welche er ohne Zweifel ebenfalls gewissenhaft beobachten würde – und doch wissen , daß der Geist ihm fern ? Kann ich das Bewußtsein ertragen , daß jede Liebkosung , welche er mir zu teil werden läßt , ein Opfer ist , welches er seinen Grundsätzen bringt ? Nein ! Ein solches Martyrertum wäre ungeheuerlich ! Niemals werde ich es auf mich nehmen . Als seine Schwester könnte ich ihn begleiten – nicht als seine Gattin . Und das will ich ihm sagen . « Ich sah nach dem Hügel hin ; dort lag er regungslos wie eine gestürzte Säule . Sein Antlitz war mir zugewandt . Scharf und wachsam ruhten seine Blicke auf mir . Er sprang empor und näherte sich mir . » Ich bin bereit nach Indien zu gehen – wenn ich frei dorthin gehen kann . « » Deine Antwort bedarf eines Kommentars ; sie ist nicht klar . « » Bis jetzt sind Sie mein Adoptivbruder gewesen – ich Ihre adoptierte Schwester . Fahren wir fort , nur das zu sein . Es ist besser , wenn wir einander nicht heiraten . « Er schüttelte den Kopf . » In diesem Falle würde Adoptivgeschwisterschaft den Zweck nicht erfüllen . Wärst du meine wirkliche Schwester , so läge die Sache anders : ich würde dich mit hinausnehmen und kein Weib suchen . Wie die Dinge aber liegen , so muß unsere Verbindung entweder durch die Heirat geheiligt und besiegelt werden , oder sie darf überhaupt nicht bestehen . Praktische Einwürfe stellen sich jedem andern Plan entgegen . Siehst du das nicht ein , Jane ? Denk nur einen Augenblick nach – deine Vernunft wird dich leiten . « Ich dachte nach . Aber dennoch sagte mir meine Vernunft nichts als das eine Faktum , daß wir einander nicht liebten , wie Mann und Weib sich lieben sollen . Und deshalb bedeutete sie mir , daß wir nicht heiraten sollten ! Das sagte ich ihm . » St. John , « entgegnete ich , » ich liebe Sie wie meinen Bruder – Sie mich wie Ihre Schwester . Fahren wir so fort . « » Das können wir nicht – wir können es nicht , « antwortete er scharf und kurz entschlossen , » es ginge nicht . Du hast gesagt , daß du mit mir nach Indien gehen willst ; vergiß es nicht – du hast es gesagt . « » Bedingungsweise . « » Gut – gut . Gegen die Hauptsache – die Abreise von England mit mir , das Zusammenwirken mit mir in meiner künftigen Arbeit – hast du nichts einzuwenden . Du hast schon so gut wie deine Hand an die Pflugschar gelegt ; du bist zu beständig und ausdauernd , um sie wieder zurückzuziehen . Du hast nur ein Ziel ins Auge zu fassen – und das ist , wie die Arbeit , welche du unternommen , am besten zu Ende zu führen ist . Vereinfache deine vielfach komplizierten Interessen , Gefühle , Gedanken , Wünsche , Zwecke ; verschmelze all deine Bedenken in den einen Vorsatz , – jenen , mit Erfolg , mit Kraft die Mission deines mächtigen Herrn zu erfüllen . Um das thun zu können , mußt du einen Beistand , einen Mithelfer , einen Gatten haben – nicht einen Bruder , denn dies ist ein zu loses Band . Auch ich brauche keine Schwester : eine Schwester könnte mir jeden Tag genommen werden . Ich brauche eine Gattin – das ist die einzige Gehilfin , die ich im Leben kräftig genug beeinflussen und bis zum Tode absolut an mich fesseln kann . « Ein Schaudern erfaßte mich während er sprach ; bis ins Mark hinein fühlte ich seinen Einfluß – ich spürte die Macht , welche er über mich besaß . » Suchen Sie sie nicht in mir , St. John ! Suchen Sie ein Weib , das Ihrer würdiger ist als ich . « » Würdiger meines Zweckes , willst du sagen – würdiger meines Berufs . Ich wiederhole dir noch einmal , daß es nicht das unbedeutende Individuum ist – nicht der Mann mit den selbstsüchtigen Sinnen und Wünschen eines Mannes , für den ich eine Gefährtin suche – nein , ich suche sie für den Missionär . « » Und ich bin bereit , dem Missionär meine Kraft zu geben – denn das ist alles , was er wünscht – nicht aber mich selbst ; das hieße ja doch nur dem Kern die Schale und die Hülse hinzufügen . Für diese hat er keine Verwendung – und deshalb will ich sie behalten . « » Das kannst du nicht – das darfst du nicht ! Glaubst du , daß Gott sich mit einem halben Opfer zufrieden giebt ? Es ist die Sache Gottes , welche ich vertrete , in seine Armee reihe ich dich ein . Um seinetwillen darf ich einen halben Eid der Treue nicht annehmen – er muß ganz sein ! « » O ! ich bin bereit , Gott mein Herz zu geben – denn Sie brauchen es nicht ! « Ich kann nicht darauf schwören , mein lieber Leser , daß in dem Ton , mit welchem ich die letzten Worte sprach , und in der Empfindung , welche ihn begleitete , nicht ein wenig unterdrückter Sarkasmus lag . Bis jetzt hatte ich St. John im stillen gefürchtet , weil ich ihn nicht verstanden hatte . Er hatte mich in Schrecken gehalten , weil ich über ihn im Zweifel war . Bis jetzt war ich nicht im stande gewesen zu sagen , wieviel an ihm heilig , wieviel menschlich gewesen ; aber diese Konferenz führte zur Offenbarung , die Analyse seines Wesens vollzog sich vor meinen Augen . Ich sah seine Schwächen , ich verstand sie . Ich begriff , daß ich hier auf dem Lager von Heidekraut mit jener schönen Männergestalt vor mir , zu den Füßen eines Menschen lag , welcher irrte , wie ich irrte . Der Schleier