Teichwasser eines deutschen Thales . Tiefatmend und durchrieselt von jenen Schauern des Bangens , welche uns in fremder Einsamkeit so leicht überkommen und die uns gleichwohl unwiderstehlich vorwärts treiben , umschritt Liane langsam den Teich . Sie ahnte aber nicht , daß ihre dahinschwebende Gestalt im weiß nachfließenden Gewande , mit dem schöngetragenen Haupte , über dessen Stirn das schwellende Haar flimmerte , wie ein Diadem von tiefdunklem Golde , diese Landschaft voll fremdartiger Gebilde zauberhaft belebte – sie ahnte auch nicht , daß sich vorhin beim Knarren der Gitterthür der vermeintliche Schatten vom Pfeiler gelöst hatte und ihr geräuschlos , aber so konsequent folgte , als gehe von den über den Rücken herabsinkenden , im Mondlichte fast phosphoriszierenden Flechten ein magnetischer Strom aus , dem er folgen müsse . Die weißen Wände eines niedrigen Hauses tauchten auf . Ein breiter Sandweg umlief das kleine Mauerviereck , und doch lag es wie eingebettet in Rosengebüsch , oder vielmehr in Rosenblüten – zu Tausenden dufteten sie auf hochstämmigen Kronen und niedrigem Busche , selbst drunten in den Weg herein rankten noch einzelne Zweige der Theerose – schwer , wie mondscheintrunken lagen die bleichen Kelche auf dem harten Gerölle . Man hätte meinen können , jeder stärkere Windhauch müsse das wunderliche Haus zerblasen , so leicht und zierlich stand es da mit seinen Hohlziegeln von Rohr auf dem Dache und den Pfählen aus Bambus , welche die Veranda trugen . Es hatte große Fenster , aber geschnitzte Holzgitter lagen vor dem Glase . Zögernd trat die junge Frau auf die niedrige Verandastufe ; der Fußboden war belegt mit Matten von Palmenried , so kühl , glatt und glänzend , wie sie nur der heiße Fuß des Indiers ersehnen mag . Hinter dem Holzgitter brannte Licht ; es entströmte einer an der Zimmerdecke hängenden Lampe ; der niedergelassene Fensterbehang von steifem , buntem Flechtwerke staute sich seitwärts , da wo das verschlungene Gitterwerk einen herzförmigen Ausschnitt bildete – durch diese Oeffnung konnte Liane einen größeren Teil des Inneren überblicken . An der Hinterwand des Zimmers stand eine Bettstelle von Rohr ; auf schneeweißen Decken lag eine Gestalt hingestreckt – war dieses außerordentlich zarte Geschöpf , das eben sein Gesicht in das Kissen einwühlte , Weib oder Kind ? Weiche , weiße Mousselinfalten flossen um den hingeschmiegten Leib bis auf die Füße , die nackt , wunderklein , aber auch blutlos wächsern dort ruhten . Ein bis an die Schulter entblößter , schlanker und magerer Arm , wie er kaum dem unentwickelten dreizehnjährigen Mädchen eigen , legte sich in eigentümlicher Schwere die Hüfte entlang – breite funkelnde Goldreifen umschlossen das Handgelenk und den Oberarm ; sie machten den peinlichen Eindruck , als müßten sie dieses weiße , ätherzarte Fleisch wundreiben ... Die große , robuste Frau aber , die , einen Silberlöffel in der Hand , neben dem Bett stand und ihre rauhe Stimme zu sanft bittenden Tönen zwang , kannte Liane bereits . Sie war ihr heute nach der Trauung als Frau Löhn , die Beschließerin , vorgestellt worden . Der Löffel , den die Frau vorsichtig von ihrer breiten , glänzend sauberen Schürze fernhielt , war offenbar mit Medizin gefüllt und ein Gegenstand des Abscheues für das auf dem Bett liegende Wesen . Alles Zureden , das sanfte Streicheln mit der kräftigen freien Rechten über das tiefeingewühlte Köpfchen verfing nicht . » Ich kann dir nicht helfen , Gabriel , « sagte Frau Löhn endlich nach der Zimmerseite hin , welche die junge Frau nicht übersehen konnte , » du mußt ihr den Kopf halten ... Sie muß schlafen , Kind , um jeden Preis schlafen . « Der bleiche Knabe , Leos Sündenbock , trat in den Lichtkreis der Hängelampe . Behutsam versuchte er , seine Hand zwischen das Kissen und das Gesicht der dort Liegenden zu schieben . Unter dieser Berührung fuhr ihr Kopf jäh , wie entsetzt , empor und zeigte ein schmales , verzehrtes , und dennoch schönes Frauenantlitz . – Liane erschrak bis ins Herz vor dem sprechenden Blick aus übergroßen Augen , der so zärtlich vorwurfsvoll und in Todesangst flehend zu dem Knaben aufsah . Er wich zurück und ließ die Hände sinken . » Nein , nein , ich thue dir nichts ! « sagte er tröstend , und seine sanfte Stimme brach in Jammer und Mitleid . » Es geht nicht , Frau Löhn – ich thue ihr ja weh ! ... Ich will sie lieber einsingen . « » Da kannst du bis morgen früh singen , Kind , « versetzte die Frau . » Wenn es so schlimm ist , wie heute , da verfängt das nicht – du weißt ' s ja . « Sie zuckte ratlos die Achseln , hatte aber nicht den Mut , weiter in Gabriel zu dringe . Was für ein weiches Herz schlug in der vierschrötigen Frauengestalt mit den groben scharfkantigen Gesichtszügen , die heute so barsch und unzugänglich ernsthaft der neuen Herrin bei der Vorstellung gegenüber gestanden hatte ! Liane drückte die Thür auf , die zwischen den zwei Fenstern in das Zimmer führte , und trat ein . Die Beschließerin stieß einen Schreckensruf aus und hätte fast den Inhalt des Löffels verschüttet . » Halten Sie die Kranke ! « sagte die junge Frau , » ich werde ihr die Medizin geben . « Der plötzliche Eintritt der weißen , schlanken Gestalt mit der vornehm gelassenen Gebärde mochte förmlich lähmend auf die kranke Frau wirken – sie rührte sich nicht und sah nur groß und starr in das liebliche junge Gesicht , das sich über sie beugte – ohne jeglichen Widerstand ließ sie sich das Schlafmittel einflößen . » Sieh , nun ist ' s geschehen , mein Junge , « sagte Liane und legte den Löffel auf den Tisch . » Es ist ihr kein Schmerz zugefügt worden , und sie wird schlafen . « – Sie strich sanft über Gabriels dunklen Scheitel . – » Du hast sie wohl sehr lieb ?