und die Hoffnung auf einen bessern und würdigeren Zustand verlorenging . In vielen war nur noch der Gedanke lebendig , wie man sich dem fremden Joch am bequemsten fügen könne . Andere aber , die noch die Hoffnung auf eine bessere Zeit nicht aufgeben wollten , worin gefielen sie sich , in was suchten sie die Rettung ? In Lug und Trug . Ihr Tun wurde Heuchelei , und um die drohendste Gefahr zu vermeiden , zeigten sie Freundschaft und baten um solche , wo sie doch nur verachten und verabscheuen konnten . Jene Schamlosigkeit war da , die um des Lebens willen jeden edleren Zweck des Lebens hintenansetzt oder vergißt . So war unser Zustand , meine Geliebten , und wir selber waren nach den Worten der Schrift wie die Heiden in der Wüste . Das waren die zurückliegenden Tage unserer Gefangenschaft ; aber danken wir dem Herrn : ein neuer Tag ist da . « Und nun begann er seiner Gemeinde zu zeigen , was dieser » neue Tag « erheische und bedeute : Rückkehr zur Wahrheit , Rückkehr zu dem Mute , den die Wahrheit gibt . Er führte dies aus und nannte » die Wehrhaftigkeit des Volkes « , wie sie durch den heute verlesenen Aufruf proklamiert worden sei , eine Morgengabe , eine Gewähr besserer Zeiten . Im Gegensatz zu Jahrzehnten , wo der Übermut des Soldaten den Mut für etwas ihm ausschließlich Zuständiges gehalten habe , sei der Mut jetzt eine Pflicht jedes einzelnen geworden . Und diesen Mut würden auch sie zu betätigen haben , jede Stunde könne sie rufen , und käme sie , so sollten sie sich derselben würdig zeigen . Andächtig war die Gemeinde gefolgt . Auch Lewin hatte diesmal nicht Zeit gefunden , nach dem Rotkehlchen auszuschauen , und nur Tubals Aufmerksamkeit war bald abgeirrt und hatte zwischen dem großen Grabdenkmal und dem silbernen Altarkruzifix einen mechanischen Pendelgang gemacht , den die wunderlichsten Fragen begleitet hatten . » Wieviel hat das Grabdenkmal gekostet ? Wovon sind die Messingleuchter so blank ? Welcher Vitzewitz hat das Kruzifix gestiftet ? « und dann waren neue Fragen gekommen , um schließlich den ersten wieder Platz zu machen . Und woher das alles ? Hatten die Seidentopfschen Worte doch eines tieferen Tones entbehrt ? O nein . Aber auf ihrem unausgesetzten Gange zwischen dem Grabdenkmal und dem Kruzifix waren seine Blicke Marie begegnet . Das war es . Ihr Mund zuckte von Zeit zu Zeit , und ihre großen dunkeln Augen erschienen wie geschlossen , so tief lagen sie unter dem Schatten ihrer Wimpern . Er sah das blasse feingeschnittene Profil , und sah es , bis er nur noch sah und nichts mehr hörte als die vorwurfsvolle Stimme in seinem Innern , die leise seine Blicke begleitete . Die Predigt hatte mittlerweile geschlossen , nur das Gebet war noch zu sprechen , und alles sah erwartungsvoll zu der Kanzel auf , auch Marie . Sie fühlte wohl , daß Blicke von dem Chorstuhl her sie trafen , aber sie hatte die Kraft , dieser Blicke nicht zu achten oder doch in ihrer Seele sich ihrer zu erwehren , denn sie war reinen Gemüts und ohne Schein und Falsch . Seidentopf aber betete : » Barmherziger Gott und Herr . Du hast Großes an uns getan , daß du uns berufst , um ein freies und würdiges Dasein zu kämpfen . Steh uns bei . Der Sieg kommt von dir , und mit Vertrauen ist es , daß wir Heil und Segen für unser Tun von dir erflehen . Schütze den König , verleihe Weisheit und Kraft den Heerführern , Mut denen , die die Waffen tragen , treue Ausdauer aber allen , auch uns . Und wie das Glück des Krieges auch wechseln möge , eines gib uns als seine letzte Segnung , gib uns Freiheit und Frieden . « Nun fiel wieder die Orgel ein , der letzte Vers wurde gesungen , und langsam erhoben sich die Hohen-Vietzer und verließen die Kirche . Marie blieb zurück , um Renaten und die Schorlemmer zu begrüßen ; dann schritten sie gemeinschaftlich den Mittelgang hinunter . Tubal und Lewin folgten . Als alle den spitzbogigen Mauereinschnitt erreicht hatten , der von der Seite her in den Turm führte , bemerkte Marie , daß sie das Gesangbuch sehr wahrscheinlich auf ihrem Sitzplatze habe liegenlassen . Sie wollte umkehren , aber Tubal litt es nicht und schritt den Mittelgang wieder hinauf , um das vermißte Buch zu holen . Marie sah ihm nach und wartete , während die andern durch das Außenportal ins Freie traten . Das Buch war nicht da . Tubal , nachdem er erst auf der Bank und dann am Fußboden hin und her gesucht hatte , richtete sich endlich wieder auf und machte mit beiden Armen ein Zeichen , das die Vergeblichkeit seiner Bemühungen ausdrücken sollte . Marie rief ihm zu : » Da muß ich selber kommen « , und ging nun ebenfalls das Kirchenschiff hinauf . Aber in diesem Augenblicke hatte sich das Buch auch schon auf einem schmalen Brett unter der pultartigen Schrägung gefunden , und Tubal hielt es triumphierend in die Höhe und ihr entgegen . Sie nahm es dankend aus seiner Hand , wandte sich dann und schritt eilig wieder dem Ausgange zu ; ehe sie diesen jedoch erreicht hatte , hörte sie , daß von außen her zugeschlossen wurde . Der alte Kubalke , von seinem Orgelchor herabkommend , hatte nicht bemerkt , daß noch wer in der Kirche war . Marie fuhr zusammen , faßte sich indessen rasch und sagte : » Wir sind eingeschlossen , bitte , pochen Sie schnell an die Tür . « Auch Tubal war erschrocken , aber anders als seine Gefährtin . Er fühlte sich wie von einem elektrischen Schlage getroffen . » Wozu pochen , Marie « , sagte er , » der Alte würde uns doch nicht hören . Und so wären wir denn Gefangene . « »