Es ist ein Unglück , daß Du so gänzlich abhängig von dem Onkel bist . Wenn es früher oder später zwischen Euch zum Bruche kommt und Du aus dem Geschäfte trittst , so ist das für Dich eine Existenzfrage ; Dein ganzes Einkommen fällt damit . Du allein könntest Dich wohl zur Noth Deinen Compositionen anvertrauen , aber ihnen jetzt schon die Erhaltung einer Familie zumuthen , hieße Deine Zukunft von vornherein in Frage stellen . Ich hatte damals nur für mich allein einzustehen ; Du wirst nothgedrungen warten müssen , bis Dich ein größeres Werk in die Lage versetzt , mit Frau und Kind der ganzen kleinbürgerlichen Sphäre den Rücken zu kehren . “ „ Unmöglich ! “ rief Reinhold beinahe ungestüm . „ Bis dahin wäre ich zehnmal zu Grunde gegangen , und was ich an Talent besitze , mit mir . Ausharren , warten , vielleicht noch Jahre lang ? Das kann ich nicht , das ist für mich gleichbedeutend mit Selbstvernichtung . Meine neue Arbeit ist vollendet . Wenn sie nur einigermaßen den Erfolg der ersten erreicht , so ermöglicht sie mir wenigstens , einige Monate in Italien zu leben . “ Hugo stutzte . [ 427 ] „ Du willst nach Italien ? Warum denn gerade dorthin ? “ fragte der Capitain . „ Wohin denn sonst ? “ warf Reinhold ungeduldig ein . „ Italien ist die Schule jeder Kunst und jedes Künstlers . Dort allein kann ich das beschränkte und lückenhafte Studium ergänzen , zu dem die Verhältnisse mich zwangen . Begreifst Du das nicht ? “ „ Nein , “ sagte der Capitain ziemlich kühl . „ Ich sehe die Nothwendigkeit nicht ein , daß ein Anfänger sogleich auf die hohe Schule muß . Du findest hier zum Studium Gelegenheit genug , und die meisten unserer Talente haben jahrelang ringen und arbeiten müssen , ehe Italien ihren Werken die letzte Weihe gab . – Gesetzt aber , Du führtest Deinen Plan aus , was soll inzwischen aus Deiner Frau und dem Kinde werden ? Denkst Du sie mitzunehmen ? “ „ Ella ? “ rief der junge Mann ist einem fast wegwerfenden Tone . „ Das wäre das sicherste Mittel , mir jeden Aufschwung unmöglich zu machen . Denkst Du , ich werde beim ersten Schritt , den ich in die Freiheit hinaus thue , die ganze Kette der Häuslichkeitsmisère mit mir schleppen ? “ Zwischen Hugo ’ s Augen wurde eine leichte Falte sichtbar . „ Das klingt sehr hart , Reinhold , “ erwiderte er . „ Ist es meine Schuld , daß mir die Wahrheit endlich einmal zum Bewußtsein kommt ? “ grollte Reinhold . „ Meine Frau kann sich nun einmal nicht über die Küchen- und Wirthschaftssphäre erheben . Es ist nicht ihre Schuld , ich weiß es , aber es ist deshalb nicht weniger das Unglück meines Lebens . “ „ Ella ’ s Beschränktheit scheint allerdings als eine Art Dogma in der Familie festzustehen , “ bemerkte der Capitain ruhig . „ Du glaubst blindlings daran , wie all die Anderen . Habt Ihr Euch denn schon jemals die Mühe genommen , zu untersuchen , ob diese Annahme wirklich so unfehlbar ist ? “ Reinhold zuckte die Achseln . „ Ich glaube , das wäre in diesem Falle wohl überflüssig . In keinem Falle aber kann die Rede davon sein , daß ich Ella mit mir nehme . Sie bleibt mit dem Kinde natürlich hier im Hause ihrer Eltern , bis ich zurückkomme . “ „ Bis Du zurückkommst – und wenn es nun nicht geschieht ? “ „ Was soll das heißen ? Was meinst Du damit ? “ fuhr der junge Mann auf , während eine dunkle Röthe über sein Gesicht hinflammte . Hugo kreuzte seine Arme und sah ihn fest an . „ Es fällt mir auf , daß Du jetzt auf einmal mit fertigen Plänen hervortrittst , die jedenfalls längst entworfen und auch wohl besprochen sind . Leugne nicht , Reinhold ! Du allein wärst nie so in ’ s Extrem gegangen , wie Du es jetzt im Kampfe mit dem Onkel thust , ohne auf einen Rath oder eine Vorstellung zu hören ; es ist da fremder Einfluß thätig . – Ist es wirklich unbedingt nothwendig , daß Du Tag für Tag zu der Biancona gehst ? “ Reinhold gab keine Antwort ; er wandte sich ab und entzog sich so der Beobachtung des Bruders . „ Man spricht bereits ist der Stadt davon , “ fuhr dieser fort . „ Es kann nicht lange dauern , so dringt das Gerücht auch hierher . Ist Dir das wirklich ganz gleichgültig ? “ „ Signora Biancona studirt meine neue Composition ein , “ sagte Reinhold kurz , „ und ich sehe in ihr nun einmal das Ideal einer Künstlerin . Du hast sie auch bewundert . “ „ Bewundert , ja ! Im Anfange wenigstens , angezogen hat sie mich nie . Die schöne Signora hat so etwas – Vampyrisches in ihren Augen . Ich fürchte , auf wen sich diese Augen richten , in der Absicht , ihn festzuhalten , der bedarf einer starken Dosis Willenskraft , um Herr seiner selbst zu bleiben . “ Er war mit den letzten Worten an die Seite seines Bruders getreten , der sich jetzt langsam umwandte und ihn ansah . „ Hast Du das auch schon empfunden ? “ fragte er düster . „ Ich ? Nein ! “ entgegnete Hugo mit einem Anfluge seiner alten spöttischen Laune . „ Ich bin zum Glück wenig empfänglich für dergleichen romantische Gefahren und überdies hinreichend vertraut damit . Nenne es Leichtsinn , Unbeständigkeit – wie Du willst ! Aber mich vermag nun einmal eine Frau nicht lange und tief zu fesseln ; mir fehlt eben das Element zur Leidenschaft . Du aber trägst es nur zu sehr in Dir , und wo Dir ein Gleichartiges entgegenkommt , da liegt die Gefahr auch dicht dabei . Nimm