verlassen ; die Abreise der Frauen hatte wegen der Erschöpfung der Baronin bis zum Nachmittage hinausgeschoben werden müssen . Die Gräfin war tief erschüttert , Angelika völlig herzzerrissen und fassungslos . Sie hatte der Mutter mit einem Eide geloben müssen , daß kein Wort über diesen furchtbaren Vorgang jemals von ihren Lippen kommen solle , und die Gräfin hatte , von ihrem Sohne ein gewandeltes Leben fordernd , ihm das gleiche unverbrüchliche Schweigen zugesagt . Der Gedanke , daß ihres Sohnes Ehre der Welt gegenüber also nicht angetastet werden würde , das war der Trost , an dem sie sich emporrichtete , wenn das vernichtende Urtheil , welches Seba über ihn gesprochen , in seiner unerbittlichen Strenge in dem Herzen der Gräfin nachklang . Der Caplan , dem es nicht hatte verborgen bleiben können , daß Seba die Baronin nach dem Gasthofe begleitet und daß sie dort mit dem Grafen Gerhard zusammengetroffen war , hatte keine Mühe , sich das Geschehene zu deuten , und die Stimmung der beiden Frauen , deren Begleiter er war , zu erklären . Er richtete keine Frage an Angelika , aber er verstand es , weßhalb sie mehr als je zuvor von der Sorge um die Erziehung und Charakterbildung ihres Sohnes hingenommen schien , und er suchte sie bei diesen Gedanken festzuhalten . Da man um der Baronin willen immer erst spät am Morgen aufbrechen konnte , war es schon gegen Abend , als man auf der Herrschaft anlangte , und Angelika ' s Traurigkeit ward mit der Ankunft auf ihrem eigenen Grund und Boden nicht vermindert . Der Anblick des Pfarrhauses , des Amthofes , des frischen Grabes auf dem katholischen Kirchhofe riefen ihr keine tröstlichen Erinnerungen und Vorstellungen in das Gedächtniß . Als sie an der schönen , neuen Kirche vorüberfuhren , wagte sie nicht , die Mutter auf dieselbe aufmerksam zu machen , und die Gräfin äußerte sich nicht darüber . Es wurde der armen Angelika immer banger um das Herz . Mit Einem Male rief sie : Um Gottes willen , was ist das ? Man sah zum Wagen hinaus ; das ganze Gehöft , welches , zwischen Rothenfeld und Richten gelegen , aus zwei kleinen Wohnhäusern und einer Gruppe von Ställen und Scheunen bestanden hatte , war in einen Trümmerhaufen verwandelt . Die nackten Schornsteine sahen gespenstisch und geschwärzt aus dem sie umgebenden Schutthaufen hervor , die dicken , schweren Rauchsäulen qualmten mit ihrem erstickenden Geruche zu dem blauen , leuchtenden Himmel hinauf . Einer der Wirthschafter , welcher bei dem Auseinanderlegen und Löschen der noch brennenden und schwelenden Balken die Aufsicht führte , kam auf einen Anruf an den Wagen heran . Er meldete , daß das Feuer mitten in der Nacht in beiden Scheunen fast gleichzeitig ausgebrochen und , wie es sich herausgestellt , wahrscheinlich von dem stumpfsinnigen Sohne des Hirten , den man gestern mit einer Prügelstrafe zum Abschiede aus der Haft entlassen hatte , angelegt worden sei . Die Bewohner der beiden Häuser hatten nur ihr Leben retten können ; die ganze Heuernte war verbrannt , der Verlust , selbst die Baulichkeiten abgerechnet , sehr empfindlich . Man hatte nun abermals ein neues Verbrechen gegen das Eigenthum des Gutsherrn zu bestrafen . Und ich bin so schwach ! seufzte Angelika . Sie fühlte , daß ihr mehr zu tragen auferlegt war , als ihre Kräfte ihr gestatteten . Man mochte es machen , wie man wollte , die Gräfin erfuhr schon jetzt von den auf den Gütern obwaltenden Verhältnissen mehr , als ihre Tochter wünschte . Sie versuchte Angelika damit zu beruhigen , daß solche Ereignisse ja öfter vorkämen , daß man vor dergleichen Böswilligkeiten nirgends sicher sei , und die Baronin gab sich diesem Troste , so gut sie konnte , hin . Als man vor dem Schlosse vorfuhr , waren seine Bewohner heruntergekommen , die heimkehrende Herrin und deren Mutter zu begrüßen ; aber man fand sich allseitig nicht wohl aussehen . Der Freiherr und der Graf , welche die Nacht hindurch von dem Brande wach erhalten worden waren und beide in den Jahren standen , in denen Anstrengungen , Schrecken und Sorgen sich nicht so leicht als in der Jugend überwinden lassen , sahen ermüdet aus . Den Grafen betrübte dazu die Hinfälligkeit seiner Tochter ; der Freiherr bemühte sich , seiner Schwiegermutter die frühere , freie Herzlichkeit zu zeigen ; indeß er war verdüsterten Sinnes , er mußte sich zur heiteren Rücksichtnahme für seine Gäste zwingen , und der Gräfin Herz war , ebenfalls beschwert , nicht dazu angethan , ihm seine Aufgabe zu erleichtern . Nur die Herzogin besaß sich ganz und gar und kam durch ihre kluge Haltung Allen wesentlich zu Hülfe . Sie hatte sich völlig matronenhaft gekleidet , und Angelika konnte nicht umhin , so genau sie die Herzogin kannte , sie doch mit Verwunderung zu beobachten und zu betrachten . Ihre Stirn war ernst geworden , ihr Blick hatte den schmelzenden Ausdruck verloren , ihr Mund sein anmuthiges Lächeln . Jeder , der die Herzogin jetzt zum ersten Male sah , mußte sich sagen , diese Frau habe ein schweres Schicksal mit Ergebung getragen und überwunden . Bescheiden jede Rücksichtnahme für sich zurückweisend , wußte sie alle ihre Sorgfalt als auf die Baronin gerichtet darzustellen , und wie bei jeder solchen Täuschung , wie bei jeder solchen heuchlerischen Schaustellung zwang grade die Dreistigkeit derselben diejenige zum Schweigen , welche sich von ihr beleidigt und abgestoßen fühlen mußte . Angelika konnte ihren Eltern nicht sagen , daß die Herzogin sie unglücklich gemacht , daß sie ihr ihres Gatten Liebe entzogen , ihre Ehe zerstört , ihren Seelenfrieden vernichtet habe ; denn wie bei dem ersten Besuche , welchen Graf Berka und seine Frau der Tochter abgestattet , hatte diese die Ehre ihres Mannes und ihres Hauses vor den Eltern zu vertreten , und es wollte sie bedünken , als sähen ihre Eltern schärfer , als sie wünschte , als wären sie über gewisse Dinge und Verhältnisse besser