Jeserich Kubalke und kam zwischen den Chorstühlen langsam die Fliesen herauf . » Nichts für ungut , junger Herr . Aber mit einundachtzig , da hat man keine Augen mehr , und da hab ich Sie denn eingeschlossen und gefangengesetzt . Und zwei schmucke Gefangene , das muß ich sagen . Ja , ja , Marie . « Beide hatten unter dieser Begrüßung ihre Ruhe wiedergewonnen und erzählten nun dem Alten , daß sie die Zeit ausgenutzt und die großen Grabsteine gelesen hätten , auch den von der Gollmitz . » Auch den von der Gollmitz . Weiß schon , das war das Fräulein , das nicht hier bleiben wollte . Ja , das muß man lesen . Aber die jungen Leute tun ' s nicht , und wenn sie ' s tun , so denken sie nichts dabei . Ja , die Grabsteine ... « So plaudernd , waren sie wieder bei dem Ausgange der Kirche angekommen . » Vater Kubalke « , sagte Marie , » wir haben denselben Weg . « Tubal trat an sie heran und bot ihr die Hand , wie zum Zeichen , daß Friede zwischen ihnen sein solle . » Es war ein Traum , Marie . Nicht wahr ? « Sie schüttelte den Kopf . Dann nahm sie den Arm des Alten , der die letzten Worte kaum gehört , am wenigsten beachtet hatte , und stieg mit ihm einen der schmalen Pfade hinab , die von dem Kirchhügel aus auf die Mitte des Dorfes zuführten . Fünfzehntes Kapitel Die Rekognoszierungsfahrt Um eben diese Zeit trabten die Ponies über Hohen-Ziesar auf Frankfurt zu . Hohen-Ziesar lag ein beträchtliches abseits der Straße ; Berndt aber hatte den halbstündigen Umweg nicht gescheut , um - was am Tage vorher versäumt worden war - Drosselstein zur Teilnahme an ihrer Frankfurter Rekognoszierungsfahrt aufzufordern . Freilich eine vergebliche Mühe , da der Graf , wie man erfuhr , Hohen-Ziesar schon in früher Stunde verlassen hatte . Und zwar sehr wahrscheinlich , um jenseits der Oder einen zweiten Besuch im russischen Hauptquartier zu machen . Sicheres verlautete nicht ; nur die Tatsache seiner Nichtanwesenheit blieb und wurde von Berndt und Bamme mit ziemlich gleicher Befriedigung aufgenommen , da beide au fond du coeur wenig Lust hatten , sich in Sachen , die sie besser verstanden , von bloß » höheren Gesichtspunkten « aus , dreinreden zu lassen . Und so ging es , unter Empfehlungen an den Grafen , weiter in die klare Winterlandschaft hinein . Die Ponies schienen das Versäumnis einholen zu wollen und ließen in ihrem Eifer erst nach , als sie dicht vor Podelzig wieder an die große Straße kamen . Im Dorfe selbst erfuhren unsere Freunde , daß vor kaum einer halben Stunde die vordersten Staffeln der am Tage vorher heranbeorderten Bataillone eingetroffen seien , und gleich darauf wurden sie verschiedener Gruppen von Landsturmmännern gewahr , die , von alt und jung umstanden , allerhand Fragen stellten und beantworteten . Einen Augenblick erwog Berndt , ob er absteigen und zu den Leuten sprechen solle ; er unterließ es aber , um nicht abermals die wenigen noch bleibenden Tagesstunden gekürzt zu sehen . Das nächste Dorf war Clessin . Auch hier ließen sich Unruhe und Erregung - der Aufruf war eben verlesen worden - deutlich erkennen , und nur in Cliestow , in dem eben zu Mittag geläutet wurde , war alles still . Hier saßen die Sperlinge zu Hunderten auf dem Fahrdamm , unschlüssig , ob sie auffliegen sollten oder nicht , und nichts als der sonnenbeschienene Rauch , der hell und gradlinig aus den Essen stieg , deutete auf Leben . Und nun lag auch Cliestow zurück . Der Weg stieg in leiser Schrägung an , und eine reizende Szenerie begann sich mehr und mehr dem Auge darzustellen . Über das weit nach rechts hin gebreitete Plateau waren zahlreiche Gehöfte ausgestreut , während nach links hin das ganz in der Tiefe liegende , nur von Kropfweiden eingefaßte Odertal sich schlängelte . Und in eben dieser Tiefe , keine halbe Stunde mehr von unseren Reisenden entfernt , stieg jetzt auch das Ziel ihrer Fahrt , die Stadt selber , herauf , deutlich erkennbar an dem gekupferten Hut der Oberkirche und den vielen goldenen Kugeln , die wie Butterblumenknospen das grüne Spitzdach umstanden . » Ich zähle sieben Kirchen « , sagte Bamme , der aus einer Art Eigensinn nie zuvor in Frankfurt gewesen war . » Es scheint eine große Stadt , größer , als ich dachte . « » Der eigentliche Kern ist klein « , antwortete Berndt . » Aber die Vorstädte strecken sich weit hinaus . Sehen Sie drüben die Dammvorstadt , fast eine Stadt für sich . Und dahinter Kunersdorf , blutigen Schlachten-Angedenkens . Hier auf unserer Seite des Flusses sind wir friedlicher . Die lange Häuserlinie dort unten ist die Lebuser Vorstadt ; aber ich will Sie nicht vor der Zeit mit solchen Einzelheiten behelligen . Vom Spitzkrug aus haben wir das alles viel deutlicher und sehen den Sottmeiers in die Schornsteine hinein . « » Den Sottmeiers ? « fragte Bamme . » Ja , hier dürfen wir sie noch so nennen . « » Was ist es damit ? « » Eine von den Neckereien und Fehden , wie sie zwischen Altstadt und Neustadt überall zu Hause sind . Ob es paßt , ist gleichgiltig , wenn es nur reizt und böses Blut macht . Und das tut es . Ein altes Weib , nicht viel besser als eine Hexe , steckte vor hundert Jahren die ganze Vorstadt hier unten in Brand . Sie hieß Witwe Sottmeier und wurde mit sechs oder sieben ihrer Komplizen auf den Scheiterhaufen gestellt . Feuer für Feuer ; das war damals noch die Regel . Seitdem werden alle Kietzer nach dem übelberufenen alten Weibe genannt und heißen Sottmeiers . Eine sonderbare Logik , erst den Schaden und dann den Schimpf . Aber ob logisch oder nicht , es gefällt den Altstädtern