Seele , und in dem Moment , wo sich ihr einige milde , versöhnliche Worte auf die Lippen drängen wollten , fiel ihr Blick auf einen glitzernden Gegenstand , der drunten durch das Gebüsch schimmerte : es war das Turmfenster . Der Gedanke an die zwei weinenden Augen hinter den seidenen Gardinen drang wie ein Dolchstich durch ihr aufwallendes Herz und gab ihr sofort die Besonnenheit und Kraft zurück , den Anschein völliger Ruhe und Kälte festzuhalten . „ Sie finden natürlich die Unbeugsamkeit und Härte der alten Frau vollkommen gerechtfertigt ? “ fragte er , plötzlich wieder vor dem jungen Mädchen stehen bleibend . „ Ich verdenke es ihr wenigstens nicht , wenn sie sich gegen einen Verkehr sträubt , der ihr nicht wünschenswert ist . “ „ Sie würden mithin ebenso handeln , auch wenn Sie damit ein menschliches Herz auf den Tod verwunden sollten ? … Wo bleibt da die christliche Liebe ? “ „ Nun , ich denke , ein wenig Willensfreiheit müsse uns auch diesem Gebot gegenüber verbleiben . “ „ Und kraft dieser Freiheit haben Sie beschlossen , mich meinem Schicksal zu überlassen ? “ „ Ich kann nichts für Sie tun . “ „ Ist das Ihr letztes Wort ? “ „ Mein letztes ! “ rief sie zurück , denn sie war bereits einige Schritte den Berg hinabgeeilt . Drunten aus dem Gebüsch tauchte Sauer ’ s grauer Kopf auf ; der alte Diener machte die Meldung , daß eine junge Dame aus Lilli ’ s Bekanntenkreise im Hause warte . Sie folgte ihm tiefaufatmend , fand aber nicht den Muth , noch einmal dort hinaufzublicken , von wo die letzte Frage schneidend wie ein Weheruf herabgeklungen war . [ 481 ] Am andern Morgen saß Lilli neben Tante Bärbchen in der Frühstückslaube . Das junge Mädchen hatte den Schooß voll Myrthenzweige , die sich allmählich unter ihren Händen zu einer Brautkrone ineinanderschlangen . Nachmittags sollte die Trauung einer ihrer Freundinnen stattfinden und Lilli hatte als Brautjungfer die Sorge für den bräutlichen Kopfschmuck übernommen . Wie bleich und müde neigte sich ihr Gesicht über den vielverheißenden Kranz , auf dessen zarten Blättern die meisten Mädchenaugen endlose Weissagungen künftigen Glückes zu lesen pflegen ! Der ganze gestrige Tag und die schlaflose Nacht waren Lilli wie ein Traum vergangen , aber es war einer jener Träume , die uns unablässig durch einen Kreislauf marternder Gedanken und Gebilde jagen und die wir frohlockend abschütteln , wenn uns das süße Morgenlicht in die beruhigende Wirklichkeit zurückführt . Hier gab es jedoch kein Erwachen ; das Leben und Geräusch des Tages scholl herein in den stillen Garten , und durch das Gezweig der Laube sinkend irrte ein heller Sonnenstrahl über die Stirn des jungen Mädchens … Welch ’ ein Chaos widerstreitender Empfindungen hatte das Begegniß mit dem Blaubart in ihr hervorgerufen ! Wie sie auch rang und sich und ihre eigene Schwäche und Charakterlosigkeit verspottete , das Gefühl eines unsäglichen Mitleidens ließ sich nicht unterdrücken . Sie fand es vollkommen unwürdig , dem Bild eines Mannes , dessen Haus ein so zweideutiges Geheimniß umschloß , auch nur für einen Augenblick Raum zu geben , und doch fühlte sie fort und fort seinen düster traurigen Blick auf sich ruhen , und ihr Gedächtniß wiederholte mit peinlicher Genauigkeit Alles , was er gesagt hatte ; das aber war edel und außergewöhnlich gewesen und konnte aus keiner lasterhaften Seele kommen … Sie schämte sich vor der Tante , und – seltsam – gleichwohl stieg ein nie empfundenes Gefühl von Bitterkeit gegen die mütterliche Freundin in ihr auf ; es kamen Momente , in denen sie die alte Dame des blinden Hasses anklagte , der auch sie verleitet habe zu so rauhen , zurückweisenden Antworten . Diese Antworten brannten ihr auf der Seele , ja , sie meinte bisweilen , ein böser Dämon habe sie ihr eingeflüstert . Gedachte sie aber plötzlich jenes Abends , an welchem sie den Blaubart mit der Unbekannten zusammen gesehen hatte , dann überkam sie selbst wieder ein Gefühl von Grausamkeit , dann rief sie sich prüfend und mit unbeschreiblicher Genugtuung jedes herbe Wort zurück , ob es auch ihren Mädchenstolz , ihre Unnahbarkeit gehörig an den Tag gelegt habe . Wer vermöchte alle die Regungen eines jungen Mädchenherzens zu verfolgen , das neben dem urplötzlich aufleuchtenden Strahl einer wunderbaren Seligkeit den unerbittlichen Schatten völliger Hoffnungslosigkeit erblickt ? Die Hofrätin hatte längst die Brille zusammengeklappt und auf das vor ihr ruhende , aufgeschlagene Buch gelegt ; ihr Blick haftete eine Weile forschend und befremdet auf dem Gesicht des in trübes Sinnen völlig verlorenen jungen Mädchens . „ Na , Kind , “ unterbrach sie endlich die lautlose Stille in der Laube , „ wer ’ s nicht wüßte , daß Du da einen Brautkranz bindest , der müßte d ’ rauf schwören , es sei ein Andenken für den Gottesacker ! … Wie siehst Du denn aus ? Ein schönes Hochzeitsgesicht das ! “ Lilli war bei den ersten Worten jäh emporgefahren , und die von der Hofrätin auf Lippen und Wangen vermißte Farbe kehrte für einen Moment hochaufglühend zurück „ Ich habe freilich auch so meine eigenen trüben Gedanken gerade bei dem Kranz da , “ fuhr Tante Bärbchen fort , als die Angeredete schwieg ; „ ist er doch erzwungen und ertrotzt worden von den Eltern , die nun einmal die Wahl ihrer Tochter für eine unglückliche halten . Das hat böse , böse Auftritte gegeben in dem Hause ! … Ich weiß nicht , zu meiner Zeit war das ganz anders ; da hatte man mehr Respect vor der Einsicht der Eltern und , ich meine auch , man liebte sie mit mehr Aufopferung . “ Ihre großen , grellen Augen verschleierten sich und schweiften achtlos über den Garten hinweg weit , weit hinaus in die Ferne , aber nicht in das sonnige Blau , dessen äußerster Saum in einem zart rosigen Duft zerschmolz , in die längst versunkene Jugend irrten sie zurück