. Nur am Ende ihres Briefes wiederholte sie den von ihrem Gatten gebrauchten Ausdruck , daß es ihr eine große Freude sein würde , den ihr so theuer gewordenen Freunden jemals dienstlich sein zu können ; und sie fügte dieser Versicherung den für Seba völlig verständlichen Nachsatz hinzu : » Glaube mir , daß der Gedanke an Dich und an unser letztes Beisammensein mich nie verlassen , daß mein Herz für Dich beten wird wie für mich selbst , und daß Du mir die höchste Liebe erweisen würdest , wenn Du es mir sagen wolltest , ob ich irgend etwas für Dich , für Dein Glück und für den Frieden Deiner Zukunft thun kann ! « Der Freiherr sah es , wie Angelika eine Locke ihres Haares abschnitt und in die Rückseite des Medaillons einlegte . Er las die von ihr geschriebenen Zeilen , ohne eine Bemerkung darüber zu machen . Die Ausdrucksweise jener Zeit war eine conventionell gesteigerte , man bediente sich großer Worte für die lebhaften Empfindungen , die man geflissentlich in sich nährte , und daß es an Gefühlsergüssen zwischen der Baronin und Seba nicht gefehlt haben würde , darauf war der Freiherr gefaßt gewesen . Es gefiel ihm freilich nicht besonders , daß seine Frau das Judenmädchen mit Du ansprach , er tadelte es auch gegen seine sonstige Weise im Beisein der Gräfin , und diese gab ihm Recht . Sie äußerte sich überhaupt nicht beifällig über Seba ; Angelika wagte es nicht , sie zu vertheidigen , man konnte es jedoch in ihren Mienen lesen , daß diese abfälligen Urtheile sie betrübten . Im Uebrigen gingen die Tage im Schlosse ruhig hin . Nach der Ermüdung durch die Reise mußte man der Baronin Zeit zur Erholung gönnen , durfte man nicht daran denken , Gesellschaft zu sehen ; und da der Besuch der Eltern ohnehin nicht eben lange währen sollte , wünschten sie , sich der Tochter ohne Störung zu widmen . Alles was man unternahm , wurde mit Rücksicht auf die Kranke gethan . Man konnte sich nicht darüber täuschen , daß für sie keine Herstellung zu hoffen sei und daß nur Schonung und Ruhe ihr Dasein noch zu fristen vermöchten . Jedes Gespräch , das sie erregen konnte , wurde vermieden , sie selber schien vor allen Erörterungen über ihr Leben , über den Freiherrn , über die Herzogin , über die Plane , welche sie für die Erziehung ihres Sohnes hegte , Scheu zu tragen . Auf die mißbilligende Bemerkung ihres Vaters , daß man im Schlosse fast nur noch Franzosen im Dienste habe , entgegnete sie , die Noth dieser geflüchteten Leute und die Rücksicht auf die Fürbitte der Herzogin hätten sie dazu gebracht , sich ihrer zu bedienen . Und , fügte sie mit einer gewissen Ueberwindung hinzu , wenngleich ich selbst für Renatus die alten , uns angestammten deutschen Diener lieber gehabt hätte , so ist es doch andererseits viel werth , daß er jetzt nur Personen um sich findet , die ihn in seinen religiösen Begriffen nicht verwirren . Kinder haben des völligen Einklanges in ihrer Umgebung sicherlich am nöthigsten . Die Eltern ließen diese Unterhaltung fallen ; aber es gab der Gegenstände in Schloß Richten gar zu viele , die man nicht berühren mochte . Der Graf , der schon aus der Ferne von den schwankenden Vermögensverhältnissen seines Schwiegersohnes Kunde gehabt hatte , überzeugte sich , daß der Schade tiefer gehe , als er geglaubt , und versuchte , da er viel praktische Umsicht besaß , dem Freiherrn unter der Hand zu rathen , wie man mit dem Verkaufe eines Theiles der Güter den andern sichern und dauernd erhalten möge . Der Freiherr wies jedoch jede Mittheilung und jeden Rath zurück . Man war und blieb also beisammen , ohne mit einander zu leben . Man hätte einander lieben mögen , brachte es aber nicht weiter , als bis zu einer gegenseitigen nachsichtigen und mitleidigen Duldsamkeit . Wie die Eltern auch an der hinsiechenden Tochter hingen , wie schwer die Trennung ihnen werden mußte , sie sprachen nicht davon , ihren Besuch über die festgesetzte Zeit zu verlängern , und weder der Freiherr noch Angelika vermochten sie dazu aufzufordern , denn die Einweihung der Kirche stand nahe bevor , es gab für diese noch mancherlei zu ordnen , und man durfte nicht wünschen , den Grafen und seine Gattin zu Zeugen derselben zu haben . Der zweite Besuch , welchen ihre Eltern der Baronin in Richten machten , war dem ersten in vieler Beziehung ähnlich , und Angelika erfuhr an sich selber , wie wundersam oftmals in unserem Leben entfernte Zeitpunkte einander gleichen , wie sich zu wiederholen scheint , was wir erleben , während wir selbst uns gewandelt finden und Alles um uns her gewandelt ist . Weil man sich vor dem Scheiden gefürchtet hatte , fühlte man sich leichter , als es überstanden war , und wie nach der ersten Abreise ihrer Eltern wurden auch dieses Mal der Freiherr und Angelika durch eine äußerliche Thätigkeit in Anspruch genommen . Siebzehntes Capitel Die Beschwerden , welche der Caplan bei seinem Bischofe , und die Meldung , welche der Pastor bei der Regierung gemacht hatte , hatten ihre Früchte getragen . Mit dem Bischof durfte man sich leicht zu verständigen hoffen , denn die Entfernung des Pastors war bei dem Freiherrn , selbst wenn er genöthigt sein sollte , ihn zu pensioniren , eine beschlossene Sache , und die Errichtung eines Pfarramtes in Rothenfeld , für welches natürlich der Caplan ins Auge gefaßt war , stimmte den Bischof für alle Maßnahmen des Freiherrn im Voraus günstig . Einmal von seinen drückenden Verlegenheiten befreit , bewegte dieser Letztere sich in seiner alten Weise , und da er , was er unternahm , vollständig zu thun , was er besaß , vollkommen zu besitzen liebte , wollte er , nun der Bau beendigt war , die Kirche auch mit einem vollständigen Personal versehen . Der ansehnliche Vorrath von Kirchengeräthschaften