Du uns lieb hast ! — Ich für mein Teil verlange nicht mehr . Aber der ungetreue Herr Bruder da wird nicht damit zufrieden sein . “ „ Süße Schwester , “ sagte Johannes , sie innig betrachtend , „ Du weißt doch , was Du mir bist ! “ Da erschien die Willmers : „ Herr Professor , das Fräulein ist erwacht und fragt nach ihrer hübschen Pflegerin , wie sie sagt . Soll ich Fräulein Gretchen holen ? “ „ Ja , “ sagte Johannes , „ aber Ernestine muß erst darauf vorbereitet werden , wer Gretchen ist . — Nicht wahr . Ihr entschuldigt mich ? “ „ Ja , ja — geh nur um Gotteswillen , versäume keine Minute ! “ rief ihm Moritz nach . Johannes trat bei Ernestinen ein . Sie saß aufrecht im Bette und sah über alles Erwarten frisch und erholt aus . „ Johannes ! “ sagte sie , „ Guten Morgen ! Ach — es ist wieder Morgen geworden nach all den langen , bangen Nächten , Morgen im wahren Sinne des Wortes ! “ „ Teure , liebe Ernestine . Hast Du gut geschlafen ? “ „ Ach , so gut , wie ich nur einmal schlief seit Jahren : In jener Nacht — unter Deinem Dache ! “ „ O , da sollst Du noch oft schlafen , Ernestine , und bald , recht bald ! “ rief Johannes erfreut . „ O nein , glaubst Du , ich habe es deshalb gesagt ? “ stammelte Ernestine verlegen und beschämt . „ Deshalb , weshalb ? “ fragte Johannes verwundert . „ Daß ich — eine Einladung herausfordern wollte , “ erwiderte sie in höchster Verwirrung . „ Das würde ich von Dir nie geglaubt haben — denn Du gönnst keinem Menschen den Triumph , Dir etwas Gutes zu tun ! “ sagte Johannes nicht ohne Bitterkeit . Doch gleich bezwang er sich wieder und ging zu etwas Anderem über : „ Du hast das Mädchen zu sehen gewünscht , das gestern hier war . Ich muß Dir aber zuvor sagen , wer es ist . — Hast Du noch irgend einen Groll gegen — oder eine Anhänglichkeit für Deinen Oheim ? “ Ernestine schüttelte ruhig das Haupt : „ Er ist tot für mich ! “ Ich habe Dir , ihn betreffend , etwas sehr Erschütterndes mitzuteilen , und weiß kaum , ob ich es sagen kann . “ „ Was sollte mich noch erschüttern nach all ’ den Schrecknissen , die mir meine eigene Phantasie vorgezaubert hat ? “ fragte Ernestine kalt . „ Nun denn , das Mädchen , welches Dich mit rührender Treue seit vier Wochen pflegen half , ist Leutholds Tochter — und ist eine Waise ! “ „ Mein Gott ! “ sagte Ernestine : „ Das arme Kind ! Ist Leuthold tot ? “ „ Ja , er hat sich selbst gestraft für seine Sünden . Ihm ist wohl . “ Ernestine blickte Johannes klar an : „ Ich kann ihn nicht beweinen . Er hat mir zu viel Böses getan , mein Vertrauen zu schmählich getäuscht . Aber seine Tochter will ich es nicht entgelten lassen , das beklagenswerte , schuldlose Kind . O , bitte , laß sie kommen , es ist das einzige Wesen auf der Welt , an das mich noch ein Band der Verwandtschaft knüpft ! “ Johannes trat an das Fenster und winkte Gretchen herauf , die mit Hilsborn gegen das Haus zuschritt . Sie eilte so schnell als möglich herbei , und eine Minute später sank sie vor Ernestinens Bett auf die Knie . Ernestine wollte sie zu sich emporziehen , doch sie wehrte es : „ Nein , laß mich zu Deinen Füßen liegen , so nur darf die Tochter des Verbrechers Dir nahen , die vergehen möchte vor Deinem Angesicht ! “ „ Gretchen — arme , schuldlose Waise , “ rief Ernestine , „ komm an mein Herz ! “ Sie betrachtete Gretchen mit Rührung : „ Wahrlich , wahrlich , wenn etwas sein Vergehen mildert , so war es seine Liebe zu solch süßem Kind . Um dieses einzigen menschlichen Gefühls verzeih ’ ich ihm . Wäre ich noch reich , ich würde als Schwester mit Dir teilen ! Hätte ich noch etwas zu geben , Du solltest es haben — so aber bleibt mir nichts für Dich als mein heißes Mitleid ! “ Noch ein Augenblick , und die beiden schönen Mädchen hielten sich einander schwesterlich umschlungen . — Fünftes Kapitel Umkehr . Ganz neue Gefühle von Liebe und Wohlwollen durchdrangen mit der wiedererwachenden Lebenskraft Ernestinens Brust , echt menschliche Empfindungen , wie sie früher neben ihrem rastlosen Geiste nicht Platz fanden . In wenig Tagen gestaltete sich das innigste Verhältnis zwischen ihr und Gretchen . Es lag eine Einfalt in Ernestinens ganzem Wesen , die Niemand in ihr gesucht . Es war , als lerne sie erst wieder das Leben kennen , als sei ihr Alles ganz neu , als habe sie in der langen Bewußtlosigkeit wirklich einen Teil ihres Bewußtseins eingebüßt und sei wieder zum Kind geworden , das sich mit seinem unerfahrenen Sinn an Allem erfreut , was ihm vor Augen kommt . Sie erfreute sich an dem hellen Herbsthimmel , als habe sie ihn noch nie gesehen , sie konnte eine Blume , die man ihr auf das Bett legte , lange sinnend betrachten . Sie blätterte mit Gretchen begierig in den schönen Albums , die ihr Johannes verschaffte . Eine ihr ganz fremde Welt des Genusses eröffnete sich ihr mit diesen Sammlungen von kleinen und großen Kunstwerken ; denn die Kunst hatte sie bisher nur dem Namen nach gekannt und daher auch von ihrer Bedeutung keine Ahnung gehabt . Ihr Oheim hatte ja ihrer Phantasie jede Nahrung versagt , um sie durch nichts von ihren trockenen Studien abzulenken . Jetzt badete sich ihre müde Seele in den Fluten der Poesie , die Johannes mit