den Doctor Stein schon gesehen ? Ja , weshalb ? Du wolltest ihn ja während der Jagdzeit auf ein paar Tage zu uns einladen . Es wäre doch unartig , wenn wir uns jetzt gar nicht um ihn kümmerten . Emilie war sehr roth geworden , als sie das sagte ; ihre ganze Geistesgegenwart schien sie verlassen zu haben . Ihn zu uns einladen ? rief Adolf von Breesen , nun , das fehlte wahrhaftig noch ! damit die albernen Klatschereien , die Lisbeth über Dich und ihn aufgebracht hat , doch ja unsterblich werden - ihn zu uns einladen ? lieber wollte ich - Ich bitte Dich , Adolf ! sei still , der halbe Saal kann ja hören , was Du sagst . Kleine ! sagte der junge Mann in leisem , aber bestimmten Ton . Das gefällt mir nicht . Du weißt , ich habe Dich lieb , wie ein Bruder nur seine Schwester lieben kann ; aber gerade deshalb muß ich dafür sorgen , daß Du Dich in keine solche Thorheiten tiefer einläßt . Und ich werde dafür sorgen , verlaß Dich d ' rauf ! Damit wandte er ihr den Rücken und ging den Anderen nach zum Saal hinaus . Emilie hatte Mühe , ihre Thränen zurückzuhalten . Ihre Angst wuchs mit jeder Secunde . Es mußte Rath geschafft werden - so oder so . Sie ging auf Helene zu , die nicht weit von ihr mit andern Damen auf dem Divan saß und sagte : Auf ein Wort , Helene ! Was ist ' s ? sagte Helene , aufstehend . Komm ein wenig weiter hierher . - Helene , Du hast den Doctor Stein lieb , nicht wahr ? Wie kommst Du darauf ? erwiederte Helene und die Gluth schoß ihr in die bleichen Wangen . Gleichviel , ich habe ihn auch lieb ; ich habe ihn sehr lieb , wenn Du willst - und deshalb bitte ich Dich , sage ihm - Du kannst es , ich kann es nicht , sonst würde ich es selber thun - er solle sich aus der Gesellschaft entfernen . Cloten und mein Bruder und die Anderen sind sehr aufgebracht über ihn . Ich fürchte , sie führen etwas gegen ihn im Schilde . Bitte , bitte , Helene , sage ihm : er solle fortgehen - gleich - ich wäre außer mir , wenn ihm auch nur die geringste Beleidigung von meinem Bruder oder von Cloten zugefügt würde . Aber wo ist er ? sagte Helene , welche die von Emilie ausgesprochenen Befürchtungen , freilich nicht ganz aus denselben Gründen , nur zu wahrscheinlich fand . Ich glaube , er ist schon wieder nach oben gegangen . Wenn Du es nicht gewiß weißt , verlasse Dich nicht darauf . Frage doch den Bedienten da ! Haben Sie Herrn Doctor Stein nicht gesehen ? Er ist drüben , gnädiges Fräulein , in den Spielzimmern . O , mein Gott , was sollen wir thun ? sagte Emilie . Baron Oldenburg ! rief Helene ; wollen Sie die Güte haben , einen Augenblick hierher zu kommen ? Mit Vergnügen , mein Fräulein , sagte der Baron , der , die Hände auf dem Rücken , ein Gemälde an der Wand betrachtete . Was hast Du vor , Helene ? Laß mich nur ! Wollen Sie mir einen Gefallen thun , Herr Baron . Mais sans doute ! Suchen Sie den Doctor Stein auf ; er ist drüben in den Spielzimmern , und sagen Sie ihm : ich ließe ihn bitten , sogleich zu Bruno zurückkehren . Merken Sie wohl , Herr Baron : sogleich ! Es bedurfte nicht Oldenburg ' s Scharfblick , um zu sehen , daß dieser Auftrag , den ein Diener eben so gut hätte ausführen können , von tieferer Bedeutung war . Helene hatte die größte Mühe gehabt , die Worte in einem einigermaßen unbefangenen Tone hervorzubringen , und Emilien ' s mit dem Ausdruck der gespanntesten Erwartung auf ihn gerichtetes , von der innern Erregung blasses Gesicht , war ein sehr deutlicher Commentar zu Helenens Worten . Ist das Alles , mein Fräulein ? Ja . Ich gehe , Ihren Auftrag sofort und pünktlich auszurichten ! sagte der Baron , sich verbeugend und mit , selbst für ihn ungewöhnlich langen Schritten den Saal verlassend . Unterdessen hatte Oswald , nachdem Helene mit ihm gesprochen , sich zwecklos in den Zimmern umhergetrieben . Es war seine Absicht gewesen , sogleich hinauf zu gehen ; der Gedanke , Bruno , wenn er wirklich , wie er hoffte , eingeschlafen sein sollte , nur zu stören ; vielleicht der unbestimmte Wunsch , Helenen noch einmal zu sehen , und jene dunkle dämonische Macht , die den Menschen , unbekümmert um sein Wohl oder Wehe , seinem Schicksal entgegentreibt , ließen ihn nicht dazu kommen . Ohne kaum zu wissen , wie er dorthin gerathen war , fand er sich plötzlich in einem Zimmer auf der andern Seite des Flurs , wo sich eine Menge Herren um einen großen Tisch drängten . Einige saßen , die Meisten standen . Herr von Barnewitz saß in der Mitte und hielt Bank . Er mußte viel Glück gehabt haben . Große Haufen von Gold- und Silberstücken und Kassenscheinen lagen vor ihm und vermehrten sich mit jedem Augenblick . Felix saß in seiner Nähe . Er pointirte sehr eifrig , aber , wie es schien , nicht besonders glücklich . Sein Gesicht war stark geröthet , seine Augen mit Blut unterlaufen , die Adern auf seiner Stirn geschwollen . Er hörte wenig auf die Herren , die hinter ihm standen und von denen einige ihn noch aufzumuntern , andere zurückhalten zu wollen schienen . Oswald kam ihm zufällig gerade gegenüber zu stehen ; Felix bemerkte ihn erst nach einiger Zeit ; man hätte sehen können , daß von dem Augenblicke an seine Unruhe noch größer wurde ; er trank ein Glas auf das andere aus der neben ihm stehenden Weinflasche