, wußte ich , daß er nichts glaubte und im stillen über mein Vertrauen zur Jungfrau lächelte . Ich war darüber bekümmert und gedachte in meiner Kindheit , ihn noch gut katholisch zu machen . Jetzt , wo seine Entfernung und sein selbstsüchtiger Verrat mir seine Grundsätze doppelt verdächtig und verhaßt machen sollten , fühle ich mich seltsamerweise zu denselben hingezogen , ja ich wünsche zuweilen , wie wenn ich nach seinem Beifall lüstern wäre , daß er es wissen möchte ! Zürne nicht hierüber , liebster frommer Gottesmacher ! Ich will dir kein Ärgernis geben , sondern dein gehorsames und treues Haus- und Bergfräulein sein ! Ich will fromm deiner Trauben pflegen und dir jeden Becher kredenzen , den du trinkst ! « Die Zuhörer waren höchlich verwundert über diese Reden ; die Mutter bekreuzte sich dreimal , indem sie sowohl über Agnesens Beredsamkeit als über den Inhalt ihrer Worte sich entsetzte , und sie wollte ein lautes Lamentieren beginnen . Aber sie wurde wieder unterbrochen durch den Gottesmacher , welcher , nachdem er sich von seinem Erstaunen erholt , erwiderte : » Ich hätte allerdings nicht vermutet , daß meine ehrwürdige , von frommen Meistern gesetzte Musik ein Licht dieser Art in einem jugendlichen Frauenhaupte aufstecken und eine solche anmutige Beredsamkeit erzeugen würde ! Doch die Wege des Herrn sind wunderbar ! möchte ich fast sagen , wenn nur dieses Sprichwort hier besser angewendet wäre ! Ich bin in dem andächtigen Glauben an Gott und seine Heiligen erzogen , und insbesondere das Bild der Maria hat mich von Kindheit auf in seiner Milde und Schönheit angelacht . Ihr Kultus hat mich zur Kunst begeistert und mir Brot gegeben , als ich arm , verlassen und unwissend war ; sie war mir Mütterchen , Geliebte , göttliche Fürbitterin , Muse in Bild und Tönen , und überdies belebte sie wie eine allgegenwärtige Göttin die Fluren meiner schönen Heimat . Aus der Bläue des Himmels , auf goldenen Wolken , im Glänzen des Gewässers , im leuchtenden Grün der Wälder , auf den Blumensternen , auf den roten Rosen lächelte mir die unsichtbare Himmelsfrau sichtbar entgegen und weckte ein süßes Sehnen in meiner Brust . Jetzt ist mir beinahe , als wäre dies Sehnen gestillt , auch weiß ich gar wohl , daß derlei katholische Dinge von aufgeklärten oder auch nur unbefangenen Leuten nicht mehr geglaubt werden ; aber warum wollen wir die selige Menschgöttin unserer Jugendzeit , die uns Unschuld und Anmut bedeutet , so ohne weiteres absetzen ? Ist es uns nicht lieblicher und vertrauter , die Altbekannte , Schöne ferner über unseren Fluren zu ahnen und sie mit dem armen Volke in den geschmückten Tempeln zu verehren , in denen wir so wohl zu Hause sind , als uns den Kopf zu zerbrechen und für das , was uns beglückt , gelehrte heidnische Namen oder gar nur tönende Worte zu gebrauchen ? Wenn ich erst einmal anfinge , mich in solche Dinge einzulassen , so hätte ich nicht mehr Zeit , mein Silber zu treiben ; denn mein Kopf ist nicht zu leichten Übergängen eingerichtet und muß alles gründlich einüben . Also schlage ich vor , daß wir uns diese Sache nicht unnötig schwer machen , vielmehr dieselbe , sozusagen , der Heiligen Jungfrau selbst überlassen ! Was jenen unglücklichen Verräter betrifft , so wage ich zu hoffen , daß ich sein Andenken je länger , je weniger zu fürchten brauche , ja sogar daß das Bestreben , in Glauben oder Unglauben zu gefallen , eines Tages sich mir gänzlich zuwenden werde ; denn ich fühle eine solche Ganzheit und Sicherheit der Liebe zu dir in mir , daß ich mir Meisterschaft und Kunst genug zutraue , den Lauf deines Geblütes endlich ganz zu meinen Gunsten zu lenken ! « Agnes blickte während dieser Worte wieder vor sich nieder , ohne den Mund zu verziehen , wie in tiefen Gedanken verloren ; doch dann stand sie auf und küßte den Gottesmacher mehrere Male auf den Mund . Es wurde nun beschlossen , gleich mit dem Beginne des Frühlings die Hochzeit zu begehen und nach dem Rheine zu ziehen , was auch alles auf das beste geschah , und der Gottesmacher war und blieb so glücklich , daß daraus notwendig auf Agnesens eigenes Glück zu schließen war . Ihre Mutter war erst in der großen belebten Stadt geblieben , da ihrem eiteln Sinne dieselbe zur Unterlage nötig schien ; auch hoffte sie im geheimen durch die Abwesenheit der störenden Schönheit ihrer Tochter noch einen stillen und erbaulichen Nachsommer ihrer eigenen Person zu genießen , wenn auch nur vor sich selbst und angesichts ihres Bildes . Aber bald mußte sie zu ihrem Schrecken erfahren , daß ihr Licht nicht mehr genugsam leuchtete und daß sie , ohne es zu wissen , schon bislang im Widerschein von ihres Kindes Schönheit geatmet hatte . Sie fühlte sich einsam , alt und verwelkt , mehr als sie es im Grunde war , erhob einen großen Jammer , bis sie zu dem jungen Paare reisen konnte , und es war rührend zu sehen , wie sie sich klagend beeilte , nur wieder in den Bereich der lugend und Schönheit zu kommen , die lugend von ihrer Jugend und Schönheit von ihrer Schönheit war . Ehe aber das seltsam erregte Paar abgereist , hatte es auf den besondern Wunsch Agnesens den abgeschlossenen Heinrich aufgesucht , um sich bei ihm zu verabschieden . Die erste Gefahr in Ferdinands Zustande war einstweilen vorüber , und der Verwundete ging einer leidlichen Herstellung entgegen . Heinrich hatte ihn aber noch nicht wieder gesehen . Eine tiefe Verwirrung und Scham , welche ihn in der starken Abspannung nach jenen aufgeregten Tagen befiel , mischte sich mit einer Art trotziger Scheu , sich an das Krankenbett zu drängen , und als die Lebenskräfte des Kranken sich wieder gesammelt , fragte er wohl nach Heinrich , aber er verlangte ihn nicht zu sehen . Ein bitteres Schmollen waltete zwischen beiden ,