Augenblick würde mir fürs ganze Leben die Schamröte auf die Stirne treiben . Vielleicht ist es mir doch noch vergönnt , mit redlicher Arbeit aus eigener Kraft mich zu erheben . Vielleicht ist es mir möglich , mir eine Stellung zu erringen , die mich wieder als ein unabhängiges , ebenbürtiges Wesen ihm gegenüberstellt . Dann ist es ein Anderes , dann weiß er , daß ich mich ihm hingebe aus freier Wahl , daß ich für ihn ein Opfer bringe aus Liebe , nicht aus Zwang ! Begehrt er mich dann — o Gretchen — es wäre ein Glück , an das ich kaum zu denken wage ! “ Gretchen küßte eine Träne von Ernestinens bleicher Wange und sagte sanft : „ Du bist nun einmal anders als alle Menschen , — aber wie Du auch bist — immer edel ! Ich habe kein Recht , Deine Art und Weise einer Beurteilung zu unterwerfen . Wenn Du sagst : „ So soll es sein ! “ so muß ich mich fügen , denn ich habe Dir gegenüber keinen Willen , als den , Dir zu gehorchen . “ „ Gehorchen , Gretchen , sollst Du mir nicht , sondern mich leiten in einer Welt , in der ich so fremd bin . Deinen Arm sollst Du mir leihen , mich zu stützen , bis ich für mich selbst stehen kann . Willst Du das ? “ „ Ja ! “ sagte Gretchen leise . Sie dachte an Hilsborn , an dessen Schmerz , wenn das Ziel seiner Wünsche noch länger hinausgeschoben würde , — an ihre eigene Sehnsucht . Und sie wollte sich ein Herz fassen und der Freundin sagen , daß sie liebe und geliebt sei , daß sie ihr ein Obdach bieten könne für immer . Aber sie besann sich . — Ernestine würde nimmer von ihr und Hilsborn annehmen , was sie von Möllners zurückwies . Sie konnte ihr keinen solchen Vorschlag machen