fordern sollte , holte er einen und einen halben Gulden hervor , in zwei funkelneuen Stücken . » Sein ' s zufrieden damit ? « sagte er , » machen ' s kein ' Umständ , das ist ein schönes Geld ! « Ich war zufrieden und dankte sogar in der Eile aufrichtig nach Maßgabe meines Rettungsgefühles , was in seinem Verkehre nicht oft vorkommen mochte . Er klopfte mir gemütlich auf die Achsel und ließ sich zeigen , wie die Flöte auseinanderzunehmen und in das Futteral zu legen sei . Das Kästchen stellte er sodann geöffnet hinter das Fenster . Auf der Straße besah ich die beiden Münzen genauer , um mich nochmals zu versichern , daß ich wirklich die Macht in der Hand halte , den Hunger zu stillen . Der helle Silberglanz , der Glanz der vorhin gesehenen , noch nachwirkenden zwei Augen und der Sonnenstrahl , der am Morgen kurz nach dem Gebete mir die vergessene Flöte gezeigt hatte , schienen mir alle aus der nämlichen Quelle zu kommen und eine transzendente Wirkung zu sein . Mit dankbarer Rührung , aller Lebenssorge ledig , wartete ich die Mittagsstunde ab , überzeugt , daß der liebe Gott doch unmittelbar geholfen habe . Es wird deswegen ja doch mit rechten Dingen zugehen , dachte ich in meiner so hart angefochtenen Eigenliebe , und ich kann mir dies still bescheidene Wunder wohl gefallen lassen und darf Gott rechtmäßig danken . Schon der Symmetrie wegen fügte ich dem heutigen Morgengebetchen jetzt ein kurzes Dankgebet bei , ohne den großen Weltherrn mit vielen oder lauten Worten belästigen zu wollen . Nun aber säumte ich nicht länger , das gewohnte Speisehaus aufzusuchen , das ich seit einem Jahre nicht mehr betreten zu haben glaubte , so lang dünkten mich die drei Tage . Ich aß einen Teller kräftiger Suppe , ein Stück Ochsenfleisch mit gutem Gemüse und eine landesübliche Mehlspeise . Dazu ließ ich mir einen Krug Bier geben , das herrlich schäumte , und alles schmeckte mir so trefflich , wie wenn ich am feinsten Gastmahle gesessen hätte . Ein unverheirateter Arzt , der auch dort zu speisen pflegte , bemerkte freundlich , er habe vorhin geglaubt , ich sei krank , so übel sehe ich aus ; allein da ich so frischen Appetit habe , so scheine es doch nicht gefährlich zu sein . Ich entnahm hieraus , daß ich mich wenigstens einer guten Gesundheit erfreute , woran ich bisher nicht gedacht hatte , und hiefür war ich der Vorsehung auch dankbar ; denn einem kränklichen oder schwächlichen Gesellen hätte die Strapaze schlimmer ablaufen können . Nach Tisch begab ich mich in ein Kaffeehaus , um dort bei einer Tasse schwarzen Trankes auszuruhen und dabei die Zeitungen zu lesen und zu sehen , was in der Welt vorging . Denn auch darin war ich die drei Tage wie in der Wüste gewesen , daß ich mit niemand gesprochen und keinerlei Neuigkeit vernommen hatte . Ich fand auch allerlei Nachrichten und Weltbegebenheiten , die sich in der Zeit angesammelt ; über dem behaglichen Lesen kehrten aber zusehends meine Leibes- und Verstandeskräfte zurück , und als ich den Bericht las , wie in einer Stadtkirche das Volk zusammenlaufe , weil ein Marienbild dort die Augen bewegen solle , kam ich betroffen auf mein stilles Privatwunder zu denken und sagte mir nach einigem Besinnen , in ganz verändertem Seelentenor , als ich vor dem Essen gehabt : Bist du denn besser als diese Bildanbeter ? Da kann man wohl sagen , wenn der Teufel hungrig ist , so frißt er Fliegen , und der Heinrich Lee schnappt nach einem Wunder ! Und doch zögerte ich , mich der wohltuenden Empfindung einer unmittelbaren Vorsorge und Erhörung , eines persönlichen Zusammenhanges mit der Weltsicherheit zu entledigen . Schließlich , um dieses Vorteils nicht verlustig zu gehen und doch das Vernunftgesetz zu retten , erklärte ich mir den Vorgang so , daß die anererbte Gewohnheit des Gebetes an die Stelle einer energischen Zusammenfassung der Gedankenkräfte getreten sei , durch die damit verbundene Herzenserleichterung jene Kräfte frei und sie fähig gemacht habe , das einfache Rettungsmittel , das bereitlag , zu erkennen oder ein solches zu suchen ; daß aber eben dieser Prozeß göttlicher Natur sei und Gott in diesem Sinne ein für allemal die Appellation des Gebetes den Menschen delegiert habe , ohne im einzelnen Fall einzugreifen , auch ohne sich für den jedesmaligen unbedingten Erfolg zu verbürgen . Vielmehr habe er die Anordnung getroffen , daß , um den Mißbrauch seines Namens zu verhüten , Selbstvertrauen und Tatkraft , solange sie irgend ausreichen , Gebeteswert haben und vom Erfolge gesegnet sein sollen . Noch heute lache ich weder über die Geringfügigkeit jener Not noch über den vorübergehenden Wunderglauben , noch über die pedantische Abrechnung , die demselben folgte . Ich würde die Erfahrung , einmal im Leben den starken Hunger gespürt zu haben , das Wunder des lieblichen Sonnenblickes nach dem Gebete und die kritische Auflösung desselben nach erfolgter Leibesstärkung nicht hergeben ; denn Leiden , Irrtum und Widerstandskraft erhalten das Leben lebendig , wie mich dünkt . Fünftes Kapitel Die Geheimnisse der Arbeit Das Geldchen , das ich für die Flöte erhalten , reichte auch für einen zweiten Tag aus , da ich es klüglich eingeteilt hatte . Ich erwachte also diesmal ohne die Sorge , heute hungern zu müssen , und das war wiederum ein kleines , zum ersten Mal erlebtes Vergnügen , da diese Sorge mir früher unbekannt gewesen und ich erst jetzt den Unterschied empfand . Dies neue Gefühl , mich gegen den Untergang mangels Nahrung gesichert zu wissen , gefiel mir so gut , daß ich mich schnell nach weiteren Habseligkeiten umsah , die ich der Flöte nachsenden könne ; ich entdeckte aber durchaus nichts Entbehrliches mehr als den bescheidenen Bücherschatz , der sich über meinen wissenschaftlichen Grenzüberschreitungen aufgestapelt und verwunderlicherweise noch vollständig beisammen war . Ich öffnete einige Bände und las stehend Seite auf Seite , bis es eilf