- Eine jubelnde Sicherheit war in ihr . Nichts blieb in dämmernder , beklemmender Angst . Sie wunderte sich zuerst nicht einmal , daß Raspe in ernstem Schweigen neben ihr ging . Sie fühlte : auch in ihm stürmten die Gedanken ... Mitten in ihrer grenzenlosen Aufregung fiel ihr etwas ein . Hatte sie nicht etwa durch diese und jene Bemerkung bei Raspe und seiner Mutter Vorurteile gegen Mama erweckt ? Das war gewiß nicht ihr Wille . Und sie sagte : » Witte , seien Sie offen - mir kommt es beinahe so vor - es hat doch nicht ausgesehen , als wollt ' ich Mama kritisieren ? Oder lebte nicht in Frieden mit ihr ? « » Allerdings « , antwortete Raspe ehrlich , » hatte ich den Eindruck , als ob Ihr Vater Ihnen näher gestanden habe . « » O ja - natürlich - das tat Papa natürlich . - Und das ist wohl so - man kritisiert ja doch die Eltern immer ' n bißchen - sie sollten mal Lille hören - Papa war wundervoll . Lieb und geduldig und immer vornehm . Mama hat eben mehr Temperament - und schön ist Mama ! Oh , Sie werden staunen . Immer , wenn sie mit Viktor oder Harald ausgeht , denken die Leute , sie sei die Schwester - so schöne Menschen , die dürfen ein bißchen egoistischer sein - nicht ? Mama ist oft bezaubernd , Sie glauben nicht wie . Wenn sie lustig ist und da Dinge oder Menschen sind , die sie unterhalten . Mann kann ihr dann gar nicht widerstehen ... Ich hab ' Mama ganz gewiß ebenso lieb , wie andere Kinder ihre Mutter haben , « versicherte sie . Ihr Ton wurde nach und nach zitternd , weinerlich - zum Schluß beschwörend . Die Art , wie er sie sprechen ließ , schien ihr plötzlich so abwartend , so bedrohlich . Wie ein Blitz fiel die Furcht in ihr Herz und verbannte sofort alle jubelnde Zuversicht ... Gewiß , er hielt sie für unkindlich und kaltherzig - er , der so innig mit seiner Mutter stand . Ihr Ton verriet so genau , was in ihr vorging . Raspe verstand es , und es rührte ihn . Er beruhigte sie : » Wie sollte ich daran zweifeln dürfen . Und das ist ja eine bekannte Sache , von der man oft hört : die Tochter steht dem Vater , der Sohn der Mutter näher . Darin ist wohl ein tiefer Sinn ... « » Ja , « sagte Tulla eifrig , » ja - ich stand Papa wirklich näher ... « Es kam ihr zum Bewußtsein , daß sie schon in der Friedrich-Wilhelm-Straße waren . Ihre Füße wurden ihr schwer . Sie ging immer langsamer . Mit jedem Schritt vorwärts entschwand das sichere Glücksgefühl mehr und mehr . - - All diese äußeren Dinge , die ihr gleich so gegenwärtig gewesen , versanken - das ganze Leben löste sich in schreckhafte Unbestimmtheiten auf . - Noch fünf Minuten - und man mußte sich trennen . - Mit welchem Wort würde es sein ? Raspe zögerte auch . - Er fühlte wohl : es war ein unreifes , junges Geschöpf , das da an seiner Seite ging , ihm zugewandt mit sehnsüchtigem Blick und erwartendem Herzen . Aber was ist Unreife . Ein holder Zauber mehr , wenn alle Möglichkeiten zur Reife da sind ... Waren sie es ? An Gemüt und Verstand , an Anmut des Wesens und des Körpers fehlte es dem Mädchen nicht - Ein rechter Mann konnte wohl alles aus ihr machen . Konnte er ? Eine schwere , ernste Frage - nicht im jähen Sturm daherbrausender Liebe zu erwägen - sondern in langsamer Prüfung - - Die dunkeln Augen sahen ihn flehend an - rührende Demut stand jetzt in dem feinen Gesicht , das so weiß schien , weil der feierliche Trauerpomp der schwarzen Schleier seinen Hintergrund und Rahmen bildeten . Er nahm sich zusammen - als ein rechter Mann , der er war . Denn auch für ihn war dies kein Winterabend voll Schnee und Kälte und Weltstadthelle und Lärm - Eine wunderliche Stimmung wollte ihn bezwingen - Noch niemals hatte er sich so erhoben , so voll Stolz und Kraft gefühlt - Frühlingsfreude war in ihm - die berauschende Empfindung , als bräche eine neue Lebensjahreszeit an . - Nun waren sie schon bei dem ersten der hohen Sandsteinpfeiler , die das Eisengitter stützten und gliederten , und hinter dem verschneiten Vorgarten erhob sich das prächtige Haus . Zwei Fenster im ersten Stock waren von einer sanften Helligkeit erfüllt . Alle andern von weißen Stores fest verhangen . Aber selbst in diesem Schweigen , in dieser Ruhe wirkte es wie ein Bau hochmütigen Reichtums . Man sah es diesen Mauern an , daß sie Luxus umschlossen und glänzende Lebensgewohnheiten . - - Kein Haus für einen deutschen Offizier , der andere Ideale hat , als in breitströmender Ueppigkeit genießend mitzugleiten . - » Hier sind wir , « sagte Raspe . Sein Ton war gedrückt . Er fühlte wohl , es war ein seltsam inhaltsschwerer Augenblick . Ein zitterndes junges Herz erwartete ein Abschiedswort , darin irgendeine Verheißung verborgen sein solle - irgendeinen Blick - eine Andeutung - an die sich Hoffnungen klammern konnten . Und sein Gewissen verbot ihm , sich zu verraten . Am liebsten hätte er ja dieses feine , liebe Gesicht zwischen seine Hände genommen und die dunkeln Augen geküßt , um die bangen Fragen , die darin standen , zärtlich zu bejahen . Wie konnte er ? Wie durfte er ? Kenne ich sie ? Kennt denn sie mich ? dachte er . Sie standen schweigend . Vielleicht , nein , gewiß nur ein paar Sekunden lang . Und sie sahen sich an ... War denn das möglich , daß sie gestern noch nichts voneinander gewußt hatten ? War denn nicht von jeher jede schöne Stunde ihres Lebens