welches zwar bei jedem mehr gegen sich selbst gerichtet war , aber doch den andern mit hineinzog , da ohne denselben die begangene gefährliche Torheit nicht möglich geworden wäre . Und wie eine sündliche Torheit , in Aufregung und Verblendung hereingebrochen und für einmal noch , gnädig ablaufend , doch den Vorhang lüftet vor einem unliebsamen Dunkel , das in uns zu wogen scheint , so zeigte das Vorgefallene dem melancholischen grünen Heinrich eine dunkle Leere in sich selber , in welcher seine eigene Gestalt , mit tausend Fehlern und Irrtümern behaftet , ganz unleidlich auf- und niedertauchte . Er wohnte längst nicht mehr in jenem behaglichen Stübchen , das er bei seiner Ankunft gemietet , sondern in einem großen saalartigen Raume mit hohen grauen Wänden , der durch ein mächtiges helles Fenster erleuchtet war . Seine ungeheuerlichen Kartons mit den abenteuerlichen Kompositionen , die großen blassen Bilder auf Leinwand bildeten zusammen ein Labyrinth von verschiedenen helldunklen Gelassen und Winkeln , als ob eine kolossale spanische Wand , mit spanischen Schlössern bemalt , sich durch den Raum zöge . Der einzige Luxusgegenstand im Zimmer war ein mächtiges breites Sofa , das aber ganz mit Papier und Büchern bedeckt war und dadurch verriet , daß der junge Bewohner Sich noch stramm und aufrecht zu halten gewohnt war und trotz seiner Melancholie keines Lotterbettes bedurfte . Sonst war jede Zierlichkeit und Fülle vermieden ; auf ein paar wackeligen Tischchen lagen bestäubt die Geräte Heinrichs , auf dem Boden seine Mappen , die Wände waren kahl und öde , und wenn er früher einer museumartigen Fülle , einer beschaulichen Kramseligkeit bedurft hatte , um sich zu gefallen , so schien er jetzt mit einer düsteren Leere und Schmucklosigkeit zu kokettieren . Nur ein etwa anderthalb Fuß hoher borghesischer Fechter , trefflich gearbeitet , aber vielfach beschädigt und beräuchert , stand in einer Ecke auf dem Boden , und von der Fensternische herab hing zerrissen und verdorrt eine große Efeuranke . Auf der kahlen Mauer , wo der Efeu früher in die Höhe gewachsen , sah man dieselbe Ranke mit Kohle höchst sorgfältig und reinlich nachgezeichnet , nämlich nach den Umrissen des Schattens , welchen der Efeu einst in der frühen Morgensonne auf die Mauer geworfen hatte . Aber diese Spur eines melancholischen Müßigganges war noch höchst heiter und tüchtig zu nennen im Vergleich zu einer anderen , welche in Heinrichs Werkstatt zu entdecken war oder vielmehr dem ersten Blicke auffiel . Unter den großen Schildereien ragte besonders ein wenigstens acht Fuß langer und entsprechend hoher Rahmen hervor , mit grauem Papiere bespannt , der auf einer mächtigen Staffelei im vollen Lichte stand . Am Fuße desselben war mit Kohle ein Vordergrund angefangen , und einige Föhrenstämme , mit zwei leichten Strichen angegeben , stiegen in die Höhe . Davon war einiges bereits mit der Schilffeder markiert , dann schien die Arbeit stehengeblieben . Über den ganzen übrigen leeren Raum schien ein ungeheures graues Spinnennetz zu hangen , welches sich aber bei näherer Untersuchung als die sonderbarste Arbeit von der Welt auswies . An eine gedankenlose Kritzelei , welche Heinrich in einer Ecke angebracht , um die Feder zu proben , hatte sich nach und nach ein unendliches Gewebe von Federstrichen angesetzt , welches er jeden Tag und fast jede Stunde in zerstreutem Hinbrüten weiterspann , so daß es nun den größten Teil des Rahmens bedeckte . Betrachtete man das Wirrsal noch genauer , so entdeckte man den bewunderungswertesten Zusammenhang , den löblichsten Fleiß darin , indem es in einem fortgesetzten Zuge von Federstrichen und Krümmungen , welche vielleicht Tausende von Ellen ausmachten , ein Labyrinth bildete , das vom Anfangspunkte bis zum Ende zu verfolgen war . Zuweilen zeigte sich eine neue Manier , gewissermaßen eine neue Epoche der Arbeit , neue Muster und Motive , oft sehr zart und anmutig , tauchten auf , und wenn die Summe der Aufmerksamkeit , Zweckmäßigkeit und Beharrlichkeit , welche zu dieser unsinnigen Mosaik erforderlich war , verbunden mit Heinrichs gesammeltem Talente , auf eine wirkliche Arbeit verwendet worden wäre , so hätte er ein Meisterwerk liefern müssen . Nur hier und da zeigten sich kleinere oder größere Stockungen , gewissermaßen Verknotungen in diesen Irrgängen einer zerstreuten , gramseligen Seele , und die sorgsame und kluge Art , wie sich die Federspitze aus der Verlegenheit zu ziehen gesucht , bewies deutlich , daß das träumende Bewußtsein Heinrichs aus irgendeiner Patsche hinauszukommen suchte . Schon seit vielen Wochen hatte er jeden Tag zur eigentlichen Arbeit angehoben und war alsobald , ohne es zu wissen noch zu wollen , in dunklem Selbstvergessen an die Fortsetzung der kolossalen Kritzelei geraten , und er arbeitete eben wieder mit eingeschlummerter Seele , aber großem Fleiß und Scharfsinn an derselben , als an die Tür geklopft wurde . Er erschrak heftig und fuhr zusammen , als ob er über einem Verbrechen ertappt wäre . Agnes und ihr Bräutigam traten herein , und kaum hatte man sich begrüßt , so erschien Erikson mit seiner nunmehrigen Frau Rosalie , und Heinrich sah sich von Geräusch , Leben und Schönheit wachgerüttelt . Er hatte weder von Eriksons Hochzeit als von Agnesens Verlobung etwas gewußt , und der Zufall wollte , daß beide Paare am folgenden Tage abreisen wollten , das eine nach dem Rheine , das andere nach Italien . » Meine Frau « , sagte Erikson , » bestand darauf , mit hinaufzukommen , als ich , unten vorbeigehend , mich beurlauben wollte , um dir adieu zu sagen . Wir bleiben bis zum Juni im Süden , dann gehen wir durch Frankreich nach dem Norden , streichen in meiner Heimat herum und sehen , wo wir da einmal leben wollen . Vielleicht in einer Seestadt , etwa Hamburg . Hernach besuchst du uns auf einige Zeit , wir wollen dich protegieren und ein bißchen zurechtstutzen ! « Rosalie unterbrach ihn und verlangte auf das freundlichste von Heinrich das Versprechen , daß er sie aufsuchen werde , und Agnes nebst dem Gottesmacher begehrten ,