Thür des Kirchhofs , aus der man unmittelbar in die Landstraße gelangt , hielt eine mit zwei Pferden bespannte elegante Kutsche . Neben der Kutsche hin und her führte ein Reitknecht zwei schöne Pferde am Zügel . Kutscher und Reitknecht unterhielten sich nur im halblauten Ton , als ob sie den alten Mann mit dem langen eisgrauen Schnurrbart , der auf einem der Prellsteine an der Kirchhofsthür saß und von Zeit zu Zeit die tiefliegenden ernsten Augen durch das Gitter der Thür auf die in dem Lindengange auf und ab Wandelnden wandte , in seinen Betrachtungen nicht stören wollten . Die auf und ab Wandelnden waren Melitta und Oldenburg . Melitta war nicht in Trauer , aber ihr liebes schönes Gesicht hatte einen Ausdruck von Schwermuth , den man wohl früher nicht darin gesehen hatte . Selbst das Lächeln , mit welchem sie manche Bemerkung ihres Begleiters beantwortete , war nicht das alte , freudige - es war wie die Sonnenblicke heute aus den trüben melancholischen Wolken . Und Sie wollen wirklich fort ? fragte sie , eine Pause , die in dem Gespräche eingetreten war , unterbrechend . Ich ritt nach Berkow hinüber , Ihnen meinen Abschiedsbesuch zu machen , und Sie zu fragen , ob Sie noch irgend Befehle für mich hätten . Daß dies keine leere Form war , können Sie daraus sehen , daß ich Ihnen , als ich Sie nicht fand , hierher auf den Kirchhof gefolgt bin , obgleich Kirchen und Kirchhöfe , wie Sie wissen , durchaus nicht zu den Oertern gehören , die ich mit Vorliebe aufsuche . Und wohin wollen Sie diesmal Ihre Schritte lenken ? Ich weiß es noch nicht . Was soll ich hier ? Da ich für die nicht leben kann , für die ich leben möchte , und da es in unserer engbrüstigen Zeit an jedem großen Zweck gebricht , an dessen Erreichung ein Mann sein Leben setzen könnte , so will ich denn auch , ein anderer Peter Schlemihl , meinen eigenen Schatten suchen gehen . Ich fürchte nur , daß ich ihn niemals wieder finde , oder daß , wenn ich ihn finde , er sich wieder von mir trennt , wie das letzte Mal . Haben Sie Xenobi ' s Spur nicht verfolgt ? Nein . Es würde mir auch nichts geholfen haben . Wandernde Zigeuner hinterlassen keine Spuren , so wenig wie ein Schiff , daß durch die Wogen streicht . Wenn ich nicht wieder kommen sollte , Melitta , lassen Sie sich Ihre Büste , die ich in Rom von dem jungen Goldoni anfertigen ließ , und die jetzt in Cona in meinem Arbeitszimmer steht , geben . Oder wollen Sie sie sogleich haben ? Nein , sagte Melitta ; behalten Sie sie immerhin . Ihre unendliche Güte verdiente wohl einen besseren Lohn als kalten Marmor . Oder Marmorkälte ! sagte Oldenburg lächelnd . Die empfinde ich nicht gegen Sie , Oldenburg , sagte Melitta mit Wärme ; wahrhaftig nicht . Ich liebe Sie wie einen um ein paar Jahre älteren Bruder , der halb und halb Vaterstelle an uns vertreten hat , und zu dem wir mit freudiger Verehrung und Dankbarkeit emporblicken . Es ist unser Schicksal , daß Sie mich mit einer anderen Liebe lieben müssen , daß ich Sie mit keiner anderen Liebe lieben kann . Es ist unser Schicksal , Melitta , ja wohl ! und nun lassen Sie uns nicht weiter davon sprechen . Gegen das Schicksal läßt sich nichts thun . Wir können nur das Haupt beugen , und die Lorbeerkrone oder den Todesstreich schweigend entgegennehmen . Das habe ich in den letzten Tagen lernen können , wenn ich es sonst noch nicht gewußt hätte . Und nun , Melitta , da Du mich selbst Deinen Bruder genannt hast , laß mich auch wie ein Bruder mit Dir sprechen . Darf ich ? Ja ; sagte Melitta , die den Kopf bei diesen letzten Worten Oldenburg ' s gesenkt hatte , leise nach einer kleinen Pause . Bekämpfe Deine Liebe zu Oswald ! Ich kann Dir nicht rathen , den Pfeil mit einem Ruck aus der Wunde zu ziehen , denn ich fürchte , Dein Leben würde mit Deinem Blute entströmen ; aber sträube Dich auch nicht gegen die Wirkungen der Zeit , die fast so allmächtig ist , wie das ewige Schicksal . Du wirst nach einigen Wochen , einigen Monaten , gleichviel : aber Du wirst in Kurzem ruhiger über das Alles denken ; willst Du mir , Deinem Bruder , versprechen , diese ruhigeren und weiseren Gedanken nicht wie eine Versündigung an Deiner Liebe von Dir zu weisen ? Ja . Denn , Melitta , er ist Dir doch verloren , auch wenn er diese seine neueste Leidenschaft überwinden sollte . Er wird sich auf seiner tollen Jagd nach dem Ideal , das er nie auf Erden außer sich finden kann , weil es nur in seinem Hirn lebt , in eine andere und wieder in eine andere Liebe stürzen ; immer wähnen : dies ist , wonach Du bis jetzt vergeblich gesucht , und immer wieder das Trügerische dieser Illusion erkennen , bis er zuletzt in der Verzweiflung über sein Schlemihlthum irgend einen Schritt thut , der ihn aller weiteren Sorgen um die confuse Welt überhebt . Die letzten Tage haben ihn diesem unvermeidlichen Ziele um eben so viele Jahre näher gebracht . Wie steht es auf Grenwitz ? Felix ist jetzt außer Gefahr , obgleich man ihn in den ersten Stunden aufgegeben hatte . Er wird aber wohl sein Leben lang ein Invalide bleiben - eine schwere Strafe für Jemand , der , wie er , » geschwelgt in der Blumen Süßigkeit und jede Blume brach . « Oswalds Kugel hat nur um eines Haares Breite ihr Ziel verfehlt . Felix wird Bruno ' s Tod sein Leben zu danken haben . Oswald hat während des Duells kein Wort gesprochen , seine Miene blieb unbeweglich ; nur als Felix stürzte ,