auf seine kalten Lippen . Bald ging ihr Schluchzen in ein lautes Weinen und Stöhnen über . Ausrufe des Schmerzes , Worte des Zornes und der Verzweiflung , endlich ein erschütterndes Gebet um Erbarmen stieg von ihrem Munde zum stürmenden Himmel auf ! Die Männer schwiegen und ließen die Arme gewähren . Erst als der Schnee in dichteren Flocken niederfiel , und die Knieende schon mit weißem Todtenschleier zu bedecken begann , hoben sie die unglückliche Mutter auf und trugen die Widerstrebende fort . Der Schmerz erpreßte ihr einen gellenden , die Seele zerreißenden Schrei , der selbst im Walde noch einmal wiederhallte . Diesen grellen , zitternden , langsam verklingenden Jammerruf hörte Adrian auf seinem prunkvollen üppigen Lager . Der reiche Mann hatte geträumt , anfangs von hohem Glück und süßen Genuß , später von minder ergetzlichen Dingen . Die Wirren der letzten Monate sanken in Gestalt eines Knäuels giftiger Schlangen auf seine brennende Stirn und stachen mit tausend spitzen Zungen nach seinem krampfhaft zitternden blutenden Herzen . Zur Vermehrung seiner Qual hatten diese unerbittlichen hungrigen Schlangen menschliche Gesichter , die er alle kannte und die ihn alle mit versteinertem kalten wahnsinnerzeugenden Lächeln starr ansahen ! Da war Martell mit dem dunkeln Zornesauge und den schwarzen , gegen ihn sich erhebenden Locken ! - Da streckte sein verstorbener Sohn den bleichen kleinen Kopf hinter dem finstern Vater hervor , und bohrte mit fürchterlicher Ausdauer seine blutrothe Zungenspitze wie einen glühenden Dolch gerade in die empfindlichste Stelle seines Herzens ! Dort schüttelte Lore mit irren Blicken ihr todtenbleiches Haupt und neben , unter , über ihr drängten sich noch hundert Köpfe , die alle näher kamen , alle ihn mit vernichtenden Blicken ansahen ! Sie peinigten ihn mit unaussprechlichen Qualen , doch den höchsten Grad der entsetzlichen Folter erreichte sein Leiden , als fern aus dem finstern Hintergrunde in jähem Sprunge eine schillernde Schlange über all ' das ihn umschlingende Gewürm gegen ihn heranschnellte . Sie wiegte auf schlankem Halse einen lieblichen Mädchenkopf mit langen blonden Haaren , die triefend niederhingen bis auf ihren schuppigen Schlangenleib . Statt der giftigen stechenden Zunge erblühten die zartesten , farbenduftigsten Blumen auf ihrem Munde . die ein Windhauch abbrach und auf das Herz , auf Stirn und Brust des Träumenden niederfallen ließ . Jedes Blatt brannte ihn wie ein Tropfen glühenden Schwefels , und je mehr Blumen dem lächelnden Munde entblühten und auf ihn niederfielen , desto unerträglicher ward seine Qual . Er stöhnte und wälzte sich convulsivisch auf seinem Lager ; er wehrte sich mit beiden Händen gegen die niederflatternden Blumen , aber sie brannten in brillantenen Flammen durch sie hindurch und stürzten mit vergrößerter Intensität auf seinen gemarterten Körper . Da entrang sich ein Angstschrei der gefolterten Seele und Adrian erwachte ! - Fiebernd , in kaltem Schweiß gebadet , erhob er sich auf dem Lager , dem wimmernd verhallenden Tone lauschend , der von der Haide herüberschallte und an den gefrorenen Fenstern auszitterte . » Gott Lob , « sagte er tief aufathmend , » es war em Traum ! - Aber ich werde nicht mehr schlafen dürfen , denn immer häufiger wiederholen sich diese gräßlichen Träume . Das macht mein krankes Blut , meine Aufregung bei Tage , die vielen Verdrießlichkeiten , die mich verstimmen ! - Wäre nur dieser Prozeß zu Ende oder die Alten todt und - Martell ! - Gewiß , dann würde ich schnell ganz wieder genesen , und Niemand könnte mich mehr anfeinden , denn Aurel fürchte ich nicht . - Und Herta ist ein armes , schwaches , hejahrtes Weib ! Sie ist froh , wenn sie ungestört auf den Tod sich vorbereiten kann ! - Segne meine Pläne . o Gott , und laß sie mich bald und vollkommen ausführen ! « So sprechend hüllte sich Adrian wieder fester in die weichen Decken und schloß die Augen . Ein zweiter Schrei gleich dem ersten , dessen Wiederhall er nur vernommen hatte , erreichte sein Ohr . Nochmals richtete er sich unter Herzklopfen auf und öffnete weit die matten Augen . Der Sturm peitschte den Schnee an die Fenster , die Fabrikuhr verkündigte die erste Morgenstunde . » Es wird ein Betrunkener verunglückt sein im Sturmwetter , « sagte er sich beruhigend und legte sich zurück in die schwellenden Kissen . Ein dumpfer unerquicklicher Schlaf fiel auf den armen Reichen . Wir entfernen uns von seinem Lager und begleiten die hungernden Arbeiter auf ihrem traurigen Rückwege in ' s Dorf . Die unglückliche Mutter , die Muth genug besessen hatte , ihr verhungertes Kind auf den eigenen Händen bis vor die Thür des Mannes zu tragen , von dem allein so namenloses Elend über Tausende gekommen war , lag jetzt noch ohnmächtig in den Armen der Spinner . Es war ein schlankes , im Anfange der Vierzig stehendes Weib , dessen eingefallene , von Kummer und Nahrungssorgen scharf und eckig gewordenen Züge die Ueberreste ursprünglicher Schönheit doch nicht ganz verwischen konnten . Weiches blondes Haar war in sehr starken Flechten an ihrem Hinterkopfe in einen starken Knoten geschlungen und jetzt von dem grau gewordenen und hin und wieder zerrissenen Regentuche bedeckt . Nur ein paar feine Locken stahlen sich über der Stirn aus der nonnenartigen Umhüllung hervor und fielen , vom Winde bewegt , in verworrenem Gefaser über das marmorkalte Antlitz der Bewußtlosen . Maja hatte in dieser Nacht ihr zweites Kind , ein Mädchen von sieben Jahren , begraben vor dem Palast des Tyrannen der Armen . Sie besaß jetzt nichts mehr , als die Liebe ihres Mannes , der arm wie sie , von der ewigen Arbeit gleich ihr niedergedrückt , weder Zeit uoch Lust hatte , die Gefühle , welche sie einst so ganz beglückten , gegen sie auszusprechen . Das Elend zerstört alles Heilige und Erhabene ; es tödtet die Liebe zwar nicht , aber es zieht sie herab in den gemeinen Strudel des Lebens . Im Glück allein - mag diese Behauptung auch noch so oft und eifrig