weiser Fürsorge über sie hinströmen ließ . Er ließ ihr nach und nach die photographischen Kopien aller Bilder und Skulpturen berühmter Meister kommen und die Idee des Schönen ging ihr auf und erfüllte sie mit froher Begeisterung . So schwärmte sie mit Gretchen Tage lang im Anschauen all der Herrlichkeit . In diesem Geistesgebiete war Gretchen ihr ebenbürtig — ja sogar überlegen , denn es konnte zeichnen und malen und vermochte sie auf tausend Schönheiten aufmerksam zu machen , die ihrem ungeübten Auge entgangen wären . Sie betrachtete das Mädchen dann mit förmlicher Bewunderung . Es war ein Genuß für alle Andern , diese beiden Wesen zu beobachten , wie sich ihre jungen Seelen Hand in Hand in einem für sie noch so neuen Gebiet zurecht zu finden suchten . Selbst Hilsborn , der seit Ernestinens Wiedererwachen sehr verkürzt ward , konnte ihnen ein Glück nicht mißgönnen , das sie so rein und voll genossen . Vom ersten Tagesgrauen bis zum späten Abend waren die schönen Köpfe über die Bücher geneigt ; aber sie hatten oft noch einen Gefährten dabei : den Vater Leonhardt , der es sich nicht nehmen ließ , auch „ Bilder zu besehen . “ Dies gemeinschaftliche Betrachten bestand darin , daß Ernestine dem Blinden die Bilder , die sie anschaute , beschrieb , und zwar tat sie das mit so viel Wahrheit und Schilderungsvermögen , daß der Greis oft entzückt die Hände zusammenschlug und rief : „ Ach , wie schön muß das sein ! “ „ Siehst Du ’ s , Vater Leonhardt ? “ konnte sie dann in ihrem Eifer fragen — und der Greis sagte freudig : „ Ja , ich sehe es ! “ Die Begeisterung , die Ernestine ergriff , während sie sich in die Idee eines Meisterwerks versenkte , um sie dem Blinden zu verdolmetschen , schien von seiner welken , hohen Stirne wieder , denn auch ihm , dem armen Dorfbewohner erschloß sich mit ihren Beschreibungen eine neue Welt . Sie war herrlich anzusehen , wenn sie den erhabenen Eigensinn eines Galilei schilderte , oder die wilde Wut der Hunnenschlacht , die selbst der Tod nicht löschen konnte , daß die kämpfenden Geister über dem blutigen Wahlfeld schwebten , wie der heiße Qualm über einer Brandstätte . Oder wenn sie sich in die welterlösende Bedeutung versenkte , die aus den Augen des Christuskindes der Sixtinischen Madonna spricht , oder wenn sie mit Ton und Wort einen Sonnenuntergang am Meere vor dem lauschenden Blinden ausmalte , daß er den heimkehrenden Fischernachen ruhig durch die purpurne Flut der Bucht zugleiten sah und das melodische Getön der letzten Tropfen hörte , die von dem Ruder in das Wasser fielen.115 — Dann konnte sie auch herzlich lachen , wenn ihr einmal die Kinderskizzen eines Pletsch116 in die Hände fielen mit ihrem unerschöpflichen Humor , ihrer unwiderstehlichen Apotheose aller Unarten , die der Mensch bis zu seiner Einsegnung begehen kann . Dies war Vater Leonhardts eigentliches Reich , er rief oft : „ Ich meine , ich sei wieder in meiner Schule ! “ Und wenn ihm etwas besonders gut gefiel , dann sagte er wohl : „ Zeig mir doch das Bild noch einmal ! “ und Ernestine war unermüdlich im Erklären und Beschreiben . Johannes und seine Mutter sahen mit wachsender Freude die Verjüngung in Ernestinens Wesen . Daß es nicht eine von der Krankheit zurückgebliebene Schwäche war , was sie so einfach und kindlich erscheinen ließ — zeigte ihre hohe geistige Empfänglichkeit für die Schöpfungen der Kunst . Es war , als vermeide sie es mit einer heimlichen Scheu , sich in ihre frühere finstere Ideenwelt zurückzuversetzen — als bilde diese einen zu grellen Gegensatz zu der jugendlichen Luft an dem wiedergewonnenen Dasein , als habe sie sich an den anatomischen Bildern , an dem beständigen Zersetzen von Dingen , die doch an sich so schön , übersättigt . Sie wollte nicht mehr zurückschauen in die dunkeln Tiefen , in die sie so verwegen geblickt , ohne das Gesehene ertragen zu können , und Alles , worauf sie von jetzt an ihr Auge richtete , war ihr so fremd , als habe sie die letzten zwölf Jahre in einem Turme eingemauert gelebt und nur von oben aus weiter Ferne darauf herabgeblickt . Ihre Kräftigung schritt so rasch vorwärts , daß sie schon acht Tage nach ihrem ersten Erwachen aufstehen durfte . Johannes und Gretchen trugen sie miteinander in ihr Studirzimmer , das endlich die geschäftige Hand der Willmers wieder behaglich hergerichtet hatte . Und als sie dort im Lehnsessel saß und die Staatsrätin eine weiche Decke über sie hinbreitete , meinte sie mit schwacher Stimme : „ Nun wollen wir da wieder anfangen , wo wir es vor zwölf Jahren gelassen ! “ Die Staatsrätin drückte einen Kuß auf ihre Stirn und sagte leise : „ Schade um die verlorene Zeit ! “ „ O , nein — nicht Schade , “ erwiderte Ernestine , „ keine Zeit ist verloren , in der man nach Wahrheit gestrebt hat ! — Aber das Maß meiner Kraft ist erschöpft . Ich kann nicht weiter , ich muß umkehren ! “ Sie ließ wehmütig lächelnd das Haupt auf die Brust sinken und schwieg . Wieder vergingen einige Tage und die Zeit , wo Möllner zu seiner Pflicht in die Stadt zurückkehren mußte , rückte immer näher . Ernestine aber wurde immer stiller und nachdenklicher . Niemand konnte sich diesen plötzlichen Wechsel ihrer Stimmung erklären , denn körperlich erholte sie sich , während sie geistig niedergedrückt war , wie nie im Verlaufe ihrer Genesung . Heim befahl endlich , sie an die Luft zu schicken und an einem warmen Mittag fuhr sie zum ersten Mal aus . Sie hatte gebeten , daß nur Gretchen sie begleite , und Möllners hatten , wenn auch ungern , in diese Grille eingewilligt und waren zurückgeblieben , nachdem Johannes sie sorgfältig in den Wagen gehoben . „ Gretchen , “ sagte Ernestine , als sie fortfuhren , „