darin liegt das ganze Geheimniß des Erfolges . “ Gabriele schüttelte leise den Kopf . „ Das sind harte Grundsätze . “ „ Das sind die Erfahrungen der dreißig Jahre , die ich vor Dir voraus habe . Denkst Du , ich habe nicht auch meine Ideale gehabt , meine Träume und meine Begeisterung ? Denkst Du , es hat hier nicht auch geflammt mit all den heißen Empfindungen der Jugend ? Aber das nimmt ein Ende , wenn man im Leben vorwärtsschreitet . In eine Laufbahn wie die meinige konnte ich die Träume nicht mit hinübernehmen . Sie halten am Boden fest , und ich wollte emporsteigen und bin emporgestiegen . Ich habe freilich einen hohen Preis dafür gezahlt , zu hoch vielleicht – gleichviel , ich habe es erreicht . “ „ Und bist Du glücklich dadurch geworden ? “ Die Frage kam fast unwillkürlich von den Lippen des jungen Mädchens . Raven zuckte die Achseln . „ Glücklich ! Das Leben ist ein Kampf , keine Glückseligkeit . Man wirft den Gegner oder wird geworfen ; ein Drittes giebt es nicht . Du freilich siehst das alles noch mit anderen Angen an . Dir ist das Leben noch ein Sommertag , wie er da draußen leuchtet . Du glaubst noch , daß dort in jener schimmernden Ferne , hinter jenen blauen Bergen ein ganzes Eden voll Glück und Seligkeit liegt – Du täuschest Dich , Kind . Die goldene Sonne scheint über unendlich viel Jammer und Erbärmlichkeit , und hinter den blauen Bergen ist auch nichts weiter , als der mühselige Weg von der Wiege zum Grabe , den wir uns noch mit so viel Haß und Streit würzen . Das Leben ist nur dazu da , um jeden Tag neu überwunden zu werden , und die Menschen – um sie zu verachten . “ Es lag eine unbeschreibliche Härte und Herbheit in diesen Worten , aber auch die ganze Entschiedenheit des Mannes , der einen ihm unerschütterlich gewordenen Glaubenssatz ausspricht . Die tiefe Bitterkeit freilich , welche hindurchwehte , entging dem jungen Mädchen , das halb beklommen und halb empört zuhörte . „ Aber schließlich kommt doch die Zeit , wo man dieses ewigen Kampfes überdrüssig wird , “ fuhr Raven fort , „ wo man sich fragt , ob die einst erträumte Höhe es denn werth war , sein Alles dafür einzusetzen , wo man die Summe all dieses ruhelosen Jagens und Ringens , all dieser Erfolge zieht und des ganzen Spiels herzlich müde wird . Ich bin oft müde – recht müde . “ Er lehnte sich zurück und sah in die Ferne hinaus , es lag ein finsterer Schmerz in diesem Blicke , und die tiefe Müdigkeit , von der er sprach , verrieth sich auch in seiner Stimme . Gabriele schwieg , auf ’ s Höchste betroffen von der tiefernsten Wendung , die das Gespräch genommen hatte , das auch sie auf ganz unbekannte Bahnen führte . Sie hatte bisher nur den eisernen , unzugänglichen Mann gekannt , mit seiner kalten Ruhe und seinen Gebietertone . Selbst sein Benehmen gegen sie war immer nur die Herablassung zu dem Ideenkreise eines Kindes gewesen ; er hatte nie anders zu ihr gesprochen , als in jener halb gütigen , halb spottenden Weise , in der auch heute ihr Gespräch begann . Zum ersten Male öffnete sich diese sonst so streng verschlossene Natur in einem Augenblick der Selbstvergessenheit , Gabriele sah in eine Tiefe , die sie nicht geahnt hatte , und die sich auch wohl keinen Anderen aufthat , aber sie fühlte instinctmäßig , daß sie nicht daran rühren und nicht heraufbeschwören durfte , was sich da unten regte . Es folgte eine lange Pause . Beide blickten schweigend in die weite Landschaft hinaus , die in dem heißen Lichte eines der letzten Augusttage vor ihnen lag . Der Sommer schien vor seinem Scheiden noch einmal all seine Gluth und Pracht über die Erde auszuschütten . Der hellste Sonnenschein umfloß die alterthümliche Stadt , die mit ihren Häusern und Thürmen sich am Fuß des Schloßberges ausbreitete ; er lag über all den Wiesen und Feldern , über all den Ortschaften , die sich bald näher , bald ferner dem Auge zeigten , und blitzte in den Wellen des Flusses , der in mächtigen Windungen durch das Thal zog . Um dasselbe schlossen sich die Berge , wie zu einem Kranze , bald in weichgeschwungenen Linien , bald in zackig kühnen Formen aufstrebend , mit grünen Triften und dunklen Wäldern , aus denen hier und da eine weiße Wallfahrtskirche hervorleuchtete , oder eine altersgraue Bergveste sich erhob . Ganz in der Ferne stieg in blauen Dust verloren das Hochgebirge auf , das als erhabener Hintergrund den Horizont begrenzte , und über dem Allen lächelte ein tiefblauer Himmel und schwebte goldiger Sonnenduft , der den ganzen Aether zu erfüllen schien . Es war einer jener Tage , wo Alles wie in Licht und Glanz getaucht , Alles davon überfluthet ist , als gäbe es auf der ganzen Welt nichts weiter , als nur Sonnenschein . Es konnte keinen schärferen Gegensatz geben , als diese sonnige Landschaft und den tiefen , kühlen Schatten des Schloßgartens mit seiner düstern Einsamkeit . Die riesigen Kronen der Linden , mit ihren dicht verschlungenen Aesten , hielten den ganzen Raum wie mit einer grünen Dämmerung umsponnen und unter den hohen Baumwipfeln rauschte einförmig die Fontaine . In ewigem Wechsel stieg der helle Strahl empor , um dann tausendfach zersprüht wieder niederzusinken . Bisweilen , wenn ein Sonnenstrahl , der sich hier unten verlor , die fallenden Tropfen streifte , funkelte und glänzte es , wie mit Diamantenpracht , aber sie erlosch schon im nächsten Moment . Alles lag wieder im kühlen Schatten , und durch den nebelhaften Wasserschleier blickten die grauen Gestalten der Nixen mit den langen Haaren und den steinernen Häuptern gespenstig hindurch . Die stille , schwüle Mittagsstunde schien Alles in träumerische Ruhe zu wiegen ; kein Vogel flatterte