klettern einige Heißsporne über die Lehnen der Bänke weg und stürzen auf die Loge zu , als plötzlich die Sängerin , die mit unverwandtem Blick immer auf derselben Stelle gestanden hat , einen Schrei ausstößt , die Guitarre fallen läßt und zur Erde gesunken wäre , wenn Don Fernando , in welchem ich jetzt ihren Begleiter von der Kunstausstellung her erkenne , aus der Coulisse herauseilend , sie nicht in seinen Armen aufgefangen hätte . In demselben Moment rauscht auch der Vorhang herab . Ich stürze zur Loge hinaus , ohne zu wissen , was ich will , wohin ich will , und komme erst wieder zu mir , als die eisige Luft des Winter-Abends in mein glühendes Gesicht haucht . Neuntes Capitel . Ich weiß nicht , wie viele Stunden ich so durch die Gassen geirrt bin ; ich habe nur noch eine undeutliche Erinnerung an gewaltige Häusermassen , die dunkel in das schmutzige Grau der Nacht hinaufragen ; an Schneeflocken , die in dem gelben Licht der Laternen aus dem schmutzigen Grau herabtanzen ; an Fuhrwerke , die auf dem frischgefallenen Schnee lautlos fast an mir vorüber rollen , und Fußgänger , welche mit vorübergebeugten Köpfen , und sich , so gut es gehen will , vor dem Schneesturm schützend , an mir vorbeihuschen . Es waren der Fußgänger nicht allzuviele , denn Jeder suchte ein Obdach vor dem bösen Wetter . Was draußen war , mußte eben draußen sein , wie die armen , unglücklichen Geschöpfe , die den Vorübergehenden mit bleichen , starren Lippen Worte zumurmelten , welche warm und einladend klingen sollten ; die armen Geschöpfe , deren verlockender Name eine so entsetzliche Ironie ist zu dem Verweilen , Verweilen-Müssen in schneebedeckten , von eisigem Wind daurchschauerten Straßen . Und eine solche Unglückliche glaubte ich auch vor mir zu haben , als ich durch eine breite Straße des vornehmsten Quartiers irrend , zu einem der kleineren Palais gekommen war , vor dessen Thür soeben im schnellsten Trabe ein von zwei feurigen Pferden gezogener Wagen vorfuhr , dessen Laternen ein blendendes Licht ringsumher warfen . Und in dem Licht dieser Laterne stand das Mädchen , dicht an die Mauer gedrückt , und ich sah , daß sie in dem Augenblicke , wo der Jäger von dem Bock sprang und seinem Herrn aus dem Wagen half , ein paar Schritte vorwärts kam und den Arm aus dem Mantel streckte , als wollte sie den aus dem Wagen Springenden aufhalten . Aber er hatte den Pelzkragen seines Mantels in die Höhe gezogen und bemerkte , eilig die Stufen emporsteigend , die Gestalt nicht . Die Thür , durch welche man in ein hellerleuchtetes Treppenhaus geblickt hatte , schloß sich hinter dem Herrn und seinem Diener ; der Kutscher berührte die edlen Thiere mit der Peitschenspitze , der Wagen rollte davon und verschwand in dem weitgeöffneten Thor eines Nebengebäudes . Es war Niemand mehr draußen , als ich , das arme Mädchen und die Schneeflocken , die aus dem Dunkeln herabtanzten in dem gelblichen Schein der Laternen . Das Mädchen kam auf mich zu , an mir vorüber . Sie sah mich offenbar nicht ; aber ich sah sie und der Schein einer der Laternen fiel hell in ihr schmerzverzerrtes Antlitz . » Konstanze ! « rief ich . Sie blieb stehen und starrte mich mit den brennenden , schwarzen Augen an . » Konstanze ! « wiederholte ich . » Ich bin es ; kennen Sie mich nicht mehr ? Georg - « » Mein Drachentödter , der alle Drachen erschlagen wollte , die auf meinem Wege waren ! Warum haben Sie den nicht erschlagen , nicht den ? « Und sie lachte gell auf und deutete mit zitternder Hand auf die Thür , hinter welcher der Fürst von Prora verschwunden war . Der Mantel war aufgeflogen und flatterte von dem eisigen Winde gepeitscht um sie her ; ich sah , daß sie noch in ihrem Preciosa-Costüm war . Sie mußte , wie sie da war , von der Bühne auf die Straße gestürzt sein . Die Schneeflocken wirbelten ihr in das heiße Gesicht ! - arme Konstanze , armes Weib , murmelte ich und ich zog ihr den Mantel dicht über die Schultern , legte ihren Arm in den meinen und suchte sie vor Allem von diesem Orte zu entfernen . Sie folgte mir willig , und so schritten wir beide neben einander dahin durch die langen , vom Wind durchsausten Straßen , indem ich von Zeit zu Zeit auf die Unglückliche herabschaute , die sich jetzt fester an mich klammerte , und sie in theilnehmendem Tone fragte : » wie es ihr gehe ? und wohin ich sie führen solle ? « Ich hatte diese Fragen schon mehrmals wiederholt , ohne eine Antwort zu erhalten , als sie plötzlich stehen blieb und durch die bleichen Lippen murmelte : » ich kann nicht mehr ! « Es schien mir , als ob sie im nächsten Augenblick in Ohnmacht fallen werde . Ich war in der größten Verlegenheit . Auf der Straße war nirgend ein Wagen zu erblicken , überdies hatten wir uns auf unserer ziel- und planlosen Flucht weit aus dem eleganten Quartier entfernt , in welchem , wie sie mir jetzt auf mein Andringen sagte , ihre Wohnung sich befand . Dafür aber waren wir , ich weiß noch heute nicht wie , ganz in die Nähe meiner Wohnung gelangt . Ich hielt es für das Beste , ja für das Einzige , was sich thun ließ , sie dort hinzuführen . » Sie können sich wenigstens da so lange aufhalten , « sagte ich , » bis Sie sich wieder erwärmt haben und ich einen Wagen herbeizuschaffen im Stande gewesen bin . « Ohne ein Wort zu erwiedern , folgte sie mir . Den Schlüssel zu der Außenthür hatte ich bei mir , so brauchte ich nicht einmal den alten Wächter zu incommodiren , und sein Spitz , der uns knurrend entgegen kam , sprang