dir hier ein Exemplar , das ich von dem besten Schönschreiber in Korinth für dich habe abschreiben lassen ; denn ich kann das Vergnügen , so mir dieses in seiner Art einzige Dichterwerk gemacht hat , nicht bald genug mit dir theilen . Unglücklicherweise wirst du einen gewissen Araspes 151 darin finden , der über die Macht der Liebe eben so profane Gedanken hegte wie wir , aber seinen Uebermuth durch eine schreckliche Erfahrung büßen mußte . Ich gestehe dir , nicht ohne Schamröthe , daß mir beim Lesen dieser Geschichte das Herz ein wenig pochte , und bald darauf kam mir der verhaßte Traum ! Ich bitte dich , Freund Aristipp , beruhige mich wenn du kannst ; oder ist dir irgend ein Moly gegen den Zauber der Liebe bekannt , auf dessen Tugend man sich verlassen kann , so sage mir wo es zu finden ist , und ich gehe selbst es zu suchen , wenn ich es auch aus dem Schnee des Kaukasus hervorscharren müßte . 50. Aristipp an Lais . Dein Traum , schöne Freundin , und noch mehr deine Angst vor dem Gedanken , daß er in Erfüllung gehen könnte , hat mich nicht wenig belustiget . Wir wollen nichts verschwören , Laiska ! Die Dichter sind die glaubwürdigsten aller Menschen , denn sie sagen uns ja nichts als was ihnen die Musen eingeben , - die alles wissen was war , was ist , und was seyn wird . Was den schönen Smyrnen , Phädren , Helenen u.s.w. begegnet ist , warum sollt ' es der schönen Lais nicht eben so wohl begegnen können ? Welche Sterbliche hat Aphroditens Eifersucht mehr gereizt , Amors Allmacht länger und verwegener getrotzt , als die schöne Lais ? - Auf alle Fälle ist es glücklich für dich , daß du , der Ungnade ungeachtet , worein du bei den Göttern von Paphos gefallen bist , noch einen Freund unter den Unsterblichen hast , der dir diesen warnenden Traum zuschickte . Man hat zwar Beispiele , daß Träume ( sogar eben so sinnreiche und vielbedeutende wie der deinige ) ganz und gar nichts bedeutet haben . Aber freilich , daß dir das alles im Lande der Flügelköpfe begegnete , ist allerdings ein bedenklicher Umstand ; und wenn du nicht ( wie es scheint ) kurz zuvor , ehe dir dieser Traum in der ambrosischen Nacht zugeschickt wurde , die Geschichte des Araspes und der schönen Panthea gelesen hättest , würde ich selbst vielleicht zweifelhaft seyn , was ich aus ihm machen sollte . Aber ernsthaft von einer so ernsthaften Sache zu reden , sollte denn das Beispiel eines Araspes , der ( wie du mir zuversichtlich glauben kannst ) außer der Einbildungskraft des Dichters der Cyropädie nirgends existirt hat , von so schwerem Gewichte seyn , daß es eine so weise , ihrer selbst so mächtige und durch eine Erfahrenheit von zwanzig Jahren zum ruhigsten Selbstvertrauen so sehr berechtigte Frau , wie meine Freundin Lais ist , furchtsam machen müßte ? Nein , bei Artemis und Pallas Athene ! das ist es nicht ; ob ich ihm gleich das Verdienst , leichte , unerfahrne , jugendlich übermüthige Flügelköpfe vor Schaden zu warnen , nicht absprechen will . An solche , wahrlich nicht an unsers gleichen , dachte Xenophon , da er diese schöne Sokratische Episode in sein treffliches Buch einwebte . Der Kern , der diese Frucht hervorgebracht , ist vermuthlich eine Erinnerung aus seiner bei dem Attischen Weisen zugebrachten Jugend ; denn die Moral , die er dem Cyrus in den Mund legt , ist die nämliche , womit Sokrates einst ihm selbst eine heilsame Furcht einzujagen suchte , da er sich gewundert hatte , wie jener einen bloßen Kuß , den der junge Kritobulus dem schönen Knaben des Alcibiades gegeben hatte , für eine so gefährliche Sache halten könne , daß nichts Tollkühnes sey , was sich nach einer so vermessenen That nicht von ihm erwarten lasse . Kurz , Xenophons Araspes und Panthea ist weder mehr noch weniger , als der Inhalt des bei jener Gelegenheit zwischen ihm und Sokrates vorgefallnen Gesprächs , zu einer vollständigen Geschichte ausgebildet . Diese schöne Dichtung ist geschrieben dich zu ergötzen , nicht zu ängstigen ; und ich weiß dir keinen bessern Rath , als sie so oft wieder zu lesen , bis du über deine unnöthige Furcht selber lachen mußt . Wahr ist es allerdings , daß allzu große Zuversichtlichkeit verwegen macht ; aber , wenn Verwegenheit uns oft in Gefahr stürzt , so hilft sie uns noch öfter aus Gefahren heraus . Der Muthige trotzt der Gefahr und entgeht ihr ; der Feige verliert mit der Kraft des Widerstehens zugleich die Kraft zu fliehen , und gegen Einen , der durch zu viel Muth umkommt , gehen zwanzig Furchtsame zu Grunde . Indessen weil auch dem Muthigen Vorsicht geziemt , laß uns annehmen , dein Traum sey das Werk eines warnenden Dämons : wovor warnt er die Träumerin ? Vor einem verkappten Amor , der seiner Psyche die goldnen Schwingfedern ausrupft , um lachend mit seinem Raube davon zu fliegen . Wohl ! du hättest also keine Entschuldigung gegen dich selbst , wenn dir jemals so etwas begegnete ; du bist gewarnt ! Zwar , wofern die Liebe eine so gewaltsame und unbezwingbare Leidenschaft wäre , wie Xenophons Cyrus behauptet , was sollte die Warnung ? Es hieße , dem Unglücklichen , der von der Gewalt des Stroms in eine Untiefe hinabgezogen wird , zurufen : nimm dich vor dem Strudel in Acht ! Aber zum guten Glücke bestürmt uns der furchtbare Tyrann der Götter und der Menschen Eros nicht sogleich mit seiner ganzen Jünglingsstärke : er ist erst liebkosendes Kind und spielender Knabe ; und so lange er dieß ist , gibt es ein Mittel ihm zu entgehen . Es ist eben nicht das ehrenvollste ; aber es ist sicher , unfehlbar , und überdieß wie Xenophons Cyrus sagt , das einzige . Also , liebe