jedem Schritte zu kämpfen hatte , langsam vonstatten ging , fragte die Alte Cornelien leise über die Schulter der Jungen hinweg : » Ist es wahr , was die Leute mir sagten , daß einer , namens Hermann , jetzt hier wohnt ? « Cornelie versetzte unbefangen , laut : » Allerdings , Hermann wohnt in dem Kloster , eine halbe Stunde von hier . « Bei diesen Worten zuckte die Kranke , und ihre Brust flog in heftigen Schlägen . Sie brachten sie kaum noch tausend Schritte weit , auf eine hochgelegne Wiese , als sie vor Ermattung umsank . » Sie stirbt ! « schrie die Alte mit herzzerschneidendem Tone . » Es ist am Ende ! « sang Flämmchen , denn warum sollen wir verschweigen , daß sie es war ? » Die Sonne geht zur stillen Rast , und Nacht empfängt den müden Gast ... Es ist am Ende ... « Ausgestreckt lag sie am Boden , die Alte vergaß vor unbändigem Kummer sogar , die Leidende zu unterstützen . Flämmchen richtete sich mit Anstrengung empor , streifte einen goldnen Ring vom Finger und sang : » Gib ihm den Ring ! zum Angedenken nahm ich ihn jener süßen Stunde , als unterging mein Sinn und Denken , im holden lasterhaften Bunde ! Er ward getäuscht , verführt , betrogen , ich aber schmeckt ' ein einzig Glück ... und unsrer Leiber sanft Verschränken ... « Sie sank , ihre Augen verwandelten sich , die Atemzüge wurden langsamer , bald stand der Hauch still . Über ihr Antlitz hatte sich eine kindliche , schwärmende Freundlichkeit gebreitet , sie sah schön aus . Die Alte rührte die erkaltenden Lippen an , warf sich nieder , raufte eine Hand voll Gras und Blumen aus dem Boden und sprach : » Sie ist tot . Diese Halme und bunten Kelche erhebe ich zum Zeichen , daß ich sie aus meiner Hand der Erde und den vier Winden zurückgebe , aus welchen alles Menschengebilde entsteht . Fluch soll mich treffen , wenn ein Priester ihr nahe kommt , oder ein Kirchhof den schönen Leib aufnimmt , oder ein Sarg und Leichtuch sie von dem kühlen guten Rasengrunde scheidet ! Auf dieser frischen , blühenden Wiese sei ihr Grab gehöhlt von meinen Händen , und da die Augen der Mutter von Mangel und Elend trocken sind , so beweinet ihr sie , ihr Oberen , Fremden , Unbekannten , denn nicht unbetrauert soll mein Kind von dannen gehn ! « Der Himmel hatte sich verfinstert , und eine tröpfelnde Wolke erfüllte den Wunsch der Alten . Diese setzte sich , in ihr Kopftuch eingehüllt , zu der Toten , die Knie zum Haupte emporgezogen , das Haupt in den aufgeschlagenen Armen und im Schoße verborgen , nun ganz einer erstarrenden Niobe ähnlich . Cornelie sprach ihr zu , da jene aber schweigend sitzen blieb , so entfernte sie sich in Verlegenheit , Angst , Schrecken über diese abermaligen unerwarteten Vorfälle . Ein heftiger Wind hatte sich erhoben , der Regen strömte stärker nieder und machte die Gegend ihr unkenntlich . Sie wollte nach einem Bauernhause , dessen Lage ihr ungefähr bekannt war , gehn , um die Bewohner zur Hülfeleistung bei der Alten zu vermögen , nahm jedoch bald wahr , daß sie , vom Wege abgekommen , zwischen Strauchwerk , Äckern und Angern umherirrte . Vergeblich suchte sie , wandernd und zurückwandernd , eine gebahnte Straße zu entdecken . Zuweilen stand sie still , um sich zu besinnen , oder ein Geräusch zu vernehmen , welches ihr die Nähe des Dorfs anzeigen möchte , umsonst ! nur der Regen rauschte hernieder , nur der Sturm pfiff über die grauen Felder . Sie betete still , daß keine Verzweiflung sie überkommen möge . Wirklich behielt sie ihre Ruhe , obgleich es dunkel geworden war , die Nässe ihre Kleider längst durchdrungen hatte , und wiewohl sie vor Erschöpfung kaum noch gehen konnte . Bereit , die Nacht über draußen , in der wüsten Gegend , unter den herabströmenden Fluten zuzubringen , suchte sie nur noch nach einem Baume , einem Steine , oder einer Erdhöhle zum Schutze gegen die grimmigsten Launen des Wetters . Unaufhaltsam und unwillkürlich quoll in ihrer Seele eine Geschichte nach der andern empor , die sie gelesen , von Menschen , die aus den übelsten Lagen gerettet worden waren . Diese Bilder des Trostes umgaben sie mit einer Fülle erquickender Sicherheit . Auf einmal hörte sie in der Ferne Tritte und eine Stimme , die etwas rief , was wie ihr Name klang . Entzückt sprang sie von dem harten nassen Lager , welches sie bereits erwählt hatte , und antwortete . Der Ruf und Menschentritt kam näher , eine Gestalt arbeitete sich über Sturzacker und durch Dorngebüsch . Mit den Worten : » Bist du hier , Cornelie ? « faßte Hermann ihre Hand . » Du , du findest mich ? « war alles , was sie vorbringen konnte . » Die andern suchen dich auf den Wegen , welche du sonst zu gehen pflegst « , sagte er . » Ich meinte aber , daß , wenn du da wärst , du dich wohl selbst heimgefunden haben würdest , und schlug mich lieber hieher in die Wüstenei . « Der Regen hörte auf , hinter einer Wolke trat der Mond hervor , und beleuchtete den Ort , wo sie standen . Im Augenblicke der äußersten Gefahr war ihr die Hülfe geworden . Dicht neben einem verlaßnen , tiefen , mit Wasser ausgefüllten Steinbruche hatte sie ihre Rast genommen , ein Schritt , ja nur eine Bewegung würde sie hinabgestürzt und ihrem Leben ein Ende gemacht haben . » Du bist mein Retter ! « rief sie mit einer Empfindung , welche alles ausgestandne Leid vergütete . » Komm nur , arme Cornelie « , sagte er , » du bist ja ganz naß , und wir haben eine gute Stunde nach dem Kloster .