viertel auf elf ! und wieder Häuser rechts und links , Bäume und Hecken und Gärten . Dann ein dunkles Thor , und dann den Hufschlag Almansors auf dem Straßenpflaster . Wo wohnt der Doctor Braun ? Die Straße zu Ende ; das letzte Haus links . Vor dem bezeichneten Hause hielt ein Wagen . Aus der offenen Hausthür und den offenen Fenstern in den Parterrezimmern schimmerte Licht . Ist der Doctor zu Hause ? Hier ! sagte Doctor Braun am Fenster erscheinend . Von wo her ? Von Grenwitz . Ich bin ' s. Eilen Sie ; Bruno liegt auf den Tod . Wollte eben hinaus , rief Doctor Braun , schon in der Thür . Setzen Sie sich zu mir . Ich will selber fahren . Karl kann Ihr Pferd langsam zurückreiten . Sitzen Sie ? ja ; dann fort . Der Wagen donnerte durch die dunklen Straßen , durch das enge Thor , hinaus in die stille Mondnacht , die über Feldern und Gärten , und Wäldern und Wiesen so duftig und träumerisch lag , denselben Weg , den Oswald vor wenigen Minuten gekommen war . Die kräftigen Pferde des Doctors griffen mächtig aus , schon waren wieder auf der Haide . Es war nicht viel gesprochen worden von beiden Seiten . Oswald hatte von Bruno ' s Krankheit , wie es der Laie pflegt , Bericht erstattet , auf Nebendingen verweilend , und das Wichtigste auslassend . Doctor Braun hatte einige kurze Fragen gethan . Dann hatten sie eine Zeit lang geschwiegen . Sie müssen sich auf das Schlimmste gefaßt machen ! hub Doctor Braun an . Es ist , nach dem , was Sie mir gesagt haben , sehr wahrscheinlich , daß wir Bruno nicht mehr am Leben finden . Oswald antwortete nicht . Ein Stöhnen brach aus seiner Brust , wie eines Gefolterten , wenn die Schrauben noch um eine Windung angezogen werden . Der Doctor hieb auf die Pferde , die nun im Galopp weiter stürmten . Ein paar Minuten später hielt der Wagen vor dem Portal . Das ganze Schloß schimmerte von Licht . Aus dem Speisesaale rauschte die Musik . Die Diener liefen geschäftig ab und zu . Als sie in Bruno ' s Zimmer traten , erhob sich der Baron von dem Bett , über das er gebeugt stand . Gott sei Dank , daß Sie kommen ! sagte er ; ich habe schon an vielen Krankenlagern gewacht ; so lang aber ist mir keine Stunde geworden ! Er trocknete sich seine Stirn ; sein ernstes Gesicht war bleich ; er schien auf ' s Tiefste ergriffen . Doctor Braun untersuchte den Kranken , dann blieb er neben dem Bett stehen , ohne die Andern anzublicken . Ist keine Hoffnung ? Keine . Da richtete sich Bruno halb auf : Bist Du ' s Mutter ? kommst mich einzulullen ? wie geht doch noch die alte Weise ? Und in wunderbar süßen Tönen , leise , ganz leise , wie die Klänge einer Aeolsharfe , begann er ein schwedisches Lied zu singen , wie es ihm wohl seine Mutter vor langen Jahren gesungen haben mochte . Er lehnte sich wieder in das Kissen zurück . Durch die tiefe Stille im Zimmer tönte nur noch das Schluchzen Oswald ' s ; auch die Augen der beiden andern Männer standen voll Thränen . Bist Du es , Oswald ? fragte Bruno , weshalb weinst Du ? guten Abend , Herr Doctor ; wie kommen Sie hier her ? es geht wohl zu Ende mit mir ? Wo ist Baron Oldenburg ? Geben Sie mir die Hand . Sie sind sehr gut gegen mich gewesen . Doctor , muß ich sterben so frisch und jung ? sagen Sie es mir , ich bin kein Feigling , ich habe es schon seit gestern gewußt ; muß ich sterben ? - dann , Oswald , eine Bitte : ich will es Dir in ' s Ohr sagen . Oswald beugte sich über ihn . Er erhob sich und ging nach der Thür . Oldenburg war ihm gefolgt . Ich weiß , was er will ! sagte er ; er hat in seinen Phantasien schon hundertmal nach ihr verlangt ; ich will sie rufen . Es ist ja eines Sterbenden letzte Bitte . Er entfernte sich , Oswald trat wieder an das Bett . Kommt sie ? Ja . Lege mir das Kopfkissen etwas höher , Oswald , und stelle die Lampe dahin , daß der Schein über mich weg gerade auf sie fällt . Danke , so ist es recht . Sie kommt nicht - doch ! war das nicht ihre Stimme ? schraube die Lampe tiefer , Oswald - es wird so hell im Zimmer . Helene ! Ein seliges Lächeln flog über sein Gesicht . Helene ! wie bleich Du bist ! und doch wie schön ! gieb mir die Rose von Deinem Busen ! o , weine nicht ! Laß mich Deine Hand küssen , Helene ! Helene neigte sich zu ihm und küßte ihn auf den Mund . Bruno schlang seine Arme um ihren Hals . Ich liebe Dich , Helene ! Seine Arme glitten auf die Decke zurück . Doctor Braun zog Helene sanft in die Höhe . Er beugte sich über das Bett und lauschte einen Augenblick . Indem er sich wieder aufrichtete , strich er mit der Hand leise über die Augen des Todten . Einundsechzigstes Capitel Es war drei Tage nach den Ereignissen dieser Nacht . In der Frühe des Morgens hatte es geregnet ; jetzt in den Vormittagsstunden blickte die Sonne auf Augenblicke aus den schweren Wolken , die sich lang und langsam vor einem feuchten Westwinde nach Osten ihr entgegenwälzten . Auf dem Kirchhofe zu Faschwitz gingen in der Lindenallee , die von dem einen Ende bis zum andern führt , und die Gräber der Adeligen von denen der gewöhnlichen Sterblichen trennt , zwei Personen in ernsten Gesprächen auf und ab . Vor der einen