ein Zug von der alten Baronin . “ „ Sie können sich nicht allein beklagen , “ sagte die Hausfrau . „ Hier ist er auch nicht gewesen . Aber Nelly kommt zu uns . “ „ Ein allerliebstes Mädchen , “ meinte die Frau Pastorin . „ So recht dem Großvater ähnlich , “ tönte jetzt die Stimme der Muhme , „ das war ein Mann . Na , aber : Wen unser Herrgott liebt , dem giebt er ein großes Leid . “ „ Er hat ja wohl sehr unglücklich mit seiner Frau gelebt ? “ fragte die Frau Pastorin , zu der Alten gewandt . „ O , Frau Pastorin , wo die hintritt , da kommt ’ s Unglück hinterdrein ; sie hat nicht blos die eigene Familie zu Grunde gerichtet , auch über andere Häuser hat sie Kummer und Sorge genug gebracht . “ „ Ja , sie muß toll gewirthschaftet haben , “ nickte der geistliche Herr , „ man hört so mitunter etwas von den Dorfleuten . “ „ Meine Familie könnte auch ein Lied davon singen , nicht wahr , Muhme ? “ fragte der Hausherr . „ Das weiß der Allmächtige ! “ rief die alte Frau „ was sind für Thränen geflossen um dieses Weibes willen ! Aber Gott hat sie alle gezählt , “ nickte sie rasch aufstehend und schritt aus dem Zimmer . „ Es thät ’ gar nichts schaden , “ murmelte sie , als sie dann in ihr Stübchen trat und noch einmal Alles überdachte , was sie so bekümmerte , „ es thät ’ gar nichts schaden , wenn ich der Liesel die Geschichte erzählte ; es könnte ihr doch ein Lichtel aufgehen , wie sie sind da droben . “ Dann stand sie auf , suchte einen Schlüssel hervor , ging leise aus dem Zimmer die Treppe hinan und schloß die Thür zu Lisett ’ s Stübchen auf . Es war ein kleiner Raum , den sie betrat , und in dem Dämmerlicht , das bereits herrschte , konnte man kaum die einfache Ausstattung erkennen . Zwischen den Fenstern eine Kommode mit blitzenden Messingbeschlägen , darüber ein Spiegel in geschnitztem Holzrahmen , der oben seltsam geschnörkelt war , eine schmale Bettstelle , grün gestrichen und mit einer plumpen Rosenguirlande bemalt , davor ein winziges Tischchen mit drei Beinen und einem eingelegten Stern auf seiner Platte , und an der gegenüberliegenden Wand ein hochlehniges , dünnbeiniges Sopha , das ordentlich aufseufzte , als jetzt die Muhme sich hineinsetzte ; über dem Bett hing ein kleines schwarzes Crucifix unter einem bunten Bilde , das ein Mädchen mit einer Taube in der Hand vorstellte , zwischen Bett und Fenster aber hatte ein Kleiderschrank mit aus dunklem Holze eingelegten Figuren Platz gefunden , während am andern Fenster ein kleiner Nähtisch mit einem hochlehnigen Stuhle davor stand . Unter dem Spiegel hing ein verwelkter Kranz mit verblaßter blauer Schleife , der seltsam contrastirte mit dem duftigen frischen Fliederstrauß in dem alten geschliffenen Glase auf der Kommode . Letzteres Liebeszeichen stellte die Muhme alljährlich hin , wenn der Flieder blühte ; die einstige Bewohnerin hatte die blauen Blüthen so sehr geliebt , und diese Zeit rief immer ein schmerzlich süßes Gedenken in dem Herzen der Alten wach . So saß sie nun heute Abend wieder in dem Stübchen der schönen Lisett , und in ihrer Seele mischten sich Vergangenheit und Gegenwart : es war ihr , als sei sie wieder das frische junge Mädchen , und die schlanke Gestalt der Freundin stehe dort drüben am Fenster und blicke mit den schönen Augen so sehnsuchtsvoll zu dem südlichen Thurme des Schlosses hinüber . „ Er kommt , Mariechen ; er kommt – ich habe das Licht gesehen , “ hatte sie einst oft gerufen und dabei in seliger Freude die Hände zusammengeschlagen , und dann waren sie hinunter gegangen in den Garten , und da , in der dunklen Jasminlaube , da hatte dann ein schönes glückliches Liebespaar gesessen in aller Zucht und Ehrbarkeit – – Und dann ? Dann lag sie auf jenem Bett , die schöne Gestalt , gebrochen unter der Last des Schmerzes , die Wangen schneeweiß und die blauen Augen voll heißer Fiebergluth . War es nicht genug , einmal solche Qual ansehen zu müssen ? „ Herr Gott , behüt ’ meinen Liebling , mein Liesel ! “ betete sie und legte den Kopf auf die Lehne des Sophas . Die Hände sanken ihr eng gefaltet in den Schooß , während sich Thränen in die alten Augen drängten . Da faßten ein Paar kleine Hände die ihren ; eine weiche Wange schmiegte sich an die ihre , und als sie aufblickte , da schauten sie ein Paar tiefe blaue Augen an und eine leise Stimme fragte : „ Was weinst Du denn , Muhme ? Bist Du immer noch bös auf mich ? “ Die alte Frau antwortete nicht sogleich ; ihr war es , als sähe sie eine holde Erscheinung in diesem Augenblicke , dann aber fragte sie : „ Wie kommst Du hierher , Liesel ? “ „ Verzeih , Muhme ! Ich suchte Dich drunten in Deiner Stube ; sie sprechen soviel von einem Baron Fritz und der Großtante Lisett , und da wollt ich Dich bitten , mir Etwas von ihnen zu erzählen , und bin Dir nun hierher nachgekommen . “ „ Dann bist Du zur guten Stunde gekommen , Liesel ! Laß sie unten immerhin sprechen . Es weiß es Keiner so gut wie ich , denn ich hab ’ es mit erlebt ; zwar wollt ’ ich , Du solltest noch lange nicht wissen , wie bunt es manchmal im Leben hergeht , aber es ist besser für Dich – komm , setz Dich – ! “ Das junge Mädcheu gehorchte , nachdem sie sich scheu in dem Zimmer , in das sie nur einmal als kleines Mädchen einen Blick geworfen , umgesehen , und die alte Frau strich