daß ich mich bemühe , aufrichtig Ihre Fragen zu beantworten . Vergeben Sie mir also , wenn ich etwas sage , das Sie verletzen könnte . Ja , ich habe Christen gesehen , habe immer unter ihnen gelebt und verkehrt . Aber Sie wissen , in dem Weltverkehr und in dem gesellschaftlichen Treiben sucht man Unterhaltung , Zerstreuung , eitle Freuden , auch schlimmeres noch ; und was man sucht , findet man . In Ball- und Opernsäle verirrt sich das Glaubensleben nicht hinein , oder - sollte es ausnahmsweise geschehen , so trägt doch jedermann viel zu wohlerzogen die Toilette der großen Welt , um ahnen zu lassen , was in seiner Seele vorgeht . Und so kenne ich denn unter den Christen nur zwei Menschen , in deren Leben Gott wirklich mitzählt - und es sind die beiden einzigen Männer , vor denen ich Achtung habe . « » Ohne Zweifel ist der eine von ihnen - Graf Windeck und Sie setzen deshalb ein so großes Vertrauen in ihn ? « fragte Hyazinth . » Nein , Signor ! « entgegnete Judith gelassen . » Graf Windeck nimmt , vermöge seiner treuen Liebe für mich , einen ganz besonderen Platz ein . Der eine jener Männer ist unser Freund Lelio , der mir von dem Augenblick seiner Bekehrung an so lieb und achtungswert geworden ist , wie ich früher nie geahnt habe , daß er mir sein könne . Der ander ist Ihnen unbekannt und ist auch gänzlich aus meinem äußeren Leben verschwunden . Aber zuweilen , wenn ich recht menschenmüde bin , denke ich an ihn , und das erfrischt meine Seele . Er war der schlichteste , einfachste Mensch von der Welt , kindlich unter seinen grauen Haaren . Ernest hieß er und Maler war er . Ich habe ihn hier im Kapuzinerhabit von fern gesehen . Auf diese beiden Menschen beschränkt sich meine Kenntnis von den Christen , die Ihnen bei Ihrer Frage im Sinn lagen . « » Und haben Sie nie gewünscht , im Denken und Sein diesen Männern ähnlich zu werden ? « » Ganz außerordentlich , « entgegnete Judith mit feinem Lächeln , » wenn es möglich wäre es zu werden , ohne meine Eigentümlichkeit aufzugeben . « » Über den Punkt seien Sie außer Sorge , Signora ! « sagte Hyazinth lächelnd . » Niemand liebt die Mannigfaltigkeit mehr , als der liebe Gott ! das beweist seine Schöpfung im allgemeinen wie im einzelnen - und jede Eigentümlichkeit , das größte Genie , wie die beschränkteste Intelligenz - die begeisterte , wie die nüchterne Seele - das volle schwunghafte , wie das mäßig begabte Herz : alle ohne Ausnahme gelangen zu der ihnen möglichen Stufe der Vollkommenheit nur dadurch , daß sie Gott zum Mittelpunkt ihres Lebens machen . « » Gelangen viele zu der Stufe von Vollkommenheit , die ihnen erreichbar war ? « » Das kann allein der allwissende Gott entscheiden . Wir wissen nur , daß die Mittel dazu einem jeden zu Gebot stehen . « » Es werden aber große Opfer verlangt , um sie zu erreichen ; und an der Eigentümlichkeit wird so viel geschliffen und gemodelt , daß wenig davon übrig bleiben mag . « » Signora , ich sehe da in Ihrem Schmuckkasten einige wunderschöne Smaragden . Ehe sie geschliffen waren , mögen sie noch einmal so groß gewesen sein , als sie jetzt sind , und dennoch sind sie jetzt ungleich schöner und kostbarer als zuvor , denn das Licht spiegelt sich in all ihren Facetten und lockt den glühenden Glanz ihrer Farbe funkelnd hervor . So soll von der Eigentümlichkeit des Menschen , von seinem Charakter , seinem geistigen Wesen , welche ihm sein besonderes Gepräge geben , nur das verschwinden , was dessen Schönheit beeinträchtigt und was das Licht hindert , den spielenden Farbenzauber erstrahlen zu lassen . « Judith hatte die Smaragdnadel in ihre Hand gelegt , betrachtete sie nachdenkend und fragte : » Aber was ist das für ein Licht , welches dem geistigen Sein des Menschen seine Schönheit gibt ? « » Das ist der menschgewordene Gott , Christus , der Erlöser der Welt . Auf jeder Facette unseres Wesens sollen wir sein Abbild tragen : dann sind wir schön ! Da wir aber statt dessen unser eigenes Bild oder die Abbilde der Welt tragen , welche durch die Sünde verzerrt und entstellt sind , so muß das erst abgeschliffen werden , bevor die Spiegelung eintreten kann . « » Die Sünde ! « rief Judith im Ton des Vorwurfes ; » aber es begehen doch nicht alle Menschen Sünden , welche den Charakter entstellen und das Herz verderben . « » Ich weiß nicht , welchen Sünden Sie das Privileg erteilen , Signora , den Charakter zu verderben . « » Nun , zum Beispiel dem Geiz , der Heuchelei , der Lüge . « » Nicht wahr , Signora , « fragte Hyazinth mit sanftem Lächeln , » Sie sind großmütig ? und Sie sind des Komödienspiels so überdrüssig , daß Sie die Komödie der Welt im Fach der Heuchelei und Lüge nicht mitspielen mögen ? « » Sie können Recht haben , Signor . « » So macht es der Mensch : diejenigen Fehler und Leidenschaften , die er nicht hat oder die seinen guten Eigenschaften entgegengesetzt sind - nur die nennt er Sünde . Was er aber bei sich selbst findet .... « - » Nennt er Schwäche , traurige Schwäche , die seiner irdischen Natur anklebt , « unterbrach Judith ihn ruhig . » Und was nennen Sie denn Sünde , Signor ? « » Ich bin nur das Organ der lehrenden Kirche und sie spricht : Die Sünde ist eine Übertretung des göttlichen Gesetzes . Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde mit einer liebenden Seele , welcher die Liebe zu ihrem Urbild innewohnt ; aber nicht als Zwang , nur als Neigung , denn die Liebe hat nur dann Wert