„ Ach , Ernestinchen , Du kommst noch so spät zu Deinem Onkel ? “ sagte er freundlich . „ Onkel , was ist das ? “ fragte Ernestine , aus Ver ­ wunderung über das seltsame Gerät ihren Auftrag ver ­ gessend . „ Das ist ein Fernrohr “ , belehrte sie Leuthold . „ Was machst Du damit ? “ fragte sie weiter . „ Ich schaue in den Mond , mein Kind . “ „ Ach , kann man das ? “ rief sie im höchsten Erstaunen , „ Gewiß kann man es ! Willst Du auch einmal durch ­ sehen ? “ „ Ach ja , wenn ich das dürfte ! “ flüsterte Ernestine entzückt über dies Anerbieten . Leuthold hob sie freundlich auf das Gesims des Fensters und stellte ihr das Fernrohr ein . Sie erschrak fast , als sie plötzlich den leuchtenden Mondball so nahe vor sich hatte , den sie stets so hoch am Firmament schweben gesehen . Ihre Brust weitete sich , um das niegeahnte Wunder in sich aufzunehmen . Sie schaute und schaute und spähte atemlos vor Wißbegierde nach allen den Bergen und Tälern und Kratern , die so zauberhaft vor ihr erstanden . Die laue Nachtluft umfächelte milde ihre brennende Stirn . Alles um sie her war versunken und vergessen — und mit heißer Sehnsucht schlug das müde , gequälte Kinderherz dem stillen Frieden jener neuen fernen Welt entgegen . Drittes Kapitel . Sühne . Der Tag begann langsam zu grauen , denn ein trübes schweres Gewölk vertrat die Rechte der scheidenden Nacht . Einzelne große Regentropfen fielen nieder , es war ein unlustiger Morgen . Kein Hahn krähte , kein Vogel rührte sich . Der Hund lag tief in seiner Hütte versteckt . Dann und wann schlich ein früher Arbeiter , sein Gerät auf der Schulter , an dem Zaun von Hartwichs Gehöft vorbei und schaute verwundert hinein , denn auf dem Hofe und im Hause war ein seltsames reges Leben . Türen wurden auf- und zugeschlagen , Mägde mit schlaf ­ trunkenen verstörten Gesichtern liefen hin und wieder ; am Brunnen wurde eilig Wasser geholt , Keines gab dem Andern Rede noch Antwort . Es war , als scheue sich Jeder , über das Geschehene zu sprechen . Ein Knecht zog ein gesatteltes Pferd aus dem Stalle , bestieg es und jagte im Feuerreiterstrabe hinaus der Richtung zu , wo das Gut der Staatsrätin lag . „ Brennt ’ s denn irgend ­ wo ? “ schrieen ihm ein paar Bauern nach , aber er ant ­ wortete nicht . Stumm trabte er über Felder und Wiesen , ohne Halt zu machen , bis er vor dem Gartentor der Staatsrätin stand . Er riß ein paar Minuten lang an der Glocke , bis ein verschlafener Diener kam , der ihn mürrisch fragte , was er wolle . „ Wecken Sie schnell den Geheimrat Heim , der hier zum Besuch sein soll . Der Dorfchirurg schickt mich , es handelt sich um ein Menschenleben ! “ Der Diener riß die Augen weit auf und starrte den Knecht fragend an . „ Ja , ja , nur schnell , schnell ! Der Hartwich hat sein Kind erschlagen , wir glauben , es stirbt . Der Geheim ­ rat soll helfen , meint der Barbier . “ „ Um Gotteswillen , das ist ja schrecklich ! “ rief der Diener entsetzt und ging , den alten Herrn zu wecken . Dieser war rasch auf ; ohne ein Wort zu verlieren , kleidete er sich an , schwang sich rüstig auf das Pferd des Knechtes und sprengte dem Unglücksorte zu . Unter der Tür des Hauses stand , ihn erwartend , der sogenannte Dorfchirurg und empfing ihn ehrfurchts ­ voll . „ Herr Geheimrat , ich bitte sehr um Entschuldigung — aber da ich wußte , daß Sie in der Nähe sind , hielt ich es für meine Pflicht , zuerst um Ihre Hilfe zu bitten , bevor ich zu dem drei Stunden weit wohnenden Kreisphysikus schickte . Der Fall scheint mir ein schwerer . “ „ Entschuldigen Sie sich nicht “ , sagte Heim , Hut und Überrock in der Hausflur ablegend . „ Es ist ja meine Pflicht zu helfen , wo ich kann , — aber wie ging denn das ums Himmelswillen zu ? Wo ist das Kind verletzt ? “ „ Sie hat eine Kopfwunde und ich fürchte — einen Sprung im Schädel “ , erwiderte der Barbier und öffnete die Tür der Stube , welche in Hartwichs Zimmer führte . Der Geheimrat hörte schon draußen heftiges Schluchzen . Er trat ein und vor ihm lag der Kranke , wie ein Wahn ­ sinniger wehklagend und wimmernd , auf seiner Bettdecke das Kind leichenähnlich , starr ausgestreckt ; die Augen waren geschlossen und tief in ihre großen Höhlen ein ­ gesunken , die bleichen Lippen hingen schlaff über den Zähnen , es war ein trauriger Anblick . Hartwich hielt mit dem rechten ungelähmten Arm ihren verbundenen Kopf empor und drückte , laut weinend , Kuß um Kuß auf die weiße Stirn . „ Ach , Herr Geheimrat ! “ schrie er dem Eintretenden entgegen . „ Kommen Sie , helfen Sie ! Ich bin ein schlechter , ein niederträchtiger Vater , ich habe mein Kind umgebracht . Ich bin ein Mensch , der sich mit dem scheußlichsten Laster , dem Trunke — noch entschuldigen muß . Zeigen Sie mich an und schicken Sie mich lahmen Krüppel ins Zuchthaus , meinetwegen , aber machen Sie nur das arme Kind wieder lebendig , sonst bringen mich die Gewissensbisse um den Verstand ! “ Der Geheimrat ergriff die herabhängende Hand des Kindes und untersuchte den Puls . „ Es ist sehr zu bedauern , daß sich Ihr Gewissen nicht schon vor der Tat regte , wie es nach der Tat geschieht ! “ sagte er kalt und streng , dann nahm er den Verband von dem Kopfe der Kleinen . „