. Ich sitze still bei den Meinigen und warte , bis ich abberufen werde . Und dann , Kind , warum sprichst du so laut ? « Fastrade ließ die Arme sinken , ach ja , sie hatte einen Augenblick vergessen , daß man hier gedämpft wie in einer Krankenstube zu sprechen pflegte und daß es hier im Hause die Aufgabe eines jeden war , stillzusitzen , bis man abberufen wurde . So wollte sie denn zu ihrem Vater hinübergehen . Unterwegs blieb sie noch vor einem Fenster stehen und schaute auf die Mondnacht hinaus , wie auf etwas Befreundetes und Verbündetes . Als Gertrud vor der Witzowschen Haustüre hielt , war ihr Lebensmut wieder gänzlich gesunken , und als sie im Hausflur stand und der wohlbekannte feuchte Kalkgeruch ihr entgegenschlug , da fühlte sie sich nur noch als das junge Mädchen , dessen Lebenspläne gescheitert waren und das sich vor ihrem Vater fürchtete . Sylvia kam ihr besorgt entgegen und berichtete flüsternd , der Vater sei recht ungehalten . Gertrud zuckte die Achseln , sie war entschlossen , sich nichts daraus zu machen . Als sie in das Wohnzimmer trat , sagte sie daher möglichst unbefangen » Guten Abend « . Baron Port saß an der Lampe und las die Zeitung , die Baronin saß neben ihm und strickte . Karo , der Hühnerhund , der zu Füßen seines Herrn schlief , erhob ein wenig seinen Kopf , der Duft von Schnee und Wald , den Gertrud in ihren Kleidern mitbrachte , regte ihn auf . » Guten Abend « , sagte der Baron und legte die Zeitung fort ; er wartete , bis seine Tochter sich gesetzt hatte , dann sah er sie über die Brille hinweg an und begann zu sprechen . Offenbar hatte er sich zurechtgelegt , was er sagen wollte , denn er sprach geläufig und übertrieben ermahnend . » Ich möchte wissen , wer diese neue Art der Geselligkeit hier bei uns importiert hat . Hat die Fastrade sie aus dem Krankenhause mitgebracht oder du aus der Singschule , oder hat der Dietz Egloff sie von seinen Portugiesen und Polacken gelernt ? Für Krankenschwestern , Sängerinnen und Portugiesen sind sie vielleicht passend , für unsere Fräuleins passen sie mir nicht . Das wollte ich gesagt haben . Und dann , du bist ja kränklich , du sollst auskuriert werden , wenn es sich um die Gesundheit meiner Angehörigen handelt , spare ich nicht ; aber ich verlange , daß nicht unvernünftig auf die Gesundheit losgewirtschaftet wird . Das wollte ich gesagt haben . « Er griff wieder nach seiner Zeitung . Gertrud saß schweigend da ; sie hätte gern geweint , sie hätte sich auch verteidigen können , statt dessen machte sie nur ein hochmütiges Gesicht , starrte in die Lampe , als hörte sie nicht zu , sondern dächte an ganz andere Dinge . Im Zimmer war es jetzt still , heiß und beklommen ; sie hielt es nicht länger aus , sie erhob sich und ging in die dunkele Zimmerflucht hinüber . Dort schritt sie langsam auf und ab , sie fühlte sich gekränkt und gedemütigt . Also kränklich sein , das war jetzt ihr Beruf , sonst nichts . Wenn sie ging , ließ sie die Arme schlaff niederhängen , bewegte den ganzen Körper lässig hin und her , sie ging so , wie sie es zuweilen drüben in Dresden gesehen hatte an einer kleinen Sängerin , die das Leben rücksichtslos zu genießen verstand . Wenn sie nach durchjubelter Nacht am Morgen in ihren himmelblauen Morgenrock gehüllt in das Wohnzimmer kam , dann hatte sie diese sorglos müden Bewegungen gehabt , die Gertrud stets wie die beredteste Gebärde der Verachtung aller Philistermoral erschienen waren . Allein jetzt so zu gehen brachte Gertrud keine Erleichterung . Wenn sie singen könnte . Aber das durfte sie ja nicht . Das einzige , was ihr jetzt helfen konnte , war ihr verboten . Und doch , das Bedürfnis zu singen war zu stark , sie ging in den Flur hinaus und stieg dort eine Treppe zum unteren Geschoß des Hauses hinab . Hier befand sich der Raum , in dem die Mägde zu spinnen pflegten ; von weitem hörte sie schon das Schnurren der Spinnräder und den schläfrig eintönigen Gesang der Mägde . Entschlossen öffnete Gertrud die Tür . Der Raum war von einer trüben Petroleumlampe erhellt ; es roch nach Wolle und den feuchten Holzscheiten , die im Ofen prasselten . In langer Reihe saßen die Mägde da , breite Gestalten in schweren Wollenkleidern ; sie drehten an ihren Rädern und sangen beruhigt und schläfrig vor sich hin . Als Gertrud eintrat , blieben die Räder stehen , und die Köpfe hoben sich . » Wartet , « sagte Gertrud ein wenig atemlos und befangen , » ich singe euch etwas vor . « Und sie begann gleich , etwas ganz Süßes mußte es sein . » Auf Flügeln des Gesanges , Herzliebchen , trag ich dich fort . « Sie rang wieder die Hände ineinander , hob sich auf die Fußzehen , sang sich alles Witzowsche von der Seele , berauschte sich an diesem Liebesgirren . » Dort wollen wir niedersinken , Dort unter dem Palmenbaum , Und Liebe und Wonne trinken Und träumen manch seligen Traum . « Die Mägde hörten zu , ihre Lippen verzogen sich zu einem starren Lächeln , die Augen , die anfangs neugierig auf Gertrud gerichtet waren , wurden klar und regungslos , und auf den großen Gesichtern lag es wie süße Schläfrigkeit . Jetzt war Gertrud zu Ende ; ein wenig erstaunt schaute sie sich um , als erwachte sie aus einem Traum , dann lachte sie verlegen . Die Mägde lachten auch , und die dicke Liese als die Älteste nahm das Wort und sagte : » Das kann unser Fräulein schön herausschreien . « - » So , ja , « meinte Gertrud , » jetzt gute Nacht « , und sie verließ