Sie einmal so unbarmherzig mit Geheimnissen umgehn , zu deren Vertrauten ich Sie nicht gemacht habe , so will ich auch ohne Rückhalt aussprechen , was ich fühle , und dessen ich mich nicht zu schämen habe . Nun denn , ich habe dem Gesunden mein Ja nicht geben wollen , weil es nicht reif war , und die Liebe ihre Zeitigung noch nicht erlangt hatte . Man erzählt mir hin und wieder von Büchern , worin geschrieben stehn soll , daß jenes Gefühl im ersten Augenblicke des Sehens und Treffens entstehe . Wenn es sich dergestalt verhält , so mag das eine Liebe sein , die auch in einem Augenblicke wieder vergeht . Ich aber denke , daß die Ergebung der Seele an eine zweite auf Leben und Tod etwas so Schweres und Wichtiges ist , um wohl einen innerlichen Schauder , eine tiefe Bangigkeit und ein langes scheues Bedenken vor so strenger Gefangenschaft hervorbringen zu können . Ich habe alle diese Kämpfe durchmachen müssen ; nun sind sie überwunden , und ich bin sein , wie er auch andern erscheinen möge . Gott hat ihn gemacht und wird ihn wiederherstellen , wenigstens soll meine Hoffnung darauf nicht untergehn , so lange ich atme . Niemand hat er jetzt als mich , sie fliehn ihn alle , verabscheun ihn auch wohl , ich aber liebe ihn und will ihm Diener und Freund und Schwester sein , Vergangenheit , Gegenwart und Zukunft , die der Arme eingebüßt hat . Das verspreche und gelobe ich hier , und werde mich fürwahr nicht zwingen und mißhandeln lassen , so hülflos ich auch bin ! « Ein Tränenstrom hatte die letzten Worte begleitet ; schluchzend verließ sie das Zimmer . Alle waren sehr betreten und Wilhelmi gereute von Herzen seine hypochondrische Heftigkeit , welche er seit der Wandlung seiner Verhältnisse ganz überwunden hatte , und die doch nun auf einmal wieder zu so ungelegner Zeit ausgebrochen war . Er ließ abspannen und beschloß mit den Freunden , einige Tage auf Corneliens fernere Entschließungen zu warten . Sie hofften , daß das schöne gute Kind , zu ruhiger Überlegung gediehen , von selbst in die gebahnte Straße des Herkömmlichen wieder einlenken werde . Man erfuhr , daß sie nach der Meierei gegangen sei , wie sie öfters tat , um ihre alte Schaffnerin zu besuchen . Es wurde daher auch noch nichts Schlimmes geargwöhnt , als sie zu Mittage ausblieb , weil sie oft bis gegen Abend dort zu verweilen pflegte . Indessen begann es zu dämmern , ohne daß sie zurückkehrte . Zugleich war das Wetter schlecht geworden . Nun entstand doch einige Unruhe . Ein nach der Meierei gesandter Bote überbrachte , daß sie dort nicht gewesen sei . Wilhelmi war äußerst bestürzt . Augenblicklich mußten nach allen Richtungen hin Leute mit Fackeln und Laternen sich auf den Weg machen . Er selbst begleitete einige , welche in die gefährlichsten Gegenden des Forstes und Gebirgs spähend zu dringen befehligt waren . Cornelie war in ihrem Kummer dem Walde zugeeilt , unter dem Schirme der grünen Bäume die Ruhe wiederzufinden , aus welcher die rücksichtslosen Menschen sie so unbarmherzig gescheucht hatten . Ihr Innres war wider ihren Willen an das grelle Tageslicht herausgekehrt worden , sie empfand eine innige Scham über die Entweihung des Heimlichsten , und einen tugendhaften Zorn gegen die Roheit , welche sie dazu genötigt hatte . Jedoch machten sich diese widrigen Gefühle in keinen Worten und Ausrufungen Luft , sie seufzte und weinte nur still für sich hin . Sie wollte wirklich nach der Meierei gehn , und dort so lange bleiben , bis ihr das bündigste Versprechen gegeben würde , sie in ihrer Freiheit nicht zu beschränken . Indem sie mit schnellen Schritten vorwärts eilte , wurde sie plötzlich von einem kläglichen Stöhnen gehemmt , welches in geringer Entfernung abseits vom Wege erklang . Dem Schalle folgend , fand sie eine Alte auf dem abgehauenen Stumpfe einer Rüster sitzen , der ein junges totenbleiches Frauenzimmer im Schoße lag . Die Finger , das Gesicht , die ganze Gestalt der Jungen waren abgezehrt , ihre arme Brust keuchte von schneidenden Schmerzen . Ein dünnes und spärliches Gewand bedeckte die entkräfteten Glieder , auch der Anzug der braunen Alten zeugte von großer Dürftigkeit . » Wir bekommen Hülfe , mein armes Kind « , sagte diese zu der Kranken , » siehe da , es bewegt sich durch das Gebüsch eine liebe , schöne Jungfrau her , welche uns beistehn wird . « Die Kranke öffnete die Augen und warf einen geisterhaftscharfen Blick auf Cornelien , wie er den Schwindsüchtigen eigen zu sein pflegt , wenn ihre Leiden sich dem Ende nahn . Cornelie hatte bei diesem Anblicke vergessen , was sie selbst bedrückte , trat mitleidig näher , und sagte : » Steht auf , ihr armen Weiber , und folgt mir ; ganz in der Nähe sind Menschenwohnungen . « Die Junge machte eine ablehnende Bewegung , und die Alte rief : » Nein , nicht zu Menschen will mein Kind , zu dem Kleinen will sie , welches oben am Hünenborn schlummert ; weißt du den Weg dahin , schöne Jungfrau , so hilf mir die Schwache stützen und führen . « Cornelie wandte ein , daß die Kräfte der Kranken nicht hinreichen würden , den beschwerlichen Gang bergauf zu machen , diese aber richtete sich empor , sah ihr durchdringend in die Augen und flüsterte kaum hörbar , aber mit melodischem Tonfall in der Stimme : » Ja , führet mich zum kleinen Grabe , es liegt geschützt vom Mauerstein ; der Mutter winkt im Schlaf der Knabe , sie soll nun immer bei ihm sein ! « Sie schlugen den Pfad quer durch den Wald ein . Cornelie kannte die Anhöhen recht wohl , zwischen denen der Hünenborn lag , und nahm mit genauer Aufmerksamkeit auf jedes Wegzeichen die Richtung dorthin . Während dieser Wanderung , welche wegen der Schwäche , womit die Kranke bei