Ich hatte die Glut angefacht : seine Züge strahlten . “ O , bist Du wirklich da , meine Himmelslerche ; komm zu mir . Du bist nicht fort : nicht verschwunden ? Ich hörte vor einer Stunde eine Deiner Art hoch über dem Walde singen : aber ihr Lied hatte keine Musik für mich , eben so wenig , wie die aufgehende Sonne Strahlen hatte . Alle Melodie auf Erden liegt für mein Ohr in der Zunge meiner Johanna — es ist mir lieb , daß sie keine schweigsame ist - und aller Sonnenschein , den ich fühlen kann , liegt in ihrer Gegenwart . ” Das Wasser trat mir in die Augen , als ich dieses Geständniß seiner Abhängigkeit hörte : gerade als wenn ein auf eine Stange gefesselter königlicher Adler genöthigt wäre , einen Sperling zu bitten , sein Versorger zu sein . Aber ich wollte mich nicht den Thränen hingeben : ich trocknete die salzigen Tropfen und beschäftigte mich mit der Bereitung des Frühstücks . Der größte Theil des Morgens wurde in der freien Luft zugebracht . Ich führte ihn aus dem nassen und wilden Walde auf heitere Felder : ich beschrieb ihm , wie glänzend grün sie wären ; wie erfrischt die Blumen und Hecken aussähen : wie schimmernd blau der Himmel wäre . Ich suchte einen Sitz für ihn an einer verborgenen und lieblichen Stelle auf einem trockenen Baumstamm . Auch weigerte ich mich nicht , mich vor ihm , als er saß , auf sein Knie setzen zu lassen , warum sollte ich es auch , da wir Beide glücklicher waren , wenn wir einander nahe , als getrennt waren ? Pilot lag neben uns ; Alles war ruhig . Plötzlich brach er aus , während er mich in seine Armen drückte : " O ! wie grausam war es , mich zu verlassen O Johanna , was fühlte ich , als ich entdeckte , da Du von Thornfield entflohen seiest und ich Dich nirgends finden konnte ; als ich Dein Zimmer durchsuchte und fand , daß Sie kein Geld mitgenommen , und Nichts , was Dir als solches dienen konnte ! Das Perlenhalsband , welches ich dir gegeben , lag unberührt in seinem kleinen Kästchen ; Deine Koffer hattest Du verschlossen zurückgelassen , wie sie zu der beabsichtigten Reise nach der Hochzeit gepackt waren . Was kann mein Liebling anfangen , fragte ich , da er von Allem verlassen und ohne Geld ist ? Und was thatest Du ? Laß mich jetzt hören . ” So aufgefordert , begann ich die Erzählungen meiner Erfahrungen des letzten Jahres . Ich milderte meinen Bericht über die drei Tage des Umherwanderns und Hungerns sehr , weil ich ihm nur unnöthigen Schmerz verursacht hätte , wenn ich ihm Alles erzählt , und schon das Wenige , was ich sagte , verwundete sein treues Herz tiefer , als ich es wünschte . Ich hätte ihn nicht so verlassen sollen , sagte er , ohne Mittel zum Fortkommen zu haben : ich hätte ihm meine Absicht sagen sollen . Ich hätte ihm vertrauen sollen : er würde mich nimmermehr gezwungen haben , seine Maitresse zu werden . So heftig er auch in seiner Verzweiflung geschienen , habe er mich doch in Wahrheit zu innig und zärtlich geliebt , um mein Tyrann zu werden : er hätte mir sein halbes Vermögen gegeben , ohne auch nur einen Kuß dafür zu verlangen , lieber , als daß ich mich freundlos in die weite Welt gestürzt hätte . Er sei gewiß , ich habe viel mehr gelitten , als ich ihm bekennen wolle . “ Nun gut , ” antwortete ich , “ welches auch mein Leiden sein mochte , es war wenigstens sehr kurz . ” Hierauf erzählte ich ihm , wie ich in Moor-House aufgenommen worden , wie ich die Stelle als Schullehrerin erhalten u. s. w. Die Erbschaft und die Entdeckung meiner Verwandten folgte in gehöriger Ordnung . Natürlich kam der Name meines Vetters Saint John Rivers häufig in meiner Erzählung vor . Als ich zu Ende war , wurde dieser Name sogleich aufgegriffen . " Dieser Saint John ist also Dein Vetter ? ” " Du hast oft von ihm gesprochen : gefiel er Dir denn ? " “ Er ist ein sehr guter Mann , Herr ; er mußte mir wohl gefallen . ” “ Ein guter Mann ? Meinst Du damit einen respectablen , achtungswerthen Mann von funfzig Jahren , oder was meinst Du ? ” “ Saint John ist erst neunundzwanzig , Herr . ” " Also noch jung . Ist er ein Mann von kleiner Statur , phlegmatisch und gewöhnlich ? Ein Mann , dessen Güte mehr in seiner Reinheit vom Laster , als in seiner Geneigtheit zur Tugend besteht ? ” “ Er ist unermüdlich thätig . Große und erhabene Thaten sind es , die er zu vollführen wünscht . ” " Aber sein Geist ist wahrscheinlich unbedeutend ? Er meint es gut , aber Du zuckst die Achseln , wenn er spricht ? ” “ Er spricht wenig , Herr , aber was er spricht , ist stets richtig . Sein Geist gehört der höchsten Classe an , denke ich : er ist nur wenig äußerer Eindrücke fähig , aber kräftig . ” " Ist er ein talentvoller Mann ? " " Sehr talentvoll . ” " Ein vollkommen unterrichteter Mann ? " " Saint John ist ein begabter und tiefer Gelehrter . ” " Ich meine , Du sagtest , sein Benehmen sei nicht nach Deinem Geschmack zudringlich — und predigend ? ” " Ich erwähnte sein Benehmen nicht ; aber wenn ich auch einen sehr schlechten Geschmack hätte , müßte es mir doch gefallen , denn es ist gebildet , ruhig und vornehm . ” “ Sein Aeußeres - ich vergaß , welche Beschreibung Du nur von seinem Aeußeren machtest — ein unbeholfener Landpfarrer , halb erwürgt von seinem weißen Halstuch und schwerfällig in seinen dickbesohlten Stiefeln gehend ,