, dann verlor ich das Bewußtsein . O , Willmers , bitte , machen Sie hell , daß ich das Licht sehe — so lange ich irgend kann . “ Die Willmers öffnete die Gardinen beider Fenster . In grellen Strahlen leuchtete die Herbstsonne herein . Ernestine breitete ihr die Arme entgegen : „ O , du mächtiges Gestirn , wie lange werde ich Dir noch in das flammende Auge blicken ? Wie bald küßt dein warmer Strahl die Blumen auf meinem Grabe wach ? Die Seligen sollen Gottes Angesicht schauen ? Gottes Angesicht ist die Welt , diese schöne , lachende Welt mit ihren Sonnenaugen , und selig ist , wer Gott darin erkennt ! — Ach Willmers — leben dürfen — schon das ist Seligkeit ! Das fühlt nur der , welcher einmal in sein offenes Grab geblickt wie ich . Und nie wäre ich dieser Seligkeit vielleicht so wert gewesen als jetzt — wo es zu spät ist ! “ Sie legte die Stirn in die über dem Knie gekreuzten Arme und weinte heiße Tränen . „ Wenn ich hoffen dürfte , ich ginge ein , an ein liebendes , verzeihendes Vaterherz zu ewiger Ruhe und wunschlosem Frieden , dann wollte ich ja gerne sterben . Ach , ich sehne mich nach dem Herzen des Allvaters , dessen Nähe Alle empfinden , auf den Alle hoffen , aber — ich würde ihm nicht nahen dürfen — ich würde ewig ausgestoßen sein . “ „ Liebes Fräulein , “ tröstete die Willmers , „ Sie sind noch krank , drum geben Sie sich solch trüben Gedanken hin . Wenn Sie doch einmal mit Professor Möllner über das Alles sprechen wollten , der könnte Ihnen besser antworten , als ich einfältige , alte Frau . “ „ Wann kommt Möllner wieder ? “ „ Er ist hier mit seiner Frau Mama . Die Herrschaften sind ganz herausgezogen , um Sie besser pflegen zu können — und die Frau Mutter haben es sich nicht nehmen lassen , den Herrn Sohn so viel als möglich zu unterstützen . Ach mein Himmel , wie haben sich die guten Leute um Sie geängstigt ! Der Herr Professor sind nicht von Ihrem Bette gewichen und sehen ganz übel aus von dem vielen Wachen . “ Ernestine blickte in tiefer Bewegung vor sich nieder . „ Darf ich ihn nicht hereinlassen , den guten Herrn ? “ fragte die Willmers . „ Bitten Sie ihn zu kommen ! “ Die Willmers brauchte ihn nicht erst zu holen — er stand schon unter der Tür . „ Ernestine , “ sagte er und gab sich alle Mühe , gefaßt zu scheinen , „ Ernestine , wie ist Dir ? “ „ Gut , mein Freund ! “ lächelte sie und streckte die Hand nach ihm aus . — „ Johannes , was hast Du für mich getan ? Wie und womit soll eine Sterbende Dir solche Opfer lohnen ? “ „ Ernestine , “ rief Johannes und zog ihre Hand an seine Lippen : „ Du bist in einem Irrtum , in den ich Dich gestürzt und Gott hat mich für meine Unvorsichtigkeit furchtbar gestraft . Alles , was ich Dir über Deinen körperlichen Zustand sagte , beruht auf falschen Voraussetzungen . Was ich für Symptome eines chronischen Leidens hielt , war nichts weiter als das Herannahen dieser schweren akuten Krankheit . Zwei Ärzte , Heim und Moritz Kern , erklärten Deine Organe für vollkommen gesund und Du bist jetzt außer aller Gefahr . O , Ernestine , Du ahnst nicht , was ich gelitten . Ich sah Dich ringen in Todesangst , alle Deine Phantasien zeugten von der Furcht , die Dich peitschte — ich trug die Erlösung auf meinen Lippen — und Du konntest mir Dein Ohr nicht leihen ; — ich bot Dir den Trunk , der Dich vor dem Verschmachten retten sollte und Du konntest die Lippen nicht öffnen , ihn zu empfangen ! O , es war zuviel , zuviel ! “ „ So muß ich noch nicht sterben ? “ fragte Ernestine aufatmend , wie nach einem schweren Traum . „ Bei meiner Ehre , Ernestine , Du bist gerettet . “ Sie konnte nicht sprechen . Sie sah nur mit einem unbeschreiblichen Blick zu dem blauen Himmel auf , der durch das Fenster hereinschaute . Dann drückte sie Möllners Hand an ihre Brust , lange , stumm , bis ein paar große Tränen aus ihren Augen fielen . Da trat die Staatsrätin ein : „ Darf ich auch kommen ? “ fragte sie . „ Darf ich mir auch einem freundlichen Gruß holen ? “ Ernestine zog die alte Frau zu sich hin , schlang den Arm um sie und flüsterte : „ Sie haben mir viel zu vergeben ! — Aber Sie taten es , ehe ich Sie darum bitten konnte . Ich fühle mich Ihnen gegenüber so klein , wie nie in meinem Leben , und ich will die Scham nicht verbergen , die mich ergreift bei dieser Erkenntnis — es ist Ihre einzige Entschädigung für alle Opfer ! “ „ O , wie geläutert ist sie aus diesem Feuer hervorgegangen ! “ sagte die Staatsrätin zu Johannes , der wie gebannt auf das schöne bleiche Gesicht niedersah , welches zum ersten Male wieder von einem geistigen Ausdruck verklärt ward . „ Ich danke Euch , meine Freunde , und Ihnen , treue Willmers . Jeder Atemzug des neugeschenkten Lebens soll Dank gegen Euch sein “ — sie sah fast schüchtern empor : „ Und gegen Gott ! Denn ich habe es gefühlt in den Schrecken jener furchtbaren Nacht , seine Hand hat mich niedergeschmettert — und seine Hand richtet mich wieder auf . O ja , er ist ein barmherziger Gott ! “ „ Ernestine , “ rief Johannes , „ so wäre ein Segen aus meiner Warnung hervorgegangen , von dem ich nicht zu träumen gewagt hätte ? Du hättest in der Furcht den Glauben