Der Mönch erwiderte nichts ... Bonaventura sprach von einer Fortsetzung des Spaziergangs am Nachmittage ... Kein Wort der Entgegnung ... Nur mit seinen magern Händen zeigte er jetzt über den Platz hin ... Bonaventura sah einen Gasthof , an dessen Einfahrt ein Schwarm von Krüppeln und Bettlern sich drängte . Barfüßige Kinder , Greise , Blinde und Lahme , Frauen mit verbundenem Kopf , Hexen nicht unähnlich , eine Zunft von Menschen , die den Spruch , wir wären nach Gottes Ebenbild geschaffen , zur Satire machten , alles das drängte sich mit halbzerbrochenen Scherben am Eingang - ein Kellner hielt alle noch zurück - In dem Blicke des Mönches auf jenes Gewühl erkannte Bonaventura , daß er sich den Armen anzuschließen im Begriff war ... Mein Donnerstagstisch ! sagte er und brach ebenso rasch ab , wie er vor einigen Stunden zu Bonaventura gekommen war . Bonaventura sah ihm lange - lange - und mit Rührung nach ... Sein Herz sagte ihm : Warum sollen es nicht die Kranken und die Armen sehen , daß ein Genius in den Fragen des Lebens vor ihnen nichts voraushaben will ? Warum soll nicht ein einzelner unter sie treten und ihnen zeigen dürfen , daß Entbehrung jedem wehethut und daß Hunger , Durst und Frost nicht das Lebensloos der Armen allein sind , ja daß es eine Glorie höherer Genüsse gibt , die selbst ein Gebildeter allem vorzieht , wonach die Entbehrenden mit neidischem Herzen schielen ! ... Und selbst der Einwand , der sich ihm aufdrängte , daß ein Mönch nicht arbeite und darum mit seinen Entbehrungen denen nicht gleichstehe , die in geringen Verhältnissen leben trotz ihres Fleißes , widerlegte sich seine noch unerschütterte Begeisterung für die Kirche durch eine eigene Auslegung der Schrift . Wenn wir nicht vom Brote allein leben , sondern auch vom Geiste Gottes , so darf zu diesem lebendigen Odem , der uns erfüllt und erhebt , auch ein festgehaltener äußerer Ausdruck des Uebersinnlichen gehören . Wie man die Kirchen schmückt , statt daß auch in schmucklosen derselbe Gott erkannt und gepredigt werden könnte , wie man seine Liebe durch ein Symbol ausdrückt , eine Blume , einen Ring , statt daß Worte ganz dieselbe Bedeutung haben könnten , so sollte nicht auch die äußerlich ersichtliche und vor der Welt festgehaltene Demuth , das Kleid und die Entbehrung des Klostergelübdes die immer bereite Vergegenwärtigung der Begriffe sein , die sie dem weltlichen Leben vorhalten und ihm gleichsam einbilden möchten ? Edler , als der Spartaner sich Heloten hielt , um seinem Sohne die Niedrigkeit dienender Seelen zu zeigen , schien dem sinnend Nachblickenden der Christ sich Mönche und Nonnen halten zu dürfen , um in der Fülle der Ungebundenheit und des leidenschaftlichen Lebensgenusses auch die reinen Typen zu bewahren der Selbstbeschränkung und Nur-Auf-Gottbezogenheit . Bonaventura speiste dann auf seinem Zimmer , bedient von einem ungeschickten Mädchen , durch dessen Unerfahrenheit hätte entschuldigt sein können , daß lieber , wie heute in der Frühe , eines der Fräulein Schnuphase mit schweigsamer Ehrerbietung , einer Martha gleich , erschienen wäre und das Serviren unterstützt hätte . Doch die seltsame Begegnung im Kreuzgange hielt wol die beschämten Heuchlerinnen fern . Daß Bonaventura nicht zu lange bei dieser Erfahrung verweilte , lag in der traurigen Gewöhnung seines Standes , derartige Eindrücke an Priestern wie an Laien fast täglich bedenken und in sich verwischen zu müssen . Um einen katholischen Priester ist es einsam . Friede soll über sein Gemüth hinwehen , die Leidenschaften sollen schweigen , immer soll er innerlich beschäftigt sein . So wollte es Hildebrand , als er , um aus ihnen die Gnomen der römischen Zauberkunst zu schaffen , ihnen die Ehe verbot , die Verbindung mit der Welt und mit dem gemeinen Leben . Von der Begegnung mit dem Mönche Sebastus war Bonaventura tief aufgeregt ; doch wußte er den Gefühlen , die ihn bestürmten , keinen Namen zu geben . Er forschte ihnen auch nicht zu lange nach ... Mahnen dann aber zuletzt die Geister zu gewaltig , stürmt es doch in der Brust , so haben die Lehrer der Kirche , unter ihnen tiefe Kenner des menschlichen Gemüths , dafür gesorgt , den Sinn zu heiligen , das Herz zu stillen , es zu bewahren - vor der Phantasie . Denn die Phantasie ist die gefährlichste Feindin des Einsamen ... Mannichfaltige Rathschläge gaben die Seelenmeister , ihren Lockungen zu widerstehen ... Bonaventura floh die Phantasie nicht , aber er dachte sich nie Zukünftiges , sondern nur Vergangenes ... Im Vergangenen - da konnte er schwelgen ! Aber wie rang er auch , nur allein das Einst festzuhalten ! Nur die Grenze zu wahren , wo nicht plötzlich ein rosiger Zukunftsschimmer in die Seele einbrechen konnte ! Mit Zukunftsträumen beginnen die Irrpfade der Einbildungskraft . Ihrem goldenen Glanze verschließe das geistige Auge ! Erwache aus jedem Traume , den es dich gelüsten könnte dir auf Zukünftiges zu deuten ! Mögliches , Gehofftes ist ein Arom der Geister , das die Sinne betäubt , ein Zaubertrank , der in Paradiese versetzen kann , selbst unter den Schrecken der Wüste ... Schreit dann die Seele inbrünstig » wie der Hirsch nach frischem Wasser « , so gibt ihm die römische Magie eine vom Munde man möchte glauben der schäumenden Wuth des leidenschaftlichsten Seelenschmerzes gesammelte Aqua toffana ... Auch Bonaventura kannte sie ... Wurde dem jungen Priester das Blut von einer plötzlichen Wallung durchglüht , rang er in der Noth des Aufschreis seiner gesunden Lebensgeister , so griff auch er nach jenen mechanischen Hülfsmitteln , die im Rosenkranzgebet den ersten Wassersturz , der Besinnungslosigkeit zu suchen lehrten ... Auch er zählte dann die Buchstaben der Evangelien und Episteln ... auch er rechnete , wie oft ein Wort sich auf einer Seite wiederholte ... Und wenn Paula ' s Name und ihre liebliche Erscheinung über seinen Geist wie eine sanfte Sphärenmusik sich senkte , so konnte auch er , um sich vor dem Vergehen in einem Meer von