ihrer Herzensangst selbstvergessen bis an die äußerste Grenze des Grundstückes gewagt , jetzt freilich rannte sie beim Erblicken der hohen , fremden Männergestalt , mit fliegenden Röcken und das Schaltuch schleunigst über den Kopf geworfen , nach dem Hause zurück . Noch vor wenigen Tagen würde Herr von Gerold an dem Neuhäuser fremd und unberührt von irgend einem verwandtschaftlichen Gefühl vorübergegangen sein , gestern aber hatte Baron Lothar seiner Schwester einen ritterlichen Dienst geleistet und heute trug er ihm sein vermißtes Kind entgegen . Er eilte deshalb mit dem Ausdruck warmen Dankes auf ihn zu , und nach einigen erklärenden Worten von seiten Klaudines schüttelten sich die beiden Männer herzlich die Hände . Und Baron Lothar machte durchaus keine Anstalten , das Pferd wieder zu besteigen und seines Weges zu reiten , nachdem Herr von Gerold ihm die Kleine abgenommen . Er schritt im Gespräch zwischen den Geschwistern weiter und weiter bis zur Gartentür , und da nahm er Herrn von Gerolds Einladung , näher zu treten und sich den interessanten Wachsfund anzusehen , ohne Zögern , als ganz selbstverständlich an . Klaudine eilte den anderen voraus nach dem Hause . Auf der Türschwelle wandte sie sich noch einmal zurück , sie mußte lächeln . Baron Lothar hatte von König Drosselbart und Aschenbrödel gesprochen und war sie nicht in der Tat wie im Märchen , die heutige Wandlung ? Dort schritt er in schlichtem Rock und führte sein Pferd an Heinemanns für den Handel gezogenen Blumen hin , ängstlich darauf achtend , daß die Hufe keines der nutzbringenden Blütenblättchen berührten , er , dessen ritterliche Gestalt sie bei Hofe zuletzt von einem Glanz umflossen gesehen , wie er nur selten einem Sterblichen zuteil wird – und sie , das damalige sogenannte Hätschelkind der Herzoginmutter , das gleichsam wie auf Samt gegangen war und von keinem rauhen Lüftchen angeweht werden durfte , sie eilte jetzt die dunklen , ausgetretenen Steinstufen hinab , um einige der wenigen Flaschen Wein , die noch von der Großmama her im Kellerwinkel lagen , für ihn heraufzuholen . Er führte sein Pferd in eine kühle , schattige Ecke der Kirchenruine und band es an einen starken Holunderbaum . Dann betrat er das Haus . In den Wachskeller warf er nur einen flüchtigen Blick , man sah , die prosaische Hinterlassenschaft der Nonnen war es nicht , was ihm das Eulenhaus plötzlich in einem interessanten Lichte zeigte . Klaudine stellte ein Tischchen mit Flasche und Gläsern und einem frischen Blumenstrauß draußen neben die Glastür , die aus dem Wohnzimmer ins Freie führte . Da stand , hart an der Mauer des Zwischenbaues , der letzte Ausläufer einer ehemaligen Allee , eine uralte Steinlinde mit nahezu abgestorbener Krone . Der einzige Ast , in dem noch der Saft flutete , reckte sich über das Geländer herein , er aber strotzte von jungem , kräftigem Laub und bildete mit einem ausgespannten schmalen Zeltdach eine schattige Ecke . Man sah von da aus zwei schlanke , einsam in die Lüfte ragende Pfeiler , die letzten der herrlichen , die einst das Mittelschiff der Kirche getragen , und hinter ihnen wölbte sich ein scheibenloses Spitzbogenfenster in der östlichen Seitenmauer . Duch die anderen Fenster zwängte der im Lauf der Jahre dicht an das Gemäuer herangerückte Wald sein Geäst , und von seinem Boden herauf kroch luftiges Geranke . Die Pfeiler und der Fensterbogen dagegen umfaßten ein schmales , umdunkeltes Stück Waldwiese draußen , ein stilles , grünes Eiland , über welches das Wild sorglos hinwandelte . Mit verschränkten Armen trat Baron Lothar an das Geländer und sah in die reizvolle Aussicht hinein . » Auch deutscher Wald ist schön « , sagte Herr von Gerold , der Vielgereiste , mit seiner milden , weichen Stimme neben ihm . » Was ? « fuhr der Angeredete herum . » Auch ? Ich sage , nur deutscher Wald ist schön ! Was frage ich nach Palmen und Pinien , was nach der weichen Südluft , die mein Gesicht widerwärtig umschmeichelt , wie die Liebkosung einer ungewünschten Hand ! Ich habe mich krank gesehnt nach dem Thüringer Wald und seiner herben Luft , nach seinem tiefen Schatten und feuchten Gestrüpp , das sich trotzig gegen den Jäger wehrt – krank gesehnt nach dem Wintersturm , der feindlich durch die Äste fährt , der mich hart anfaßt und meine Kraft herausfordert . Nein , und ich gestehe , selbst auf die Gefahr hin , daß ich mich damit zum Barbaren , zum deutschen Bären stemple , auch die Kunstschätze konnten mir mein Herzweh nicht überwinden helfen , denn ich verstehe sie nicht , verstehe sie so wenig , wie die meisten der alljährlichen großen Völkerwanderung nach dem Süden , wenn sie auch verzückt tun und sich vor lauter Begeisterung nicht zu lassen wissen . « Herr von Gerald lachte belustigt auf , Klaudine aber , die eben den Wein in die Gläßer goß , sagte mit einem Blick auf den am Geländer Stehenden : » Von der Musik verstehen Sie desto mehr . « » Wer sagt Ihnen das ? « fragte er stirnrunzelnd . Er trat an den Tisch . » Meines Wissens habe ich mein Licht nie bei Hofe leuchten lassen . Haben Sie mich je in Gegenwart der Hofgesellschaft eine Klaviertaste berühren sehen ? Aber sehen Sie « , wandte er sich zu Herrn von Gerold , » weil ein dumpfes Gerücht umgeht , daß ich im stillen Kämmerlein meinen Göttern Bach und Beethoven opfere , so sucht man mich an dieser schwachen Stelle zu binden , nicht um meinetwillen – Gott behüte ! Wäre mein Töchterchen nicht , so könnte ich getrost unter den Botokuden oder irgendwo leben , sie würden mich nicht holen , aber das Kind wollen sie in der Residenz haben , und deshalb mödite mich die Gnade Seiner Hoheit zum – Hoftheaterintendanten machen . « Er lachte gezwungen auf . » Eine kostbare Idee ! Ich soll die Drähte der Scheinwelt von Brettern und Pappe in die