Frau von Gruber erschienen , um die Glückwünsche der hohen Frau zu übermitteln nebst einem Strauß Orchideen aus den herzoglichen Gewächshäusern . Frau von Gruber war eine volle Viertelstunde lang geblieben und hatte sich sehr herzlich gezeigt , wie Frau Rätin allen versicherte , die es hören wollen . Nach des Oberförsters Wunsch sollte die Hochzeit schon um Weihnacht stattfinden , spätestens anfangs Januar , und deshalb hatte Frau Rätin die Aussteuer für Aenne ganz energisch in Angriff genommen . In der Eßstube rasselte heute bereits die Nähmaschine ; eine ältliche dicke Person mit großer runder Brille auf dem Stumpfnäschen saß zwischen Bergen weißer Leinwand , [ 070 ] und Tante Emilie war zum Heften kommandiert . In der Küche stand Aenne neben der Mutter , angethan mit einer großen , weißen Küchenschürze , und horchte mit ernsthaftem Gesicht auf die praktischen Lehren für ihren künftigen Hausfrauenberuf . „ Immer erst einen Probekloß kochen - verstehst du , Aenne ? Falls er auseinander fällt , kann man die Masse noch fester machen . - Unsinn , Kind , ein richtiger Kloß muß mit der Hand gedreht werden , thu doch nur nicht so zimperlich , was soll denn dein künftiges Dienstmädchen von dir denken ? “ Aenne erwiderte kein Wort , sondern folgte den Weisungen der Mutter mit dem nämlichen undurchdringlichen Gesicht , wie sie es schon seit dem Tage ihrer Verlobung zeigte . „ Und heute nachmittag müssen wir hinüber gehen , Aenne , ich bekomme sonst keinen Schimmer von dem , was du an Tischwäsche und Handtüchern brauchst . Er sagt zwar , es ist noch genug da von der ersten Frau , das mag ja auch sein , aber man muß doch selbst sehen . So um Drei herum , habe ich sagen lassen an die Stübken , würden wir kommen . - Ein Glück ist ’ s doch , Aenne , daß du dich nur gleich so hineinsetzen kannst in die fertige Wirtschaft , denn , wo die Jungens so viel kosten - Vater hätte gradezu Geld borgen müssen für deine Ausstattung ! “ Aenne blieb stumm . „ Morgen mittag könnt ihr ja dann noch die letzten paar Brautvisiten machen , hast du übrigens eine Ahnung , wann Günther heute heimkommt ? “ „ Ich habe ihn nicht gefragt , Mutter . “ „ Ach , so was ! Ich weiß gar nicht , wie du bist , Aenne ! - Aber Kind , wie du ungeschickt den Kochtopf anfaßt ! Hast du dich verbrannt ? Na , das ging noch ’ mal so . Ja , was ich sagen wollte , Aenne , ich habe die Kleinen zu Mittag herüber bitten lassen , sie essen so gern Klöße , und du mußt dich jetzt doch etwas mehr um sie kümmern , finde ich . Die Aelteste ist doch eigentlich recht scheu dir gegenüber . Was mag das nur sein ? Manchmal denke ich , das Kind hat so dumme Stiefmuttermärchen gelesen oder erzählen hören , meinst du nicht auch ? Aber so – – “ Das Klingeln der Hausthür unterbrach den Redestrom der geschäftigen Frau . „ Herrgott , schon wieder Besuch ? Aber ich wüßte gar nicht , wer da noch kommen sollte , sie waren ja schon alle hier ! “ Sie nickte Aenne Stillschweigen zu und schlich zur angelehnten Küchenthür hinüber , um zu horchen , wer da sei . Eine Männerstimme fragte nach Frau Rätin und dem Fräulein ; das junge Dienstmädchen antwortete , daß die Damen zu Hause seien , die Herrschaften möchten nur eintreten in die „ gute Stube “ , sie wolle es gleich melden . Aenne stand plötzlich mit sonderbar kühlem , blassem Gesicht da , Frau Rätin kam eilig zurück zu ihrem brodelnden Kessel . „ Der Heinz Kerkow , Aenne ! An den habe ich gar nicht mehr gedacht ! Geh ’ nur immer hinein ! Sobald es die Klöße erlauben , komme ich nach . “ Langsam band Aenne die Küchenschürze ab , wusch sich die Hände und streifte die Aermel ihres rotbraunen Wollkleides herunter . Als sie die Küche verließ , wo das Dienstmädchen ganz aufgeregt der Frau Rätin erzählte , daß sich die Braut vom Herrn Lieutenant aber fein gemacht habe , trug sie ihre alte freundliche Miene zur Schau , nur daß sie den Kopf ein bißchen stolz in den Nacken gebogen hatte . „ Er muß glauben , daß ich glücklich bin , daß ich nie an ihn gedacht habe - es gilt , Aenne , es gilt , beiße die Zähne auf einander ! “ sagte sie sich . Als sie die Hand auf den Drücker legte , kam sie einen Augenblick ein Grauen an vor dem Wiedersehen und ein Zweifel an ihrer Standhaftigkeit , aber das ging vorüber , sie öffnete rasch und trat ein . Heinz Kerkow hatte ebenfalls seine ganze Energie aufgeboten , um diesen Besuch endlich auszuführen . Erst hatte er ihm von Tag zu Tag aufgeschoben unter allerhand Vorwänden - es wurde ihm so unsagbar schwer , das Mädchen wiederzusehen , von dem er genau zu wissen meinte , daß es ihn liebte , trotz ihres Schreibens . von Glück und Brautjubel ; dann hatte er sich gesagt , daß ein Verzögern die Qual nicht mindere , und hatte sich , seinem raschen Temperament entsprechend , entschlossen , sofort hinunter zu gehen Eigentlich wollte er allein ihr gratulieren , einen Besuch machen wie in alten Tagen , aber da war es Toni plötzlich eingefallen , daß sie der kleinen May auch gratulieren müsse und daß sie außer dem etwas mit dem Medizinalrat zu besprechen habe , und so waren sie beide gekommen . Aenne erblickte beim Eintreten die Hofdame vor einem der Photographiealbums , die auf der Plüschdecke des Sofatischs lagen ; Heinz stand am Fenster , nach dem Schlosse hinaufstarrend . „ Wie liebenswürdig , gnädiges Fräulein , Herr von Kerkow “ , sagte sie unbefangen und lächelte , wobei ein rosiger