Ja , aber in einer Kirche gefangen . Und auf alle Fälle , die Fenster sind nicht hoch ... und Renate wird unsere Abwesenheit bemerken . « » Gewiß ; aber hoffen wir , nicht zu früh . « Marie hörte , wie seine Stimme zitterte . » Gut « , sagte sie , » so sind wir denn Gefangene . Machen wir das Beste davon und nutzen wir die Zeit . Es verlohnt sich immer zu lernen , und ich wette , Sie kennen unsere Kirche noch nicht . Niemand kennt sie ; jeder glaubt genug getan zu haben , wenn er das große holländische Monument bewundert und den Namen des alten Matthias von Vitzewitz oder wohl gar den seiner tugendreichen Veronika von Beerfelde mühsam entziffert hat . Das heißt dann die Hohen-Vietzer Kirche kennen . Wir haben aber hier vielerlei . « Sie sprach dies alles in beinahe heiterem Tone , ganz ersichtlich , um ihre Befangenheit zu verbergen , und als Tubal , statt aller andern Antwort , ihr nur immer forschender ins Auge sah , setzte sie rascher und hastiger hinzu : » Ich muß Ihnen das alles zeigen . So verlieren wir diese Minuten nicht . Von dem zerbrochenen Taufstein , von dem die Leute sagen , er sei tausend Jahre alt , will ich Ihnen nicht erst erzählen , Sie glauben es doch nicht ; aber hier rechts das Muttergottesbild , das müssen Sie sehen . Sehen Sie , die Maria hat ihr Christkind aus den Händen fallen lassen . « » Vielleicht , weil sie wieder freie Hand haben wollte . « » O nicht doch , das ist Spott und gottlos . Und ich sehe schon , es paßt sowenig für Sie wie der tausendjährige Taufstein . Aber hier , das ist etwas , das paßt für uns beide « , und dabei zeigte sie mit ihrer Hand auf einen alten , aufrechtstehenden Grabstein , der in die Wandstelle dicht neben dem Muttergottesbilde eingemauert war . Tubal trat an den Stein heran und las : » Katharina von Gollmitz . « » Ja , das war ihr Name . « » Lassen wir den Namen « , sagte Tubal , » was soll er uns ? Was sollen uns die Toten ? « » Doch , doch , Sie müssen von ihr hören . Sie war die Freundin eines damaligen Fräulein von Vitzewitz , den Vornamen hab ich vergessen , aber nehmen wir an , daß sie Renate hieß . « » Nicht Renate . « » Ja , nehmen wir an , daß sie Renate hieß . Und ihre Freundin , eben diese Katharina von Gollmitz , deren Grabstein Sie hier vor uns sehen , die starb hier und wurde hier begraben . Aber das tote Fräulein von Gollmitz hatte Sehnsucht in ihre Heimat und wollte fort von hier und aus dem fremden Grabe wieder heraus . « » Ich glaub es nicht . « » Oh , Sie müssen es glauben , denn es ist wahr , und es weiß es jedes Kind hier . Und immer , wenn das Fräulein von Vitzewitz über diesen Grabstein hinschritt , der damals noch mit den andern Steinen im Mittelgange lag , dann hörte sie , wie die Freundin rief : Renate , mach auf ! « Tubal lächelte . » Und so rufen auch wir jetzt ; nicht wahr ? « » Nicht ich . « » Doch , doch , Sie müssen es auch rufen , denn so gemahnt uns der Grabstein . Und alles , an das uns die Grabsteine mahnen , auch wenn sie stumm sind , das müssen wir tun . « » Ja ; nur nicht heute , nur nicht in dieser Minute . Wir leben , Marie . « » Aber wie lange noch ? « antwortete diese . Tubal stutzte . Es war etwas in ihrem Wort , das ihn getroffen hatte . Er entschlug sich indessen des Eindrucks wieder und sagte nur : » Lassen wir die Grabsteine . « Und damit schritten sie wieder in den Mittelgang der Kirche zurück . Als sie die vordersten Bänke beinah erreicht hatten , unterbrach Tubal das lange Schweigen und sagte mit weicherer Stimme : » Nicht wahr , Marie , wir wollen gute Kameraden sein ? Das Schicksal hat uns hier zusammengeführt . Ist es nicht , als ob wir einander gehören sollten ? « » Nein , nicht wir ... Aber horch , ich höre Stimmen . « » Welche ? « » Ich weiß es nicht . « » Nicht unsere Stimmen , Marie , nicht Ihre , nicht die meine ? « » Nein , nein , Renatens . « Sie betonte den Namen , und er fühlte wohl , weshalb . Aber außer sich ergriff er jetzt ihre Hand und sagte mit rasch sich steigernder Heftigkeit : » Renate und immer wieder Renate . Wozu , was soll es ? Ich bitte Sie , nur jetzt nicht diesen Namen ; ich mag ihn nicht hören . Er will sich zwischen uns stellen , aber er soll es nicht . Nein , nein , Marie ! « Und er warf sich nieder und umklammerte sie , während er sein glühendes Gesicht an ihrem Kleide barg . Einen Augenblick war es ihr , als ob sie nach Hülfe rufen oder in der pochenden Angst ihres Herzens das Altartuch erfassen sollte , aber plötzlich von einem andern Gedanken durchblitzt , riß sie die halb offene Türe auf , die zu dem Majorsstuhl führte , und zeigte mit ihrer Rechten auf die Blutstelle , die das Grauen aller derer war , die davon wußten . Umsonst . » Und ob Leben und Sterben zwischen uns stünde « , rief er , » ich lasse dich nicht , Marie ... ich will es ... « Da wurd es wirklich von außen her laut , der Schlüssel drehte sich im Schloß , und gleich darauf erschien der alte