thierischer Fühllosigkeit Viele in den Strom sinken . Endlich traf ein kreischender Ton mein Ohr , der mir bekannt klang , wie rauh und scharf das Elend auch die Stimme gemacht haben mochte , die ihn klagend ausstieß . Ich blickte unwillkührlich nach der Seite hin , von woher er schallte , und meine Augen trafen auf ein Weib , die mühsam in der Menge den Durchgang zu erkämpfen strebte und ein Kind hoch empor hielt , um es im Gedränge gegen Verletzung zu sichern . Die Unglückliche konnte , umringt von Menschen , nicht bemerken , daß sie gerade nach dem Flusse hingedrängt wurde . Die Vorderen stürzten hinein und erhoben ein Klagegeschrei . Sie wendete den Kopf , um wo möglich die Ursache zu erspähen , die sie von ihrem Standpunkte aus nicht entdecken konnte , und ihre Augen trafen auf mich . An diesen dunkeln , glänzenden Augen , die als letzte Spur der Schönheit ihr geblieben waren , erkannte ich die Arme . Tausend Mal hatte ich diese Augen geküßt , tausend Mal hatten die süßen , halb schalkhaften , halb zärtlichen Blicke ein warmes Gefühl in meiner Brust erregt und mein Herz heftiger schlagen machen , und nun erblickte ich sie im höchsten Elend und in augenscheinlicher Todesangst wieder . Denn obgleich , als die Vorderen in den Fluß stürzten , sich ein Geschrei des Entsetzens erhob und die Nächsten zurück zu drängen versuchten , so war die Masse der Folgenden , die die Gefahr nicht erkannten und immer meinten , sie drängten auf die Brücke zu , zu groß ; immer mehr mußten ihrem Schicksal erliegen , und auch die Unglückliche , die in diesem Augenblicke meine ganze Theilnahme erregte , war ihrem Verderben nah . Sie bemerkte jetzt die Gefahr und ein furchtbarer Schrei tönte zu mir herüber . Ich weiß nicht , ob sie mich in dieser Angst erkannte , aber mir schien es , als richte sie den Ruf um Hülfe an mich , und ich weiß noch nicht , wie es geschah , ich stand in demselben Augenblicke an ihrer Seite . Ich wollte sie vom Ufer des Flusses zurückreißen und faßte in der bis zur fürchterlichsten Angst gesteigerten Theilnahme ihr Kind , das sie in demselben Augenblicke losließ , indem sie vorwärts gedrängt wurde in den nassen Tod . Sie richtete noch einen letzten Blick flehender Zärtlichkeit auf mich - und die Wogen rissen sie hinweg . Der General schwieg eine kurze Zeit und fuhr dann mit bewegter Stimme fort : Es schien , als ob dieß das letzte Opfer sein sollte , das in den Wogen unterging . Man kam zur Besinnung ; die Nachstrebenden erkannten die Gefahr , und es gelang mir mit dem Kinde mich zurück zu kämpfen und die Brücke zu erreichen . Kaum hatte sie mein Fuß berührt , als ein Mann sich herbeidrängte , mit allen Zeichen der Verzweiflung wild um sich blickte und in fast heulendem Tone schrie : Mein Weib ! mein Kind ! mein armes Weib ! mein unglücklicher Sohn ! Er erblickte endlich das Kind in meinen Armen , riß es an sich und rief mit erlöschender Stimme : Wo , wo ist mein Weib ? Ich vermochte nicht zu antworten und deutete stumm auf den Strom . Er erbleichte wie ein Sterbender ; doch kehrte nach einigen Augenblicken das Blut in seine Wangen zurück ; er schlug heftig auf seine Brust und sagte mit männlicher Stimme : Ertrage auch das , mein Herz ! Er küßte hierauf das Kind und sagte : Jetzt , Eugen , mußt Du mein einziger Trost sein . Es schien , als ob er , das Kind in den Armen , alle männliche Kraft der Seele und des Körpers wieder gewonnen hätte . Er drang , mir Bahn brechend , wie ein Verzweifelnder vorwärts , und wir erreichten das jenseitige Ufer . Ich will Dir nicht , fuhr der General nach einigem Schweigen fort , eine Beschreibung von dem Elende machen , das wir auf diesem ganzen unglücklichen Rückzuge erdulden mußten . Der Soldat , dessen Kind ich gerettet hatte , schloß sich an mich an , und ich gestehe Dir , ohne ihn wäre ich im Elende verschmachtet . Die Verhältnisse , in denen er aufgewachsen war , hatten ihn sinnreicher als mich gemacht , Mittel aufzufinden , um unser Dasein zu fristen . Als wir uns zum ersten Male wieder geordneten Truppen anschlossen und er erfuhr , daß er einem Generale die Erhaltung seines Kindes verdankte , wurde dadurch seine Anhänglichkeit noch gesteigert , und er war mir mit wahrhafter Schwärmerei ergeben . Ich sorgte jetzt für ihn und es ging uns einige wenige Tage besser ; aber als auf diesem unglücklichen Rückzuge alle Hoffnungen untergingen , da brach von Neuem ein Elend auf uns herein , das ich vergeblich zu beschreiben versuchen würde , und ich muß es wie ein Wunder betrachten , daß sowohl ich , als er und das Kind den deutschen Boden erreichten . Durch übermäßige Anstrengungen gelang es dem Braven , unser Dasein zu fristen , und durch Entbehrungen aller Art bis zum Tode ermattet , trugen wir abwechselnd sein Kind , denn es war nicht mehr möglich uns ein Pferd zu verschaffen ; die beklagenswerthen Geschöpfe waren längst vernichtet . Als wir den deutschen Boden erreicht hatten , beschlossen wir uns einige Tage Ruhe zu gönnen , und die Bequemlichkeiten , die der elende Gasthof eines kleinen Städtchens an der polnischen Gränze bot , dünkten uns köstlich . Mein braver Soldat hatte sich auf kurze Zeit entfernt und das vor Hunger weinende Kind bei mir zurückgelassen ; jedoch er kehrte bald zurück mit Wein und allen guten Dingen beladen , die in dem kleinen Orte zu erreichen waren . Ich betrachtete ihn mit Erstaunen ; doch der Reiz einer so lang entbehrten guten Mahlzeit brachte alle anderen Empfindungen zum Schweigen und erst , nachdem wir alle gesättigt waren , fragte ich meinen Unglücksgefährten , woher