! Mit Aufopferung jeder Rücksicht hatte sie ihnen Beiden einen Dienst geleistet , für den sie Anerkennung , Dankbarkeit , Enthusiasmus wenigstens , wenn nicht Liebe verlangen durfte ! Hatte ihre übermüthige Laune auch vielleicht nur die Gelegenheit benutzen wollen , einem eingebildeten lächerlichen alten Herrn einen muthwilligen Streich zu spielen , so war doch das Mitergebniß desselben eine große Gefälligkeit für den Prinzen gewesen . Und von alledem schien nun nichts gewesen zu sein , nichts bot sich zur Wiederanknüpfung dar als höchstens eben die ihr sonderbar klingende Mittheilung , die ihr durch einen Diener vom Parterre herauf gemacht wurde , der Herr Justizrath ließe ihr sagen , sie möchte diesen Abend ihre Gegenwart an Niemanden vergeben als an ihn , sie möchte mit ihm zur Geheimräthin von Harder fahren , die sie kennen zu lernen wünsche ... Im Begriff zur Mutter zu gehen und ihr diese Auffoderung des Vaters mitzutheilen , hörte sie in dem Zimmer derselben laut und angelegentlich sprechen . Die Mutter hatte Besuch . Es war die Stimme eines älteren Herrn , die sie kannte , aber nirgend hinzubringen wußte . Fremden Menschen , die mit ihrer gegenwärtigen Erregung in keiner Verbindung standen , jetzt zu begegnen , war ihr unmöglich . Sie warf sich ungeduldig auf ein Canapé des Nebenzimmers sprang nach einem kurzen Augenblick der Ruhe wieder auf , sah in den Spiegel , sah zum Fenster hinaus , horchte wieder an der Thür , ergriff ein in der Nähe liegendes Buch , las eine Viertelseite , warf es wieder weg und verging fast in der Pein der Ungeduld . Endlich glaubte sie die Stimme des Sprechers zu erkennen . Sie war zu fest , zu feierlich , als daß ihr nicht zuletzt einfallen sollte , wer es war . Sie glaubte sich nicht zu täuschen , wenn sie annahm , daß diese Stimme dem Propste Gelbsattel gehörte . Und obgleich es ihr Religionslehrer und Beichtiger war , so würde sie sich doch nicht entschlossen haben , in ' s Zimmer der Mutter einzutreten , wenn nicht plötzlich die Namen Hohenberg , Fürstin Amanda , Plessener Pfarrei an ihr Ohr gedrungen wären . Jetzt öffnete sie rasch und trat ein . Propst Gelbsattel hatte schon den Hut in der Hand und wollte sich eben von der Mutter , die eine eifrige Besucherin seiner Predigten war , empfehlen . Seiner Absicht , den Justizrath zu sprechen , kam die Meldung entgegen , daß dieser ihn unten bereits erwarte .... Propst Gelbsattel war eine hohe stattliche Figur , wohlgenährt und vom Lampenlicht der Studien seit Jahren schon nicht mehr angedämmert . Er hätte äußerlich durch seine imponirende Würde wol gut zu den Worten Veranlassung geben können : Auf diesen Fels will ich meine Kirche bauen ! Schon längst hatte sich bei ihm die Gottesgelahrtheit mit dem Studium der Welt so verbunden , daß er mehr einem Hofmanne als einem Geistlichen geglichen hätte , wenn nicht sein noch immer schwarzes glänzendes Haar in einen Scheitel gekämmt gewesen wäre , dessen beide gleiche Seiten , ziemlich lang über ' s Ohr gestrichen , gar heilig niederflossen . Dieses einzige Merkmal schlichter Sitte erinnerte an die fromme Bestimmung seines Berufes . Sonst war er von gewandten , wenngleich immer würdigen Weltformen , scherzte mit Grazie , ohne ausgelassen zu werden , sprach über alle Vorkommnisse des Lebens , ohne den Schein übergroßer Vertraulichkeit anzunehmen . Seine Reden hielten Viele für mustergültig . Sie waren nach einem immer gleichen Schema gearbeitet und rafften Mancherlei in die Betrachtung der Kanzel , was weniger mit dem Christenthume , als mit einer allgemeinen Lebensphilosophie überhaupt zusammenhing . Er galt für biblisch , ohne daß er sich im Orthodoxen zu weit erging . Ein leiser Anflug von Pietismus fehlte nicht , ohne daß er darum die Vernunft herabsetzte . Er hatte so seine eigene Art , allen Parteien zu gefallen . Die Vornehmen und Reichen strömten auch seinen Vorträgen , die er wohlweislich nur alle vierzehn Tage hielt , in großer Hingebung zu . Obgleich er bei der ersten alten Pfarrkirche der Stadt angestellt und überhaupt der erste Geistliche der Commune war , so kam doch regelmäßig auch der Hof zu ihm und gab den Ton an , sich allgemein durch Propst Gelbsattel das christliche Gewissen wecken und rühren zu lassen . Aber nicht nur auf der Kanzel war seine Wirksamkeit eine bedeutende , nicht nur durch seine Seelsorge für die vornehme weibliche Jugend und die Beichtbeflissenen behauptete er einen großen Einfluß in der Gesellschaft , sondern ebensosehr auch durch seine rege Antheilnahme an fast jeder Frage , die , in welchem Gebiete es auch sei , das allgemeine Interesse der Residenz in Anspruch nahm . Die Stadt selbst bediente sich seiner zum Entwurfe von Addressen ; denn man bewunderte die Geschliffenheit und lapidare Wucht seines Stils . Der Hof unternahm nie etwas , was artistisch oder irgendwie geistig in ' s öffentliche Leben treten sollte , ohne Gelbsattel zu Rathe gezogen zu haben . Orden schmückten seine Brust , wie einen Minister . In der Verwaltung der Schule und des Kirchenwesens hatte er Sitz und Stimme . Seine Gutachten entschieden über das Schicksal mancher erledigten Professur und ihre neue Besetzung . Ein gelehrtes Werk behauptete er schon lange unter der Feder zu haben , das ihm auch nach einem veröffentlichten Probestück den Eintritt in die Akademie des Landes , die sogenannte » Societät der höheren Wissenschaften « gesichert hatte . Aber nicht nur das Wissenschaftliche und Künstlerische hatte sich diesen hervorragenden Mann zu einer entscheidenden Instanz gewählt , sondern auch in Communalangelegenheiten aller Art war er heimisch , ja bis zur gelegentlichen Begutachtung von Brunnen- und Kanalanlagen . Die Residenz war seine Vaterstadt . Er hatte ihre Alterthümer durchforscht . Er war wirklich im Stande , über die frühere Geschichte derselben kundigst zu sprechen und kannte alle kleinen Heimlichkeiten des Stadtlebens , um auf diesem Gebiete immer etwas Schlagendes , Sach- und Fachgemäßes beizubringen . Kurz man mag den vielen Gegnern ,