Die Mittagsruhe , die Stunde des Pan träumte auf seinen Zügen . Don Giulio trieb ein seltsames Geistesspiel , das sie erst nach und nach aus seinen abgebrochenen Worten und geflüsterten Verszeilen erriet und zusammensetzte . Nach der Zeichnung der Danteschen Hölle , wie sie jedem italienischen Geiste innewohnt , beschäftigte er sich damit , nicht zwar den trichterförmigen Höllenabgrund zu bevölkern , sondern einen Krater des Unglücks zu graben , dessen Stufen er auch nicht mit Verdammten und Unseligen des geisterhaften Jenseits , sondern mit den Elenden , den Leidenden , den Verzweifelnden dieses irdischen Lebens füllte – immer eine Stufe unseliger als die andere , wobei er ohne Bedenken in die unterste dunkelste Kluft die Blinden versetzte . Mit grausamem Genusse malte er , vor sich hin singend , diesen Ort aus . Wie sich Blinde Blinden als Führer anboten und mit ihnen in den Abgrund stürzten ! Blinde Jünglinge rochen Rosenduft , aber wenn sie die Hände zum Pflücken ausstreckten , stolperten sie über Totengerippe . Er sang die Terzinen reimlos , oder wie sie der Zufall reimte . Nun dachte er offenbar an seinen Bruder Ferrante , den er in einer höher gelegenen Kluft unter den fruchtlos Ehrgeizigen erblickte : » Du willst , o Bruder , nach der Krone greifen ! Doch reckst du in die Höhe dich vergebens ! Doch wehren die Dämonen dir den Reifen ! O harte Qual des bodenlosen Schwebens ! – Ich aber bin ein König ... und entthront ... In Wahrheit war ich König dieses Lebens ! Ich hatte Götteraugen , war gewohnt Zu herrschen – was sie sahen , war mein eigen . Doch weh , der Mörder hat mich nicht verschont ... Ich bin geblendet ! Elend ohnegleichen ! « » Don Giulio « , sagte dicht neben ihm eine weiche Stimme , » es gibt einen noch tieferen Abgrund des Elends – es gibt Unseligere als du bist ! Das sind die , welche die Wonne ihres Lebens unbedacht und ungewollt selber auf ewig vernichten ! « Und er hörte gewaltsam schluchzen und spürte einen warmen Hauch und einen Schauer von Tränen , die auf seine Hände fielen . Träumte oder wachte er ? Er streckte bebend seine Hände aus und ergriff zwei andere , die in den seinigen zitterten . » Wer bist du ? « sagte er . » Wer darf sich noch unglücklicher nennen als der verstoßene Blinde ? « Und die Stimme : » Ich bin Angela Borgia , die deine Augen über alles liebte und sie zerstörte , dadurch daß sie einem Bösen ihre Schönheit lobte . « Er ließ ihre Hände fahren und sprang erbleichend auf , wie wenn er fliehen wollte , stieß sich aber an der Ecke der Steinbank und schwankte . Mit einem Strome von Tränen stürzte sie vor ihm nieder und umschlang und stützte seine Knie : » Es ist unmöglich , daß du mir verzeihst ! ... O könnte ich dir meine eigenen Augen geben , ich risse sie mir aus dem Haupte ! ... Aber , was ich dir nahm , kann ich nie dir ersehen ! ... Wo ist meine Sühne ? Wie soll ich büßen ? « » Arme Angela « , sagte er sanft , indem er sich von ihr zu lösen suchte , » geschehen ist geschehen ! Deine Schuld verstehe ich nicht – aber ich sehe , daß auch du in das Tal des Unglücks verstoßen bist . Zweimal wehe über ihn , der uns beide gemordet hat ! ... Dich und mich ! ... Sühnen kannst du nicht ! Meine Augen kannst du nicht neu schaffen ! Laß mich allein ! Gehe und vergiß ! « Dann wandte er sich und ging . Nicht einmal zu stützen wagte sie ihn , kaum mit den Augen zu begleiten . Er schien ruhig , aber seine Schritte schwankten . Der Alte bei der Barke sah es , eilte ihm besorgt entge gen , setzte ihn über und geleitete ihn mit den andern Dienern wie ein krankes Kind in sein Schloß . Dort warf er sich im kühlen Saale auf sein Lager und brach in wilde Tränen aus . So war es denn Wahrheit , was er für eine schauerliche Verzierung und phantastische Lüge Don Ferrantes gehalten , sooft ihm der Bruder die Ereignisse jenes Abends im Boskette des gefesselten Amors erzählte ! ... Der Kardinal hatte das Lob Angelas an ihm gerächt ! Aber wo war die Schuld , die das Mädchen erdrückte ? Mit teuflischer Bosheit hatte er ihr das verderbliche Wort aus dem Munde gezwungen , und hätte sie feige geschwiegen und ihn beschimpfen lassen , der Arge hätte bald eine andere Gelegenheit gefunden , die spröde Kälte des Mädchens an ihm , dem völlig Unbeteiligten , den der Zurückgewiesene bevorzugt glaubte , satanisch zu rächen . Und auch sie hatte der Ruchlose tödlich getroffen ! Ein rasender Zorn gegen den Schuldigen und nicht minder gegen den die Missetat ungestraft lassenden kaltherzigen Fürsten bemächtigte sich Don Giulios , kochte in seiner Brust und brauste durch seine Adern . Er lechzte nach dem Untergange beider ! Er sprang vom Lager auf , riß ein Blatt aus seinem Taschenbuch und schrieb an Don Ferrante mit zornigen , mißgestalteten , durcheinanderspringenden Buchstaben , er stelle zum Morde des Herzogs und des Kardinals sich an seine Seite . Der berittene Bote war von dannen geeilt , bevor Don Giulios Blut sich beruhigte und er erwägen konnte , was er getan . In der nächsten Frühe erschien in Pratello der Oberrichter Strozzi mit bewaffnetem Gefolge und verhaftete den Este . » Ei , schön ! Dein erster Besuch , mein Freund , nach meinem Unglück ! « rief ihm der Blinde bei seinem Eintritt höhnisch entgegen . » Es war mir vom Herzog untersagt « , versehe dieser in richterlichem Tone . » Vom Herzog untersagt ? ... Hat dir der Herzog nicht auch untersagt , Schatz , mit seinem Weibe täglich und