daß er jedenfalls den Rhein hinunterfahren und auch sie besuchen solle . Inzwischen hatte sich Erikson vor die Staffelei gestellt und betrachtete höchst verwundert Heinrichs neuste Arbeit . Dann betrachtete er mit bedenklichen Blicken den Urheber , welcher in peinlicher Verlegenheit dastand , und sagte » Du hast , grüner Heinrich , mit diesem bedeutenden Werke eine neue Phase angetreten und begonnen , ein Problem zu lösen , welches von größtem Einflusse auf unsere deutsche Kunstentwicklung sein kann . Es war in der Tat längst nicht mehr auszuhalten , immer von der freien und für sich bestehenden Welt des Schönen , welche durch keine Realität , durch keine Tendenz getrübt werden dürfe , sprechen und räsonieren zu hören , während man mit der gröbsten Inkonsequenz doch immer Menschen , Tiere , Himmel , Sterne , Wald , Feld und Flur und lauter solche trivial wirkliche Dinge zum Ausdrucke gebrauchte . Du hast hier einen gewaltigen Schritt vorwärts getan von noch nicht zu bestimmender Tragweite . Denn was ist das Schöne ? Eine reine Idee , dargestellt mit Zweckmäßigkeit , Klarheit , gelungener Absicht ! Diese Million Striche und Strichelchen , zart und geistreich oder fest und markig , wie sie sind , in einer Landschaft auf materielle Weise placiert , würden allerdings ein sogenanntes Bild im alten Sinne ausmachen und so der hergebrachten gröbsten Tendenz frönen ! Wohlan ! du hast dich kurz entschlossen und alles Gegenständliche hinausgeworfen ! Diese fleißigen Schraffierungen sind Schraffierungen an sich , in der vollkommensten Freiheit des Schönen schwebend , dies ist der Fleiß , die Zweckmäßigkeit , die Klarheit an sich , in der holdesten , reizendsten Abstraktion ! Und diese Verknotungen , aus denen du dich auf so treffliche Weise gezogen hast , sind sie nicht der triumphierende Beweis , wie Logik und Kunstmäßigkeit erst im Wesenlosen recht ihre Siege feiern , im Nichts sich Leidenschaften und Verfinsterungen gebären und sie glänzend überwinden ? Aus Nichts hat Gott die Welt geschaffen ! Sie ist ein krankhafter Abszeß dieses Nichts , ein Abfall Gottes von sich selbst . Das Schöne , das Poetische , das Göttliche besteht eben darin , daß wir uns aus diesem materiellen Geschwür wieder ins Nichts zurückabstrahieren , nur dies kann eine Kunst sein ! - Aber mein Lob muß sogleich einen Tadel gebären , oder vielmehr die Aufforderung zu weiterm energischen Fortschritt ! In diesem reformatorischen Versuch liegt noch immer ein Thema vor , welches an etwas erinnert , auch wirst du nicht umhinkönnen , um dem herrlichen Gewebe einen Stützpunkt zu geben , dasselbe durch einige verlängerte Fäden an den listen dieser Föhren zu befestigen , sonst fürchtet man jeden Augenblick , es durch seine eigene Schwere herabsinken zu sehen . Hiedurch aber knüpft es sich wiederum an die abscheulichste Realität ! Nein , grüner Heinrich ! nicht also ! nicht hier bleibe stehen ! Die Striche , indem sie bald sternförmig , bald in der Wellenlinie , bald rosettenartig , bald geviereckt , bald radienartig , strahlenförmig sich gestalten , bilden ein noch viel zu materielles Muster , welches an Tapeten oder bedruckten Kattun erinnert . Fort damit ! Fange oben in der Ecke an und setze einzeln nebeneinander Strich für Strich , eine Zeile unter die andere ; von zehn zu zehn mache durch einen verlängerten Strich eine Unterabteilung , von hundert zu hundert eine wackere Oberabteilung , von tausend zu tausend einen Abschluß durch einen tüchtigen Sparren . Solches Dezimalsystem ist vollkommene Zweckmäßigkeit und Logik , das Hinsetzen der einzelnen Striche aber der in vollkommener Tendenzfreiheit in reinem Dasein sich ergehende Fleiß . Zugleich wird dadurch ein höherer Zweck erreicht . Hier in diesem Versuche zeigt sich immer noch ein gewisses Können ; ein Unerfahrener , Nichtkünstler hätte diese Gruselei nimmer zustande gebracht . Das Können aber ist von zu leibhafter Schwere und verursacht tausend Trübungen und Ungleichheiten zwischen den Wollenden ; es bringt die tendenziöse Kritik hervor und steht der reinen Absicht fort und fort feindlich entgegen . Das moderne Epos zeigt uns die richtige Bahn ! In ihm zeigen uns begeisterte Seher , wie durch dünnere oder dickere Bände hindurch die unbefleckte , unschuldige , himmlisch reine Absicht geführt werden kann , ohne je auf die finsteren Mächte irdischen Könnens zu stoßen ! Eine goldschnittheitere ewige Gleichheit herrscht zwischen der Brüderschaft der Wollenden ! Mühelos und ohne Kummer teilen sie einige tausend Zeilen in Gesänge und Strophen ab ; der wahre Fleiß an sich freut sich seines Daseins , kein schlackenbeschwerter Könnender stört die Harmonie der Wollenden . Und weit entfernt , daß der Bund der Wollenden etwa eine einförmige , langweilige Schar darstellte , birgt er vielmehr die reizendste Mannigfaltigkeit in sich und kommt auf den verschiedensten Wegen zum Ziele . Hauptsächlich teilt er sich in drei große Heerlager ; das eine dieser Heerlager will , das heißt arbeitet , ohne etwas gelernt zu haben ; das zweite wendet mit eiserner Ausdauer das Gelernte , aber nicht Begriffene an ; das dritte endlich arbeitet und will , ohne das Gelernte und Begriffene auf sich selber anzuwenden , und alle drei Heerzüge vereinen sich an einem friedlichen Ziele . Wer kann ermessen , wie nahe die Zeit ist , wo auch die Dichtung die zu schweren Wortzeilen wegwirft , zu jenem Dezimalsystem der leichtbeschwingten Striche greift und mit der bildenden Kunst in einer äußeren Form sich vermählt ? Alsdann wird der reine Schöpfer- und Dichtergeist , welcher in jedem Bürger schlummert , durch keine Schranke mehr gehemmt , zutage treten , und wo sich zwei Städtebewohner träfen , wäre der Gruß hörbar : Dichter ? - Dichter ! oder Künstler ? - Künstler ! Ein zusammengesetzter Senat geprüfter Buchbinder und Rahmenvergolder würde in wöchentlichen olympischen Spielen massenhaft die Würde des Prachteinbandes und des goldenen Rahmens erteilen , nachdem sie sich eidlich verpflichtet , während der Dauer ihres Richteramtes selbst keine Epen und keine Bilder zu machen , und ganze Kohorten wissenschaftlich wie ästhetisch verbildeter Verleger würden die gekrönten Epen in stündlich folgenden Auflagen