Flämmchen ist , wie ich höre , gestorben , damit ist mein Leben eigentlich auch hinweggetan , ich bilde mir nicht mehr ein , mit dem Teufel Bekanntschaft gehabt zu haben , oder vom Grabe etwas Besondres zu wissen , bin nur noch ein altes , müdes Bettelweib . Bringen Sie mich in einem Spitale oder sonstwo unter , und lassen Sie mir notdürftige Kost reichen , ich bin dann schon zufrieden und werde nie mehr Böses tun . « » Alles soll dir vergeben sein , und wir werden für dich sorgen , wie du wünschest « , sagte Wilhelmi , » wenn du mir auf meine Fragen die Wahrheit bekennst . « » Was Sie wollen ! « rief die Alte und legte bekräftigend ihre Hand auf die Brust . » Nun denn , was ist in der Nacht , worin der Ball bei Flämmchen war , vorgefallen ? « » O Elend ! Elend ! Muß ich darüber beichten ? - Und gerade die Niederkunft war es , welche mein zartes , heftiges Kind so angriff , daß sie seitdem den Keim des Todes in sich trug . Freilich taten die Not und der Mangel , in dem wir umherziehn mußten , als uns die hartherzigen Verwandten aus dem Hause gestoßen hatten , auch das ihrige . Wir besaßen zuletzt nur noch die Fetzen , welche unsre Blöße verhüllten , alles andre mußten wir auf unsern Wandrungen losschlagen , um den Bissen für unsern Mund zu haben . Aber den eigentlichen Stoß hatte ihr leichter , feiner Leib doch nur von der Geburt empfangen , und ich war die Anstifterin von allem und habe mein Kind schlachten helfen ! « Sie krümmte sich , von der furchtbarsten Pein gefaßt , konvulsivisch auf dem Lager . Wilhelmi ließ diesen Anstoß vorübergehn , und redete ihr dann zu , sich durch ein offnes Geständnis zu erleichtern . » Ja so , von der Nacht wollen Sie wissen . Nun , ich bin in Ihrer Hand . Der Herr war in die fremde vornehme Dame verliebt , und das Flämmchen in den Herrn . Sie lachte , schäkerte und tanzte , aber ich wußte wohl , daß es nur ihr blutendes Herz war , welches in diesen Scherzen abstarb . Ich war ergrimmt auf den Herrn , und ein Kind brauchten wir , um die Erbschaft uns zu erhalten , die , wehe mir Unglückseligen ! doch nachmals verlorenging , da das Flämmchen zu spät guter Hoffnung ward . In jener Nacht ging alles über- und untereinander . Der Ball und der Wein , den ich genossen , und meine eignen Einbildungen hatten mich ganz verrückt gemacht , so daß ich einen Plan ausbrütete , verwunderlich wie die Nacht . Der Zufall half denn auch . Die fremde Dame wollte der Ruhe genießen und bat um ein andres Zimmer , was entfernter vom Tanzsale läge , worin die Musik noch immer fortlärmte . Als das besorgt und sie umquartiert war , kam mir der alberne Kurator in den Weg , und in der Frechheit meines Hohns band ich ihm auf , die Dame verlange noch nach dem Herrn . Diese Botschaft hat er auch treulich ausgerichtet . Unterdessen wartete das Flämmchen , welches ganz in meinen Stricken und Fesseln gebunden war , zitternd vor Angst , Scham und Sehnsucht schon an der Stelle der Dame . Er kam zum Flämmchen , nicht zu der Dame ; Rausch und Lust haben die Sache vollendet und ihn die Verwechselung nicht merken lassen . « Ein tiefer Atemzug , ein Ruf der Wonne ließ sich draußen vernehmen . Wilhelmi eilte vor die Türe und fand seinen Freund auf den Knien liegen , die Arme betend emporgehoben , die von den seligsten Tränen überströmenden Augen gen Himmel gerichtet . Bewegt von der freudigsten Rührung beugte sich der alte Getreue nieder , und drückte schweigend einen Kuß auf Hermanns Stirn . Dann riß er ihn stürmisch an sein Herz , und die Zähren der Freunde mischten sich . » Wo ist Cornelie , daß ich vor ihr niedersinke , sie im Staube verehre und anbete ? « fragte Hermann leise . Wilhelmi führte ihn zu ihr . Als sie die beiden eintreten sah , in deren Gesichtern der Himmel spielte , trat sie , erschreckt von der Ahnung eines überschwenglichen Glücks , einen Schritt zurück . Hermann fiel vor ihr nieder , umfaßte ihre Füße und küßte sie inbrünstig . » Was soll das ! « rief sie erstaunt . » Er ist hergestellt ! « jauchzte Wilhelmi . » Gott ! Gott ! « jubelte Cornelie mit brechender Stimme . » Hergestellt ! « wiederholte Wilhelmi . » Durch dich , du heiliges Kind . Aus den Händen der Unschuld hat er die Entlastung seiner Seele empfangen . « » Durch mich ? Ich weiß ja von nichts « , sagte Cornelie , und ihre Hand streichelte wie trunken das Haar des Geliebten . » Nein , du weißt von nichts , mußt auch von nichts wissen « , erwiderte Wilhelmi . » Die ewige Gnade erwählte das reine Gefäß , und dieses vollbrachte in Einfalt und Liebe das Werk der Entsühnung . « Und nun erst hält sich der Herausgeber befugt , die Papiere der Brieftasche einzuschalten . Aus ihnen wird erhellen , welche Last auf der Brust unsres Freundes drückte , aus welchen Nächten er zum Lichte wieder emporgeführt wurde . Vierzehntes Kapitel Inhalt der Brieftasche I. Graf Heinrich an Hermann , den Vater Hamburg , den 10. April 1795 Hermann , noch klingt und zittert unser Abschied in allen Fibern meiner Seele nach ! Als ich die Räder Deines Wagens rollen hörte , barg ich mein feuchtes Antlitz im Tuche , warf mich über den Tisch , und fraß meinen Schmerz hinunter . - Nun bist Du fort , ich suche Dich überall , und umarme nur ein ödes Luftbild . Du fehlst mir überall ; » das würde ich ihm