und in der Grenze des menschlichen Wahrnehmungsvermögens keineswegs eine Grenze der Folgerichtigkeit und Einheit der Natur läge . Hiebei brauchte er keinerlei gewaltsame Reden und vermied gewisse theologische Ausdrücke so gut wie den Widerspruch dagegen ; die Stumpfsinnigen und Eingenommenen merkten auch von allem nichts und schrieben unverdrossen nieder , was ihnen zweckdienlich schien für Eigenliebe und aufzustellende Meinungen , während die Unbefangenen alle Hintergedanken fahrenließen und bei des Lehrers klugen Wendungen mit frohem Lächeln die Achtung vor dem reinen Wissen lernten . Auch im zuhörenden Heinrich traten die willkürlichen Voraussetzungen und Anwendungen bald in den Hintergrund , ohne daß er wußte , wie ihm geschah , als er sich den Einwirkungen der einfachen Tatsachen hingab ; denn das Suchen nach Wahrheit ist immer ohne Arg , unverfänglich und schuldlos ; nur in dem Augenblicke , wo es aufhört , fängt die Lüge an bei Christ und Heide . Er versäumte nun keine Stunde in dem Hörsaal und nahm begierig ein neues Ganzes in sich auf , welches er vom Anfang bis zum Ende verstand und übersehen konnte . Wie ein Alp fiel es ihm vom Herzen , daß er nun doch noch etwas zu wissen anfing ; im gleichen Augenblicke bereute er auch nicht mehr die gewaltsame und lange Unterbrechung des Lernens , da dasselbe dem Stillen des leiblichen Hungers gleicht sobald der Mensch zu essen hat , empfindet er nichts mehr von der Pein und der Ungeduld des Hungers . Das Glück des Wissens gehört auch dadurch zum wahren Glücke , daß es einfach und rückhaltlos und , ob es früh oder spät eintrete , immer ganz das ist , was es sein kann , ohne Reue über das Versäumte zu erwecken ; es weiset vorwärts und nicht zurück und läßt über dem unabänderlichen Bestand und Leben des Gesetzes die eigene Vergänglichkeit vergessen . Heinrich wurde von Wohlwollen und Liebe erfüllt gegen den beredten Lehrer , von dem er nicht gekannt war und mit welchem er nicht ein Wort gesprochen hatte ; denn es ist nicht eine schlimme Eigenschaft des Menschen , daß er für geistige Wohltaten dankbarer ist als für leibliche , und sogar in dem erhöhten Maße , daß die Dankbarkeit und Anhänglichkeit wächst , je weniger selbst die geistige Wohltat irgendeinem unmittelbaren äußerlichen Nutzen Vorschub zu leisten scheint . Nur wenn leibliches Wohltun so hingebend und unwandelbar ist , daß es Zeugnis gibt von einer moralischen Kraft , also dem Empfänger wiederum zu einer geistigen Erfahrung und Wohltat , zu einem innern Halt- und Stützpunkte wird , erreicht seine Dankbarkeit eine schönere Höhe , welche ihn selber bildet und veredelt . Die Erfahrung , daß unbedingte Tugend und Güte irgendwo sind , ist ja die schönste , die man machen kann , und selbst die Seele des Lasterhaften reibt sich vor Vergnügen ihre unsichtbaren dunklen Hände , wenn sie sich überzeugt , daß andere für sie gut und tugendhaft sind . Mit dem praktischen Sinne und dem raschen Aneignungsvermögen des Autodidakten fand sich Heinrich zurecht in der reichen Welt , die sich ihm auftat ; mit der plastischen Anschauungsweise , welche er als Künstler mitbrachte , wußte er die verschiedenen Momente des organischen Wesens lebendig aufzufassen , auseinanderzuhalten , wieder zu verbinden und sich deutlich einzuprägen und so die Kunde von dem , woraus er eigentlich bestand , wodurch er atmete und lebte , in dem edelsten Teile desselben selbst aufzubewahren und mit sich herumzutragen , ein Vorgang , dessen Natürlichkeit jetzt endlich wohl so einleuchtend werden dürfte , daß er zum Gegenstande allgemeinster Erziehung gemacht wird . Mit dieser Kenntnis , auf welche der Mensch das erste Anrecht hat , müßten alle Volksschulen abschließen ; sie ist es , welche alle anderen von selbst anzieht , und in notwendigster Weise sehr zweckmäßig gerade je nach Beschaffenheit des lernenden jungen Menschen . Alle Einwürfe und Altklugheit , Halbverständnis oder gar von Verbreitung einer allgemeinen Hypochondrie in das unbefangene Volksgemüt werden verstummen , sobald die klassische Form für den großen öffentlichen Unterricht vom leiblichen Menschen gefunden ist . Die Kenntnis vom Charakteristischen und Wesentlichen der Dinge läßt diejenige vom letzten Grunde einstweilen eher vermissen oder führt wenigstens auf den Weg , denselben auf eine vernünftigere und mildere Weise zu suchen , während sie zugleich alle unnützen , müßigen Märchen und Vorurteile hinwegräumt und dem Menschen einen schönen , wirklichen Stoff und Halt zum Nachdenken gibt , ein Nachdenken , welches dann zu dem einzig möglichen Ideal , zu dem , was wirklich besteht , hinführt . Welch ein Unterschied ist zwischen dem theosophischen Phantasten , der immerdar von der Quelle des Lichtes als von einem irgendwo ins Zentrum gesetzten sprühenden Feuertopfe spricht , und zwischen dem sterbenden Goethe , welcher nach mehr Licht rief , aber ein besseres Recht dazu besaß als jener , der nie sich um einen wahrhaften wirklichen Lichtstrahl bekümmert hat . Welch ein Ersatz für das hergebrachte begriffslose Wort Ewigkeit ist die Kenntnisnahme von der Entfernung der Himmelskörper und der Schnelligkeit des Lichtes , von der Tatsache , daß wir allaugenblicklich Licht , also Körper mit ihren Schicksalen , in ihrem Bestehen , wahrnehmen , welches vor einem Jahre , vor hundert , tausend und mehr Jahren gewesen ist , daß wir also mit einem Blicke tausend Existenzen tausend verschiedener Zeiträume auffassen , vom nächsten Baume an , welchen wir gleichzeitig mit seinem wirklichen augenblicklichen Dasein wahrnehmen , bis zu dem fernen Stern , dessen Licht länger unterwegs ist , als das Menschengeschlecht unsers Wissens besteht , und der vielleicht schon nicht mehr war , ehe dasselbe begann , und den wir doch jetzt erst sehen . Wo bleibt da noch eine Unruhe , ein zweifelhaftes Sehnen nach einer unbegriffenen Ewigkeit , wenn wir sehen , daß alles entsteht und vergeht , sein Dasein abmißt nacheinander und doch wieder zumal ist ? Das Licht hat aber den Sehnerv gereift und ihn mit der Blume des Auges gekrönt , gleich wie die Sonne die Knospen der Pflanzen erschließt ; es hat das Auge