Fußbekleidungen mit trocknen vertauscht worden waren , im großen Zimmer , wo denn bei einer guten Mahlzeit und einem Glase Punsch die Besorgnisse des Tages und die Mühseligkeiten des Abends vergessen wurden . Cornelie nahm , sobald es sich tun ließ , den Prediger beiseite , und erzählte ihm von dem Finden der Alten und ihrer sterbenden Tochter . Dieser teilte die Sache Wilhelmi mit , und sie entschlossen sich , am folgenden Morgen nach der Wiese zu gehn , welche Cornelie ihnen beschrieben hatte . Auch von dem Ringe , und welchen Eindruck derselbe auf Hermann gemacht , war ihnen etwas gesagt worden . Wilhelmi klopfte daher , als die übrigen sich zur Ruhe begeben hatten , an Hermanns Zimmer , worin noch Licht zu sehen war , und wollte öffnen , fand aber die Türe von innen verriegelt , und bekam auf sein Rufen keine Antwort . Den Prediger hielten am folgenden Tage Amtsgeschäfte zurück ; Wilhelmi machte sich daher , nur von einigen Arbeitsleuten begleitet , auf den Weg nach der Wiese . Dort hatten sie einen Anblick , welcher sie in Erstaunen setzte . Die Alte saß noch , wie Cornelie sie ihm geschildert hatte , ohne Regung , mit aufgezognen Knien , das Haupt im Schoße und in den umfassenden Armen ; ein Bild des versteinernden Schmerzes , und neben ihr lag der schöne , blasse Leichnam , vom Regen und Winde tief in wilde Blumen hineingewühlt , welche ihre bunten Glocken über dem erstarrten Antlitze wie leidtragend hin und her wiegten . Wilhelmi erkannte die Züge des Knaben , der ihm auf dem Schlosse lieb gewesen war , wieder , und fühlte sich ohne Faden in diesem Labyrinthe rätselhafter Begegnungen . Er wollte die Alte erwecken lassen , diese fiel aber bei der ersten Berührung zusammen . Sie war nicht tot , denn ihr Atem ging , wenn auch kaum hörbar , aber in einem bewußtlosen , schlafartigen Zustande . Ein rüstiger Arbeiter mußte sich mit ihr beladen und sie nach dem Kloster tragen ; den andern gab Wilhelmi die nötige Anweisung , wie der Leichnam zu bestatten sei . Überwältigt von so vielen außerordentlichen Dingen , befahl er , daß ganz nach den Worten der Alten hiebei verfahren werden solle , die ihm Cornelie hinterbracht hatte . Schweigend machten die Männer eine tiefe Gruft auf der Wiese , schweigend senkten sie den zarten Leichnam , um den nur ein feines Musselintuch geschlagen ward , ein . So wurde das wilde , ausgelaßne , unglückliche Flämmchen unter Gräsern und Blumen zur Ruhe gebracht . Zwischen ihr und der Erde bildeten keine Sargwände eine Scheidung . Nicht unpassend erschien diese Art des Begräbnisses . Den Elementen hatte sie im Leben näher angehört , als der menschlich-geselligen Ordnung , den Elementen wurde sie nun im Tode zu unmittelbarer Gemeinschaft zurückgegeben . Die Alte hatte man in ein bequemes Bette gelegt . Ihr Starrkrampf , Schlaf , oder was es sonst war , dauerte fort . Der herbeigerufne Hausarzt erklärte , man müsse die Natur walten lassen , welche die inneren Organe wohl wieder so weit beleben könne , um an die Stelle dieses Scheintodes ein wirkliches Bewußtsein zu setzen . Wilhelmi , Cornelie , der Prediger , ja selbst die kalten Geschäftsmänner wandelten umher , halbkrank , von schwärmenden Einbildungen erfüllt . Denn auch Hermann war für sie unsichtbar geworden . Seit jenem Abende hatte er den Verschluß seines Zimmers noch nicht aufgehoben , nur die notwendigsten Speisen ließ er sich einmal des Tages hineinreichen , und schob dann sogleich wieder den Riegel vor . Wilhelmi beobachtete ihn vom Fenster eines gegenüberliegenden Hauses , und sah , daß er unaufhörlich den Ring anstarrte , dann emsig schrieb , und von dieser Beschäftigung nur wieder zu jener Gebärde überging . » Was wird aus allem diesem werden ? « sagte Wilhelmi eines Tages zum Prediger , mit dem er viel zusammen war . » Wo liegen die Knoten , durch deren Lösung ein verworrnes Gewebe zu ordnen sein möchte ? « » Ich bin auf alles gefaßt « , versetzte der Prediger . » Es sollte mich nicht wundern , wenn hier in unsrer friedlichen Gegend plötzlich ein Vulkan den feurigen Schlund auftäte , oder ein Erdbeben unsre Häuser in ihren Grundfesten erschütterte , so wilde Begebenheiten haben einander gedrängt und überstürzt . « » Große Besitzungen ohne Herrn , ein guter , zu allen Freuden des Daseins berechtigter Mensch in Nacht und Kindheit des Geistes gestürzt ! « rief Wilhelmi . » Verborgne Schuld abgelaufner Zeiten grausam an das Tageslicht gerissen , und keine Sonne der Hoffnung aufgehend über den Gräbern des Herzogs , des Oheims , der Tante , Ferdinands , Flämmchens ! Wir sehen gleichsam in einer Gruppe und abgekürzten Figur um uns her das ganze trostlose Chaos der Gegenwart . « » Wäre in unsrer Brust nicht der Glaube an ein Gleichgewicht der Dinge unvertilglich , so müßte uns das Leben wie ein gewisses Spiel vorkommen , welches die Schulknaben zu treiben pflegen « , erwiderte der Prediger . » Sie schreiben auf die erste Seite ihrer Grammatik : Wer meinen Namen wissen will , schlage Pagina da und da auf . Dort wird wieder nach einer andern Seite hinverwiesen , und so weiter . Endlich , wenn der Suchende sich nach und nach durch das ganze Buch vor und zurück hindurchgearbeitet hat , bleibt der Name mit einem albernen Scherze aus . « Dreizehntes Kapitel Beide Männer machten häufige Spaziergänge in der Gegend , um die trüben Gedanken , von denen jeder bedrängt war , zu verscheuchen . Wilhelmi hätte wohl reisen können und sollen , denn seine Frau ermahnte ihn in rasch einander folgenden Briefen zur Heimkehr , aber das anhängliche Gemüt des sonderbaren Manns litt nicht , daß er gerade jetzt das Kloster verließ . Er wollte wenigstens warten , bis Hermann aus seiner selbstgewählten Einsamkeit hervorginge , und dann , wenn der Unglückliche derselbe geblieben war , mit weinenden