zurück ; es trennte das Licht von der Nacht . Dann schloß es sich eine Weile , und als es sich wieder öffnete , suchte es zur Rechten am fernen Tannenwalde . Da lief jenseits der grauen Dächer des Dorfes den Berg entlang ein weißer , schimmernder Strich , der um eine Ecke bog und noch weiter weg an einer andern Berglehne wieder auftauchte , um dann bald ganz in dem Walde zu verschwinden . Das war die Straße , auf der die Frau Salome nach ihrem Besuche beim Justizrat Scholten nach Hause geritten war . Aus der Qual des Alls rettete das hülflose Menschenkind , nach seiner Art von Adam an , sich eben auf den nächsten Weg , der aus der Unzulänglichkeit und Verwirrung der irdischen Zustände herauszuführen schien . [ 346 ] » Die Welt ist so weit , so weit « , sagte Eilike Querian , und sie sagte es ganz laut . » Die Wege sind so lang , so lang , und in den Wäldern geht man in die Irre . Es sind auch viel zu Viele Menschen in der Welt – keiner kennt den andern , und wenn einer den andern kennt und fern Von ihm wohnt , weiß er nicht einmal , ob er noch lebt . – Und die einander nahe wohnen , die fürchten einander und tun sich allen möglichen Schabernack und Possen an . Die Leute im Dorfe , was die Bergleute sind und was die Ackerleute sind , und ihre Frauen und Kinder zu Hause quälen sich schlimm mit ihrer Arbeit und sind niemals zufrieden ; aber am schlimmsten quält sich mein Vater , und der ist am wenigsten zufrieden . Der Herr Pate Scholten tut auch nur so , als ob er Vergnügt sei , wenn er hier im Dorfe wohnt und spazierengeht in die Berge und sich einen guten Tag macht . Bei der Witwe Bebenroth möchte ich nicht wohnen ! Oh , der Pate ärgert sich genug und schimpft genug , und sein Französisch hilft ihm auch nicht viel . Er hat mit seinem lustigen französischen Buche nach dem tauben August geworfen , weil er meinte , daß der ihm den Sack voll Ameisen ins Bett geschüttet habe . Ich wollte nur , der Arme könnte genug sehen , hören und sprechen zu solchem Streich , und dem Herrn Paten hat ' s auch sehr leid getan , und er hat ihm einen blanken Taler geschenkt , nachdem ihm die Frau Bebenroth das Blut abgewaschen hatte . Er ist meines Vaters bester Freund , der Herr Pate , und es tut ihm auch leid , wenn er sagt , er sei ein Narr . Von mir sagte die schöne vornehme Dame , die heute hier war , in ihren Gedanken , ich sei blödsinnig – oh – und so , so hat mich noch kein Mensch angesehen wie die schöne Dame . Auch mein Vater tat ihr leid : oh , wenn sie nicht so übel dran wäre wie wir alle hier ? ! Wenn sie alles kann , was sie will ? ! « – – Da machte sich das Elend von neuem in einem Tränenstrom Luft . Ein großer Nachtraubvogel flatterte schwarz aus dem Walde hinter dem Hause Querians auf , erhob sich schwerfällig in die Luft und stand flügelschlagend einen Moment über der Feueresse und dem Haupte Eilikes . Dann zog er langsam durch den weißen Glanz des nächtlichen Friedens , und Eilike Querian [ 347 ] sah ihm erschreckt durch ihre Tränen nach , bis er plötzlich über dem Dorfe jach herabfiel und verschwand . Beinahe hätte sich ein Schrei um Hülfe dem jungen Mädchen entrungen , atemlos horchte es , ob sich nicht ein Todeskreischen vernehmen lasse ; aber es blieb still . » Oh , der Verderber ! « flüsterte die Tochter Querians , und in diesem Augenblick wälzte sich ein dichterer , schwärzerer Qualm vom Herde des Vaters durch die Esse , an der sie lehnte , und ein röterer Glutschein beleuchtete die aufwärts rollenden Wirbel des Rauches . Der Vater mußte das Feuer , das ihm bei seinen närrischen Werken half , zu neuem Aufflammen angeschürt haben . Es krachte und prasselte drunten wie von trockenen harzigen Fichtenzweigen und Tannenzapfen . Vor dem erstickend sich verbreitenden Gewölke glitt Eilike Querian wieder hinab von ihrem wunderlichen nächtlichen Lugaus zu ihrem Fenster hin . Noch zögerte sie eine Minute ; dann setzte sie den Fuß auf den schwankenden Ast . Er zerbrach auch diesmal nicht unter der leichten Last , und geschmeidig erreichte sie , an dem alten treuen Stamm hinunter , den festen Boden der Erde . Noch einmal sah und horchte sie nach dem Hause hin ; schwere Hammerschläge erschallten jetzt aus der Werkstatt des Vaters , scheu rückwärts schreitend , auf den Fußspitzen , zog sich Eilike aus dem Mondenschein in das Dunkel unter den Bäumen zurück . Dann wendete sie sich rasch , das Gebüsch an der Tallehne rauschte , wie sie sich durchwand . Sie war verschwunden hier , und niemand begegnete ihr auf jenem fernen lichten Streif an den Bergen , der Landstraße , die auf der letzten Höhe im Hochwalde sich dem Auge des Dorfes verlor . Zehntes Kapitel [ 348 ] Auf einem der äußersten Vorberge des Gebirges , eine gute Stunde hinter jenem Hochwalde , lag eine elegante Villa von jener jedem Stil , aber auch jeder Bequemlichkeit sich fügenden Bauart , in welcher es die jetzige Zeit zu einer so großen Vollkommenheit [ 348 ] gebracht hat . Zierliche und wohleingerichtete Nebengebäude und Stallungen , ein schöner Blumengarten mit Springbrunnen und Terrakotta-Figuren – alles an dem rechten Platz – umgaben das Haus . Ein künstlerischer Sinn und eine sachverständige Hand hatten das Grundstück für den Zweck aus der Wildnis herausgegriffen , es mit Mauerwerk und Pflanzenwuchs bedeckt und mit einem hübschen eisernen Gitter umzogen . Eine Wiese stieg im Rücken der Villa aufwärts am Berge bis an den Wald