Nu , das heißt , er kennt mich nicht ; aber er hat mir trotzdem einen Freundschaftsdienst geleistet ... Hat er nicht vor Gericht ausgesagt , daß er damals , als das Geld in der Pfarre ge ... geholt worden ist , niemand aus dem Hause habe kommen sehen ? « » Ja , das hat er beschworen . « » Aber ins Henkers Namen , was muß denn der Kerl dabei gehabt haben , so zu lügen ? ... Ich habe ihn ja beim Herausspringen über den Haufen gerannt , daß ihm alle Rippen krachten ! « » Er ist der Schulmeisterin ihr ärgster Feind . Als er noch jung war , hat er um sie gefreit – sie hat ihn aber nicht gewollt . « » Ach , nun begreife ich ' s – er soll gesegnet sein für seine Bosheit . « Der Tischlergesell nahm seine Brieftasche wieder hervor und steckte sie in den Sack , den er sorgfältig wieder zuband . » Rike hat mir versprochen , auch hierher in die Mühle zu kommen « , sagte er , » sie soll das Geld und alles andere an sich nehmen , denn bei mir ist ' s , wie gesagt , nicht mehr sicher ... Wir haben auch noch viel miteinander zu sprechen , und das können wir hier am ungestörtesten ... Aber ich begreife gar nicht , wo sie bleibt ... Ich will ihr lieber ein Stück Weges entgegengehen ... Du willst doch nicht gern mit mir gesehen sein , gelt , Mutter ? « fragte er spöttisch . » Da gehe voraus , denn ich muß auch auf die Ringelshäuser Chaussee , wenn ich Rike begegnen will . « Mamsell Dore entfernte sich eiligst – Mutter und Sohn trennten sich , als kämen sie morgen wieder zusammen , während es doch einen Abschied fürs Leben galt . In welchen Zustand das Anhören dieses Gespräches Marie versetzt hatte , das läßt sich nicht beschreiben . Sie kniete am Boden und hob ihr tränenüberströmtes Gesicht dankend zum Himmel . Diese Entdeckung änderte alles , alles ... Sie blickte in eine sonnenbeglänzte Zukunft , die ihr noch vor wenig Augenblicken rauh und unwegsam erschienen war . Leise bog sie sich vor und blickte wieder gespannt in die Stube . Der Tischlergesell war allein . Er hob einige Kacheln aus dem riesigen Ofen , steckte den Sack in das Loch , das er sorgfältig wieder verschloß , und ging dann seiner Wege . Marie erhob sich und horchte auf seine verhallenden Tritte . Von ihrem Platz aus konnte sie durch das gegenüberliegende Stubenfenster den hellbeleuchteten Hofraum übersehen . Der Tischlergesell durcheilte denselben und verschwand hinter der Mauer . Nun galt es zu handeln . Furchtlos stieg sie durch das Fenster , dessen Rahmen sich leicht eindrücken ließ , in die Stube und bemächtigte sich des Sackes . Ihren Korb , der ihr beschwerlich wurde , warf sie in eine dunkle Ecke und eilte durch das Seitenpförtchen aus dem Hause . Jetzt erst dachte sie an die entsetzliche Gefahr , in der sie geschwebt hatte ... Wenn der Verbrecher umgekehrt wäre , oder wenn er schon draußen vor dem Tore das erwartete Weib getroffen und beide Marie bei ihrer Tat überrascht hätten ... Es rieselte kalt über ihren Rücken – in der Gewalt zweier so verworfener Menschen sich denken zu müssen . – Hu ! ... Und noch war ja die Gefahr nicht vorüber . Sie beschloß deshalb , auf dem Weg nach der Chaussee zurückzukehren , den sie gekommen war . Da durfte sie keine Begegnung fürchten – denn der schreckliche Mensch war ja nach Ringelshausen zu gegangen . Anfänglich lief sie wie rasend , aber sie mußte bald nachlassen , denn der Sack war ungemein schwer . Sie ließ ihn auf den Boden nieder und versuchte ihn zu öffnen – sie bedurfte ja eigentlich nur der Brieftasche ; aber es war ein Ding der Unmöglichkeit für ihre schwachen Finger , den fest geschürzten Knoten zu lösen . Ein Messer hatte sie nicht bei sich , und so war sie gezwungen , mit ihrer Last geduldig weiterzugehen . Aber welche Angst packte sie nun ! ... Wie leicht war es möglich , daß die beiden jetzt schon nach der Mühle zurückkehrten . Hier unten , wo sie schritt , lag ziemlich viel Schnee – die Fußtritte mußten ihren Weg verraten ... Sie hätte fliegen mögen und kam nur Schritt um Schritt langsam und keuchend vorwärts ... Es war ihr , als müsse sich die gewichtige Hand des Tischlergesellen jeden Augenblick auf ihre Schulter legen und sie von rückwärts packen , oder als tauche seitwärts das gemeine , höhnisch grinsende Gesicht der ihr wohlbekannten Meisels Rike auf ... Das Blut schoß siedend durch ihre Adern und klopfte in den Schläfen – sie glaubte umsinken zu müssen vor Angst und Erschöpfung . Endlich erreichte sie die Chaussee ; aber nun war es auch mit ihrer Kraft aus . Ihre Knie zitterten , und sie mußte sich an der Barriere halten . Trostlos überblickte sie die menschenleere Straße , und furchtsam wandte sie dann und wann den Kopf und schaute angestrengt hinunter nach dem Weg , den sie gekommen war . Ach Gott , da ... nein , sie täuschte sich – und doch , ja , ganz gewiß , sie hörte deutlich Wagengerassel – es kam von der Stadt her – , es näherte sich pfeilgeschwind , und bald sauste ein Einspänner die Anhöhe herab . » Joseph , Joseph , um Gottes willen , halt ! « schrie Marie wie außer sich . Er war ' s. Sie hatte ihn von weitem erkannt . Mit einem Satze sprang er vom Wagen und stand neben ihr , seine Arme um die wankende Gestalt legend . » Hab ' ich dich doch endlich eingeholt ? « jauchzte er , aber er verstummte plötzlich , als er in ihr bleiches , angstentstelltes Gesicht blickte . » Wie siehst du denn aus ,