einem seltsamen Ausdruck an . Sie schloß mehrmals wieder die Augen , als könne sie die Lider noch nicht so lange offen halten , als habe sie noch nicht ausgeschlafen , dann fragte sie : „ Wer ist das ? “ Johannes und Hilsborn hatten in atemloser Spannung dagestanden . Jetzt drückten sie einander mit einem Blick die Hände , den kein Mensch beschreiben kann und Johannes gab der Willmers ein Zeichen . „ Es ist Ihre Pflegerin , Fräulein Ernestine ! “ erklärte die Frau . „ So ! “ sagte Ernestine langsam . Sie schloß wieder die Augen , aber sie blieb aufrecht sitzen . Hilsborn trat zum Fenster und ließ ein klein wenig mehr Licht herein . Sie rieb sich die Augen , dann sah sie sich wieder um . Gretchen war auf die Knie niedergesunken und wagte sich nicht zu rühren . Johannes hatte sich hinter den Bettschirm zurückgezogen . „ Wie viel Uhr ist es ? “ fragte Ernestine . „ Halb zwölf , “ sagte Gretchen . Wieder dauerte es ein Weilchen . Hilsborn zog die Gardinen immer weiter auseinander . Da näherte sich die Staatsrätin ahnungslos von außen der halb geöffneten Tür , zum Glück sah es Johannes und winkte ihr ab . Sie zog sich eiligst zurück , die Tür knarrte ein wenig . „ Wer wollte herein ? “ fragte Ernestine . „ Das Mädchen ! “ erwiderte die Willmers mit Geistesgegenwart . Eine lange Pause trat ein , man konnte das Pochen der drei zwischen Furcht und Hoffnung schwebenden Herzen hören . „ Willmers , “ sagte Ernestine . „ Gnädiges Fräulein ? “ „ Hat mir ’ s nur geträumt , — oder hab ’ ich das Buch wirklich verbrannt ? “ „ Was für eins , liebes Fräulein ? “ „ Die Märchen — die alten Märchen ! Ach , ich habe sie verbrannt — wie schade . “ „ Das ist ja wiederzubekommen , lassen Sie sich das nicht leid tun , “ meinte die Willmers , die sich plötzlich erinnerte , daß sie am Tage von Ernestinens Erkrankung Feuer im Kamine gesehen . „ O nein , dieses Buch nicht — dieses nicht ! “ sagte Ernestine schmerzlich . Sie schwieg wieder einige Minuten lang . „ Willmers ! “ „ Fräulein ? “ „ Ich meine , ich sei vorhin von einem furchtbaren Schrei aufgewacht . Ich bin so erschrocken , daß ich am ganzen Leibe zitterte . Da kann man sehen , wie lebhaft man träumen kann ! “ „ Bei uns hat Niemand geschrieen , “ sagte die Willmers . „ Wo ist denn der Oheim ? “ „ Der ist in Amerika . “ — „ Ist er fort — und mich hat er hier gelassen ? “ „ Sie waren ja krank . “ „ Wie lange bin ich denn schon zu Bette ? “ „ O , ein paar Wochen ! “ „ Ach , — wer hat mich behandelt ? “ „ Herr Geheimrat Heim und Herr Professor Möllner . “ „ So — Möllner ! “ Sie versank in tiefes Schweigen und aus dem Schweigen in einen unruhigen Halbschlaf , aber sie lächelte im Traume . Hilsborn und Johannes gingen auf den Zehen hinaus . Draußen fiel dieser keines Wortes mächtig Hilsborn in die Arme . „ Was glaubst Du ? “ fragte er endlich . „ Ich halte sie für gerettet ! “ meinte Hilsborn . „ Ich auch ! “ sprach Johannes und wischte sich den Angstschweiß von der Stirn . Gretchen schlüpfte zu ihnen heraus : „ Ach , Ihr solltet nur sehen , wie sie daliegt , so freundlich , wie noch nie , sie spricht auch nicht im Schlafe wie sonst . “ „ Gretchen , “ sagte Johannes , „ das danken wir Ihnen , Gott segne Sie dafür ! “ Gretchen blickte still zu Hilsborn auf , dieser konnte nicht wiederstehen , er zog sie an seine Brust und Johannes lächelte zum ersten Male : „ Das hab ’ ich kommen sehen ! Wäre ich nur auch soweit ! “ „ Ei nun , “ sagte Gretchen schüchtern : „ Ein Wesen wie Ernestine , das will wohl schwerer verdient sein , als solch armes Ding wie ich ! Das sauer Erworbene freut Einen dann auch um so mehr . “ Die Staatsrätin unterbrach das Gespräch . Sie sah entzückten Auges den Hoffnungsstrahl auf ihres Sohnes Gesicht und dankte Gott dafür . Über eine halbe Stunde saßen sie beisammen im Nebenzimmer , bis sie Ernestinen erwachen hörten . Johannes winkte die Willmers zu sich an die Tür und flüsterte ihr zu : „ Bereiten Sie Ernestinen langsam auf unseren Anblick vor . “ „ Willmers ! “ rief Ernestine . „ Fräulein , da bin ich ! “ „ Mir ist recht wohl — so ausgeruht ! Ich war gewiß sehr krank , denn ich bin noch verworren in meinem Kopfe und kann mich schwer besinnen . Sagen Sie , liebe Willmers , nicht wahr , ich bin ganz verarmt ? “ „ Ganz verarmt ist Niemand , teures Fräulein , der so reich an Herz und Geist ist wie Sie . “ „ Bitte , weichen Sie mir nicht aus . Ich weiß es ja wieder genau . Mein Oheim hat mich betrogen — und Möllner ! — Ach ja , das war an dem Abend , wo er mir sagte , daß ich sterben müsse . Freilich , freilich ! Und dann fiel der Totenschädel auf mich herab — mein armer Kopf , “ sie griff sich nach der Narbe , die ihr von dem Sturz als Kind geblieben war : „ Gerade hierher . Das tat so wehe . Aber ich fühlte es nicht in meiner Angst und las in dem Buche über die Herzkrankheiten . Und dann kam mir der Einfall — der entsetzliche — von der ewigen Nacht und dem ewigen Schweigen . Dann — ja