einzieht ! « Sie drückte ihm die Hand und ging . Auch er ging in sein Zimmer . Auf dem runden Sofatisch brannte die Lampe , und dort lag ein 88 Schreiben . Ach richtig , der verloren gewesene Brief ! Er ergriff ihn in halber Zerstreuung . Es war Wolffs Hand . Er legte das Schreiben wieder hin , was konnte der wollen ? Irgend etwas Geschäftliches . Sollte er sich die seligste Stunde verderben mit einer unangenehmen , vielleicht einer Sorgennachricht ? Mochte der Brief doch warten bis – Aber schon hatte er ihn wieder zur Hand genommen und öffnete das Kuvert . Ein langes Schreiben fiel ihm entgegen , und beim Lesen biß er die Lippen aufeinander . » Erbärmlicher Kerl « , sagte er endlich laut , » gut , daß der Brief nicht früher in meine Hände kam . Es wäre nicht so , wie es jetzt ist . « Und als ekele ihn vor der Berührung des Papieres , warf er es mit spitzigen Fingern in den nächsten Kasten seines Schreibtisches . » Schmutzige Seelen , die mit dem Heiligsten Schacher treiben ! « Noch lange saß er still in tiefen Gedanken , und zwischen seinen Brauen stand eine düstere Falte . Dann schrieb er einen langen Brief an seinen Freund , den Kreisrichter , und mählich erhellten sich seine Züge wieder . Er erzählte darin von Trudchen . » Guten Tag , Onkel Heinrich ! « sagte Trudchen , die im Erker am Nähtischchen saß , und sie erhob sich und ging auf den kleinen , starken Herrn zu , der eben bei ihr eintrat . 89 » Es ist ein wahres Glück , daß wenigstens eine von euch zu Hause ist « , erwiderte er und putzte , nach einem kräftigen Schütteln von Trudchens Händen , seine Brille mit dem roten Schnupftuche . » Ob wohl von dem Weiberzeug einmal jemand daheim bleiben kann außer dir ! Frau Jenny macht Besuche , Frau Ottilie sind im Kaffee – man sieht ' s , hier fehlt eine kräftige Faust , die den Zügel hält . « Trudchen lächelte . » Onkel , schilt nicht und setze dich « , bat sie . » Mir kommst du sehr recht , ich hatte schon ein kleines Billett an dich geschrieben , darin ich dich um eine Unterredung bitten wollte . Ich brauche deinen Rat . « » Oh ! Aber nicht gleich , Kind , nicht gleich ! Ich komme eben vom Tische « , wehrte er ab , » und nichts ist da gefährlicher als angestrengtes Denken . Oh , la la ! So ist ' s bequem ! Nun erzähle mir etwas Angenehmes , Kind , von deinem Schatz ; zum Beispiel – wie viele Küsse hat ' s gestern gegeben ? Ehrlich – Trudchen ! « Er hatte sich behaglich in einen Lehnstuhl gestreckt , und die junge Nichte schob ihm ein Bänkchen unter die Füße und legte ihm eine Decke über die Knie . » Gar keine , Onkel « , sagte sie ernsthaft , » danach fragt man nicht , weißt du . Ich sehe Franz überhaupt selten . « Sie stockte . – » Mama geht so viel aus , und ich kann ihn doch nicht empfangen , wenn sie nicht daheim ist . – Ach , Onkel , das ist ' s ja , 90 deshalb wollte ich mit dir sprechen . Mama « – sie stockte wieder – , » Mama ängstigt mich mit allerhand Andeutungen über Lindens pekuniäre Lage . Du weißt , Onkel – « » Und sie versteht das aus dem Grunde , meinst du ? « fragte der alte Herr . » Nun natürlich , oh , la la ! « » Ja , Onkel . Siehst du , vorgestern fuhr Mama spazieren mit Jenny , und als sie zurückkehrte , rief sie mich in ihr Zimmer , und schon beim Eintreten merkte ich , daß irgend etwas vorgegangen sei . – Denke dir , Onkel , sie war in Niendorf gewesen , um , wie Mama sich ausdrückte , den Ort zu sehen , wo ihre Tochter sich zu begraben gedächte . Es wäre ja empörend , sagte sie , eine junge Frau in dieses Bauernhaus führen zu wollen . Es sei mehr wie bescheiden , sie habe sich gefühlt wie auf einer Pachtung dritten Ranges . Linden habe in einem Zimmer gesessen – sie konnte die Decke mit der Hand erreichen , so niedrig ; und alles schief und baufällig . Kurz und gut , ich dürfe da nicht hinein , und wenn ich auf meiner Kaprice bestände , Herrn Lindens Frau zu werden , so müsse sie erst bauen , denn er – er – , nun , er habe es ja allerdings nicht dazu . Und es sei auch viel bequemer , sich von der Schwiegermutter ein warmes Nest zurechtmachen zu lassen . Jenny , die bei dieser Szene zugegen war , stimmte voll mit ein . – Ach Gott , Onkel , er tut mir so leid , und alles meinetwegen . « 91 » Hat denn deine Mama mit ihm wegen des Baues gesprochen ? « fragte Onkel Heinrich . Sie fuhr sich mit der Hand über die Stirn . » Ach Gott , ich weiß es nicht – ich bin hinausgegangen , ohne zu antworten . Wenn ich es getan – so – , wir kämpfen mit zu ungleichen Waffen oder vielmehr , ich darf meine Waffen nicht gebrauchen , sie ist doch meine Mutter . « Die Augen des Onkels sahen sie mit unverkennbarem Mitleid an . Sie war so blaß , und um den hübschen Mund lag ein müder Zug . » Du armes Ding ! Ja , ja , den Brautstand machen sie dir nicht gerade zum Paradiese « , dachte er ; aber er räusperte sich nur und schwieg . » Und was kann ich dabei tun ? « fragte er nach