sie heute den Haupteingang benutzen und durch den Turm , wo die Bahre und die gesprungene Türkenglocke stand , in die Kirche eintreten mußten . Diese war schon gefüllt , da jeder in Erfahrung gebracht hatte , daß ein Wort über Krieg und Frieden von der Kanzel gesprochen werden sollte . Nur der Majorsstuhl dicht vor dem Altar war leer wie immer . Renate und die Schorlemmer gingen das Mittelschiff hinauf , Lewin und Tubal folgten . Als sie bis in die Mitte waren , bogen sie nach rechts hin in einen Quergang ein , der erst zu einem schmalen Treppchen und mit Hülfe desselben zu dem herrschaftlichen Chore hinaufführte . Hier nahmen sie Platz auf alten hochlehnigen Lederstühlen und stimmten in das Lied ein , das eben gesungen wurde . Lewin saß am meisten zurück , Tubal unmittelbar hinter Renate und der Schorlemmer , so daß er zwischen ihnen hindurch den Blick auf das große Denkmal und ein paar der vordersten Bankreihen frei hatte . Auf der zweitvordersten Bank saß Schulze Kniehase samt Frau und Tochter . Marie hatte sich mit Renaten leise begrüßt , aber seitdem von ihrem Gesangbuche nicht mehr aufgeblickt . Es war ein schöner Tag ; alles sah hell aus , und dieser Eindruck wuchs noch , als die lichte Gestalt unseres Seidentopf auf der Kanzel erschien . Der Gesang schwieg , und nur die Orgeltöne klangen noch leise nach , während alles sich neigte , um , dem Vorgange des Geistlichen folgend , ein stilles Gebet zu sprechen . Nun aber ging es wieder wie Leben durch die Versammlung , aller Köpfe richteten sich auf , und Seidentopf , mit der Rechten sein langes weißes Haar zurückstreichend , begann : » Andächtige Gemeinde ! Der Tag , den wir ersehnt haben , ist gekommen . Vor Wochen und Monaten schon , als Gott auf den russischen Schlachtfeldern sein Zeichen gab , als edle und tapfere Heerführer , den Schein des Ungehorsams nicht fürchtend , im wahrhaften Sinn und Geist unseres Königs zu handeln und den ersten entscheidenden Schritt zur Abwerfung eines uns unerträglich gewordenen Joches zu tun wagten , schon damals wußten wir , daß dieser ersehnte Tag kommen werde . Aber er war noch nicht da . Nun ist er angebrochen . Der Übergang von der Knechtschaft in die Freiheit bereitet sich vor . Der König hat geredet , das ungeduldig erwartete Wort , es ist gesprochen worden . Jeder unter euch kennt es , aber von dieser Stelle aus sei es noch einmal verkündet . « Und nun entfaltete unser Freund das den Aufruf abschriftlich enthaltende Blatt und las mit lauter und eindringlicher Stimme . Die Wärme seines Vortrags lieh auch den einfachsten Sätzen Bedeutung und Leben , und eine Wirkung gab sich zu erkennen , wie sie bei dem Einzellesen daheim niemand an sich erfahren hatte . Besonders waren es die Worte , die von der Vaterlandsliebe und der in Zeiten der Gefahr immer am lebhaftesten bewährten Anhänglichkeit an den König sprachen , denen die Versammlung mit sichtlicher Bewegung folgte . Und nun fuhr Seidentopf fort : » So , meine Freunde , hat der König gesprochen . Gesprochen wie noch nie zuvor , weil er noch nie zuvor in gleich hohem Maße das für einen König erhebendste und beglückendste Gefühl haben durfte , das Gefühl einer reinen und vollkommenen Übereinstimmung mit seines Volkes Wunsch . Ein heiliger Krieg ist es , der beginnt , ein Krieg voll Hoffnung auf innerliche Befreiung , und so will ich denn sprechen über die Worte des Propheten Jeremias im achtzehnten Kapitel : Und plötzlich rede ich gegen ein Volk und Königreich , daß ich es ausrotte , zerbreche und verderbe ; wo sich es aber bekehret von seiner Bosheit , dawider ich rede , so soll mich auch reuen das Unglück , das ich ihm gedachte zu tun . Ja , meine Freunde , Gott war auch wider uns , daß er uns ausrotte , zerbreche und verderbe um unserer Schuld und Sünde willen , denn diese Schuld war groß . « Und nun begann er , rückwärts blickend , seiner Gemeinde das Bild unserer Schuld zu malen . Unter eines großen Königs Regiment hätten wir rasch den Gipfel des Ruhmes erklommen , eines Ruhmes , der uns hochfahrend , sorglos und bequem gemacht habe . Unredlicher Gewinn habe zum Überfluß unser Gebiet vergrößert , bis die Hälfte unseres Landes aus fremdem Volk bestanden habe , derart , daß wir kaum noch gewußt hätten , ob wir Deutsche seien oder nicht . Und während von andern Völkern um hohe Güter des Lebens gekämpft worden sei , hätten wir selbstgerecht und selbstsüchtig seitab gestanden und des Glaubens gelebt , daß wir durch bloße Ruhe mächtiger und furchtbarer werden würden . So sei der trotzig-übermütigen Klugheit unserer staatlichen Jugend eine verzagte Klugheit auf dem Fuße gefolgt , und mit dem Hinschwinden unseres Ruhmes sei zuletzt auch unsere Ehre mehr und mehr ein Schattenbild geworden . Eine Flut von Eitelkeit und Verschwendung habe die mühsamen Werke besserer Jahre zerstört , bis es endlich über uns hereingebrochen sei und der Herr , um mit den Worten des Propheten zu sprechen , » wider uns geredet habe « , als gegen ein Volk , das er ausrotten , zerbrechen und verderben wolle . Ein zermalmendes Kriegsunglück , das noch in unser aller Gedächtnis sei , habe uns schließlich von unserer falschen Höhe in den Abgrund geworfen . Hier machte Seidentopf eine Pause . Dann aber , sich vorbeugend , fuhr er mit gehobener Stimme fort : » Ein zermalmendes Kriegsunglück , sagte ich . Aber schlimmer als dieser Krieg war der Frieden , der folgte . Ich rede nicht von der äußerlichen Not , die er mit sich führte , ich rede von der traurigen Gewöhnung , die er schuf , das Unwürdige zu dulden . Eine Gewöhnung , die so weit ging , daß in vielen Gemütern ( nicht in den euern , meine Freunde ) der Wunsch